Montag, 1. Juli 2019

Fallstricke der Komplexität - THIS PLACE in Berlin


Seit diesem Monat ist im Jüdischen Museum in Berlin die Ausstellung "This Place" zu sehen. Sie zeigt die Fotoarbeiten von 11 Fotografen über Israel. Die Ausstellung hat viele mediale Präsenz. Etwas unter geht dabei, dass Sie schon 2014 in Prag gezeigt wurde. Es war quasi der Start der Welttour. Dort waren auch alle Werke in voller Länge zu sehen. Damals habe ich die Ausstellung für die Zeitschrift Photonews rezensiert und veröffentliche den Text hier erneut, um zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der Ausstellung anzuregen.

Zentraler Ausstellungsraum des Dox Center in Prag mit Arbeiten von "This Place"

Kaum eine Region weist eine so hohe Dichte an lokalen und internationalen Fotografen auf wie Israel und die palästinensischen Gebiete. In den deutschen und internationalen Medien sind Bilder der Region allseits präsent und haben Eingang auch in den Kunstmarkt gefunden. Dies hat den französischen Fotografen Fréderic Brenner nicht davon abgehalten, für das Projekt „This Place“ 11 internationale Fotografen für zum Teil mehrmonatige Künstlerresidenzen in die Region einzuladen. Die Ergebnisse sind seit dem 24. Oktober in Form einer umfangreichen Ausstellung im Dox Center for Contemporary Art in Prag zu sehen. Inspiration für sein Projekt holte sich Fréderic Brenner bei anderen fotografischen Großprojekten, wie dem Dokumentarprogramm der Farm Security Administration (FSA) in den USA der 1940er Jahre und der „Mission photographique de la Datar“ aus dem Frankreich der 1980er Jahre.

Brenner verfolgt mit seinem Projekt das Ziel, ein neues heterogenes Narrativ zu erschaffen und sich mit Israel und der Westbank als Ort und Metapher zu beschäftigen: „Ich glaube, dass wir nur durch die Augen großer Künstler anfangen können, die Komplexität Israels zu verstehen“. Die entstandenen Projekte sind dabei allesamt Auftragsarbeiten, die ausschließlich für „This Place“ angefertigt wurden. Die immensen Kosten von fast 6 Millionen Euro wurden zum Großteil von amerikanischen Privatleuten und Stiftungen sowie einer umfangreichen Materialspende von Kodak  getragen. Damit wurde es möglich, dass alle Fotografen auf Film fotografieren konnten und einige sich den Luxus gönnten, das komplette Projekt in 8x10 Inch zu fotografieren. Neben der Teilnahme an der Gruppenausstellung veröffentlichen alle Teilnehmer eigene Fotobücher über ihre Projekte. Der Großteil davon erscheint bei Mack Books aus London.

Ästhetisch Erwartbares

Viele der beteiligten Fotografen liefern dabei fotografisch und ästhetisch das, was man von ihnen gewohnt ist. Während Brenner vor allem Familienporträts unterschiedlicher jüdischer Glaubensrichtungen anfertigt, setzt sich Stephen Shore intensiv mit der Landschaft in der Region auseinander. Joseph Koudelka fokussiert sich dagegen auf die Mauer bzw. israelische Sperranlage und zeigt sie in altbekannter, grobkörniger Schwarz-Weiß Fotografie im Panoramaformat. Thomas Struth setzt konsequent Landschaften und Interieurs in Szene, während Jeff Wall sein Schaffen auf ein einziges Bild schlafender Beduinen in einem Olivenhain vor einem Gefängnis am Horizont beschränkt. Der Franzose Gilles Peress, der einzige der Gruppe, der schon langjährige Erfahrung in der Region vorweisen konnte, widmete sich dem Alltag im Ost-Jerusalemer Stadtteil Silwan. Der englische Künstler Nick Wapplington machte Porträts und Landschaftsaufnahmen in Siedlungen in der Westbank, während die Amerikanerin Rosalind Salomon die Region per Bus bereiste und in ihrer altbewährten Technik angeblitzte Schwarz-Weiß Porträts anfertigte.

In dem Sinn neu und ungewöhnlich sind die Projekte von Martin Kollar, Fazal Sheikh und Jungjin Lee. Martin Kollar erschafft eine Welt, die aus Filmkulissen zu bestehen scheint (Siehe Portfolio in Photonews ). Dabei sind die Bilder auf den Straßen von Tel Aviv, in einem Hangar am Flughafen Ben Gurion, in einem Hypnosezentrum oder auf dem militärischen Trainingsgelände Tze’elim aufgenommen. Er kreiert eine fantastische, vermeintlich der Realität entrückte Welt. Jungjin Lee schafft es mit ihrer besonderen Technik, den so bekannten Landschaften eine neue Ästhetik einzuhauchen und sie in einem anderen Licht zu präsentieren. Die Orte wirken generisch und sind es doch wieder nicht, da selbst durch die Verfremdung die Stacheldrahtrollen oder die Eukalyptusbäume der Region zuordenbar sind.

Fotografisches Neuland

Für eine völlig neue Bildsprache entschied sich der Amerikaner Fazahl Sheikh. Bekannt vor allem durch Schwarz-Weiß Porträts wählte Sheikh den Weg der Luftaufnahme, um die Veränderung der Landschaft in der Negevwüste Israels deutlich zu machen. Exemplarisch wird in seinen Bildern deutlich, wie unterschiedlich die in der Negev siedelnden Gruppen in die Landschaft eingreifen. Während die landwirtschaftliche Nutzung durch die Beduinen nur vom geschulten Auge zu sehen ist, sind die Felder israelischer Kibbutzim aufgrund maschinell gezogener schnurgerader Furchen gut zu erkennen. Fasziniert zeigte sich Sheikh vor allem von den Beduinen: „Die Beduinen haben gelernt in einer fragilen Gegend zu überleben“. Unerlässliche Ressource um zu verstehen, was Sheiks Bilder zeigen, war ein in der Ausstellung ausliegendes kleines Booklet mit genauen geographischen Angaben und kurzen Beschreibungen der Orte.

Die inhaltlich komplexeste Arbeit stammt von Wendy Ewald. Sie hat dabei mit ihrem über viele Jahre erprobten Ansatz „Literacy through Photography“ gearbeitet, hinter dem sich partizipative Fotoworkshops verbergen. Ewald arbeitete dazu mit 14 Gruppen verschiedener Altersstufen zusammen, darunter Beduinen aus der Negevwüste, jungen jüdisch-israelischen Rekruten, Drusen im Karmelgebirge und palästinensischen Frauen im Ost-Jerusalemer Stadtteil Silwan. Beeindruckt zeigte sich Ewald davon, wie unterschiedlich die einzelnen Gruppen mit dem Medium Fotografie umgingen und wie stark die unterschiedlichen Lebensumstände die Bildinhalte beeinflussten. Während die Bilder der Rekruten vom Alltag des Wehrdienstes erzählen, zeigen die Bilder der Frauen aus Silwan die täglichen Konfrontationen mit jüdischen Siedlern. Gelungen ist Ewalds Ausstellungspräsentation, die eine Auswahl von Bildern der einzelnen Gruppen mit kurzen Texttafeln kombiniert, so dass genau die Tiefe und Komplexität entsteht, die einigen anderen Arbeiten fehlt.

Zwölf Perspektiven im Dialog

Eine einzigartige Gelegenheit hinter die Kulissen von „This Place“ zu schauen, bot die Veranstaltung „12 Perspectives“ am Eröffnungswochenende der Prager Ausstellung. In Vierer-Gruppen erzählten die beteiligten Fotografen von den Hintergründen des Projekts und ihren persönlichen Motivationen daran teilzunehmen. Dabei wurde erneut deutlich, wie unterschiedlich die Interessen und die Herangehensweisen der Fotografen waren. „Es war der einfachste Ort, an dem ich je gearbeitet habe“ stellte Wendy Ewald klar. Für Jungjin Lee war es dagegen das politischste Projekt ihrer Karriere: „Meine Bilder zeigen meine erschütternden Erfahrungen“. Und Joseph Koudelka, der seine Erfahrungen in Israel und der Westbank mit dem Leben in Prag hinter dem Eisernen Vorhang verglich, erzählte, wie er jedes Mal aufatmete, wenn er das Land im Flugzeug verlassen konnte. Klar wurde auch, dass „This Place“ kein Gemeinschaftsprojekt war, sondern alle Fotografen individuell an ihren Projekten arbeiteten.


Politische Fallstricke

Obwohl das Projekt hauptsächlich Israel thematisieren wollte, ist unterschwellig in fast allen  Arbeiten der israelisch-palästinensische Konflikt präsent. Umso unverständlicher erscheint es, warum alle offiziellen Texte einen großen Bogen darum machen, dies zu benennen. Was auf den ersten Blick wie der neutrale Versuch erscheint, die Thematisierung des Konflikts und vermeintlich politische Definitionen zu vermeiden, folgt auf den zweiten Blick dem dominanten israelischen Konfliktnarrativ. Charakteristisch dafür ist, Palästinenser nicht als Palästinenser zu bezeichnen, das Wort Besatzung und palästinensische Gebiete zu vermeiden sowie Israel nicht innerhalb klar zuordenbarer politischer Grenzen zu verordnen. So entsteht der Eindruck einer Region, in der Menschen sich frei bewegen können, individuelle Freiheiten für alle herrschen und  unterschiedliche Völker nebeneinander existieren. Der kritische Ansatz der Arbeiten von Gilles Peress, Joseph Koudelka, Fazal Sheikh oder Wendy Ewald wird damit verwässert und letztlich entpolitisiert.

In der Ausstellung wird dies an der fehlenden Kontextualisierung einiger Arbeiten deutlich. Die tiefere Bedeutung, die viele der gezeigten Bilder besitzen, kann sich der Betrachter damit nicht erschließen. Stephen Shore benutzt zwar  Ortsangaben, es fehlen jedoch Hinweise auf die Region, wo die Bilder entstanden sind. Die Arbeit „Settlement“ von Nick Wapplington verzichtet gleich ganz auf Bildunterschriften oder Titel und lässt den Betrachter mit diesem hochkomplexen Thema allein. Ein gutes Beispiel ist auch das Bild „Judean Hills“ von Frederic Brenner. Es zeigt eine Familie inmitten einer Schafherde, die sich harmonisch in eine karge Hügellandschaft einpasst. Weder erfährt man den Namen der Familie noch den genauen Ort. Damit kann auch die Bedeutung der Inszenierung und die dem Bild innewohnende Symbolik nicht erkannt und als solches dechiffriert werden. Was bleibt, ist das Bild perfekter ländlicher Idylle. Nur wer die Region kennt, kann an der Kleidung der Erwachsenen sowie an den religiösen Symbolen ablesen, dass es sich um national-religiöse Siedler handelt.

Vernachlässigung lokaler Perspektiven

Gut getan hätte dem Projekt ein bisschen mehr Bescheidenheit. Wer die Region und die Arbeit lokaler Fotografen kennt, weiß, dass es keineswegs neue Themen und fotografische Ansätze sind, die dort verhandelt wurden. Da viele dieser Arbeiten einem breiten Publikum in Europa jedoch nicht bekannt sind, erscheint es so, als würde „This Place“ inhaltlich und fotografisch Neuland betreten. Die Arbeiten israelischer Fotografen wie Miki Kratsman, Shai Kremer, Adi Nes oder Dror Guez und ihrer palästinensischen Kolleginnen wie Ahlam Shibli oder Rula Halawani haben eine Reihe der in „This Place“ behandelten Themen bereits aufgegriffen und ästhetisch überzeugend verhandelt. Schade ist, dass mit dem Argument, nur große internationale Künstler könnten der Komplexität Israels auf den Grund gehen, den lokalen Fotografen die Fähigkeit abgesprochen wird, ein ähnliches Projekt auf die Beine zu stellen. Die Möglichkeit, lokale Fotografen mit einzubeziehen, wurde vom Projektteam zwar angedacht, dann aber verworfen. Ohne politisch stärker Position zu beziehen, wäre die Arbeit mit Palästinensern ohnehin nicht möglich gewesen. Aus diesem Grund werden vermutlich auch alle Bemühungen, die Ausstellung in der Westbank zu zeigen, scheitern. Position zu beziehen bedeutet dabei nicht in binäre Denkschemata zu verfallen, sondern politische und soziale Unterschiede zu benennen und eine Kontextualisierung der eigenen Arbeit vorzunehmen, damit die Rede vom Verständnis der Komplexität nicht zu einer Worthülse verkommt.

Dienstag, 11. Juni 2019

Neuer Band von "Fotografie und Konflikt"

Mit dem neuen Band "Rezensionen und Kritiken" ist der nun mehr vierte Band aus der Reihe "Fotografie und Konflikt" erschienen. Über Ausstellungskritiken und Buchrezensionen erlaubt das Buch einen Einblick in kuratorische und publizistische Projekte aus den letzten fünf Jahren, die sich mit der Kriegsfotografie beschäftigen. Das Spektrum der diskutierten Projekte reicht von fotojournalistischen bis hin zu künstlerischen Ansätzen.

Wie die vorherigen Bände ist das Buch im Eigenverlag bei Books on Demand erschienen. Es hat 84 Seiten und kostet 6,90 (ISBN: 9783738616712). Es kann entweder direkt bei mir über diesen Link, bei Books on Demand oder im Buchhandel erworben werden. Über Ihr Interesse am Buch freue ich mich sehr.


Donnerstag, 10. Januar 2019

Fotos für den Frieden


Im Oktober vergangenen Jahres fragte mich das Hamburger Greenpeace Magazin, ob ich nicht einen Essay das Verhältnis von Kriegsfotografie und Frieden schreiben wolle. Gerne bin ich dem nachgekommen, umso mehr, als dass das Schwerpunktthema der Ausgabe dem Frieden gewidmet war. Als Teaser hier der erste Absatz des Textes. 


„Why?“, stand in dicken schwarzen Lettern auf meinem T-Shirt, darunter das Bild eines Soldaten, der mit in die Höhe gerissenen Armen zu Boden sinkt. Es war mein erstes Polit-T-Shirt und Mitte der 1990er Jahre ein bekanntes Motiv, das in vielen linken WGs als Poster an der Wand hing. Wo das Bild herkam und was es ausmachte, war für mich damals eher nebensächlich. Was zählte, war die Botschaft, das Shirt als Symbol meines jugendlichen Pazifismus: Nie wieder Krieg, egal aus welchen Gründen, egal unter welchen Bedingungen. Dafür ging ich auf die Straße: erst gegen den Kosovokrieg, dann gegen den Irakkrieg.

Der komplette Text findet sich in der Ausgabe 01/2019 des Greenpeace Magazins und ist am Kiosk oder über die Webseite der Zeitschrift zu beziehen.

Montag, 16. Juli 2018

"Kuratitis" in der Fotografie

Zweifelsohne: Fotografien und fotografische Werke brauchen in den allermeisten Fällen einen zusätzlichen Text. Sei es um Hintergrundinformationen zu Autor und Werk zu geben oder über Bildunterschriften den Kontext einzelner Fotografie herzustellen. Aber was sich zur Zeit an Textproduktion über Fotografie vor allem auf Festivals beobachten lässt, ist schon erstaunlich. Selten habe ich so viele frei schwafelnde und unnötig interpretierende Texte gelesen, die nicht nur den gezeigten Arbeiten nicht gerecht werden, sondern auch thematisch in die Irre führen. Bei meinem Besuch des Festivals "Phototriennale" in Hamburg wurde mir dies bei der Ausstellung "Control" in der Hamburger Kunsthalle wieder eindrücklich vor Augen geführt.

Ausstellungsansicht von "Control" aus der Hamburger Kunsthalle

Eine der dort gezeigten Arbeiten ist das Triptychon "Monney" von Annette Kelm. Die drei Fotografien zeigen Ein-Dollarnoten auf einem einfarbigen Hintergrund, die im ersten Bild das Wort "Monney" formen, was sich in den beiden anderen Bildern auflöst bis nur ein Haufen Dollarnoten übrig ist. Laut dem dazugehörigen Text regt die Arbeit "zu einem grundsätzlichen Nachdenken über die Lesbarkeit der Fotografie und die Grenzen der Darstellbarkeit von komplexeren Zusammenhängen wie etwa dem von Geld und Kontrolle an". Mir ist völlig schleierhaft geblieben, inwiefern das Triptychon die Lesbarkeit der Fotografie thematisiert und den Aspekt der Kontrolle aufzeigt.

Ebenfalls in der Ausstellung zu sehen ist der fünf Bilder umfassende Zyklus "Presidency" von Thomas Demand aus dem Jahr 2008. Demand ist einer der Lieblinge zeitgenössischer Kunstausstellungen und wird immer dann zu Rate gezogen, wenn es darum geht, das Verhältnis von Realität und Fiktion zu thematisieren. Thomas Demand baut Ereignisse und Schauplätze der Politik, wie in diesem Fall das Oval Office des amerikanischen Präsidenten, als lebensgroße Papp- und Papiermodelle nach, die er dann fotografiert. Während der begleitende Text richtig und nachvollziehbar darauf verweist, dass Demand "die Inszenierung von Macht" dokumentiert, verliert er sich gleich darauf im Spekulativen in dem er der Arbeit bescheinigt, sie demonstriere, "dass wir uns durch das Abbilden mit der Täuschung begnügen".

Es verwundert insofern nicht, dass ich mich hier auf Texte einer Gruppenausstellung innerhalb eines Festivals beziehe, sind diese doch Teil von zwei weiteren zu problematisierenden Phänomenen: der "Kuratitis" in der Fotografie und der neuen Eventkultur der Fotofestivals. Da Gruppenausstellungen und Festivals meist eine thematische Klammer haben, können die Kurator_innen hier zu Höchstform auflaufen, ist es doch ihre Aufgabe, über die Texte in den Ausstellungen die Bezüge zwischen den einzelnen Werken herzustellen. Dass die eigentlichen fotografischen Arbeiten dabei oft in völlig verschiedenen kuratorischen Projekten mit zum Teil gegensätzlichen Thematiken auftauchen: geschenkt.

Und wenn wie im Juni dieses Jahres mit der Phototriennale in Hamburg, dem F/Stop in Leipzig, dem LUMIX Festival in Hannover und dem RAY in Frankfurt gleich vier große Festival in Deutschland parallel laufen, dann kann dies eben nur dadurch funktionieren, dass alle versuchen, einen maximal individuellen Charakter herauszustreichen und als singuläres Event wahrgenommen zu werden. Dafür sind dann die Kurator_innen gefragt, die so prägnante wie nichtssagende Themen wie "Extreme" (RAY), "Zerrissene Gesellschaft" (F/Stop) oder "Breaking Point" (Phototriennale) wählen.

Richtig böse sein kann man den Kurator_innen dabei jedoch nicht, sind sie doch selbst in den Logiken eines neoliberalen Kunstmarktes gefangen, in dem nicht nur die Künstler_innen sondern auch die Kurator_innen dazu verdammt sind, als maximal individualisierte Subjekte zu fungieren, um innerhalb der Aufmerksamkeitsökonomie wahrgenommen zu werden. Die Festivals sind Teil dieses Phänomens und stehen darüber hinaus für eine Kulturpolitik und -produktion als Teil einer Eventkultur, bei der das künstlerische und kuratorische Prekariatat unter maximalem Aufwand innerhalb kürzester Zeit größtmögliche Aufmerksamkeit generieren muss, um dann schnell an den nächsten Ort weiterzuziehen. Da wünscht man sich doch ein bisschen mehr Bescheidenheit.


Donnerstag, 12. Juli 2018

Protest an der FH Dortmund


An der Fachhochschule Dortmund organisieren sich die seit dem 10. Juli die Fotografiestudierenden, um gegen die Weigerung des Rektorats, eine Professor für Fotografie an den renommierten Fotojournalisten Christoph Bangert zu vergeben, zu protestieren. Am 11. und 12. Juli fanden erste Protestveranstaltungen statt die so lange weitergehen sollen, bis es eine befriedigende Antwort des Rektorats gibt. 





Updates zu den Protesten und zu den Verhandlungen mit dem Rektorat gibt es auf der Facebookseite der Studierenden "We Focus on Students", mit der ironisch das Motto der FH Dortmund kommentiert wird.

Mittwoch, 6. Juni 2018

Krieg und Gewalt als Zirkelschluss


Unter dem Titel "Zirkelschluss" zeigt das Kasseler Museum für Sepulkralkultur drei fotografische Arbeiten, die sich mit dem Themenkomplex Fotografie und Krieg beschäftigen. Unter "Zirkelschluss" verstehen die Macher der Ausstellung den Teufelskreis, der aus der Logik von Gewalt entsteht: "Mein Feind ist böse, und weil er böse ist, ist er der Feind". Die Ausstellung präsentiert künstlerische Auseinandersetzungen "mit den Folgen eines Denkens in diesen Kategorien". Zu sehen ist die Arbeit "Targets" von Herlinde Koelbl, mit der sie dokumentiert, worauf Soldaten schießen, die Serie "The Afghans" von Jens Umbach mit großformatigen Porträts von Menschen, die in der Nähe von Bundeswehrcamps in Afghanistan leben und die Projekte "#Strike" und "#Surveillance" von Dieter Huber.



Zu sehen sind die Arbeiten in den temporären Ausstellungsräumen des Museums, die eine tolle Atmosphäre haben und grandiose Ausblicke auf das Fuldatal ermöglichen. Alle drei Arbeiten stellen für sich genommen spannende künstlerisch-fotografische Positionen auf den Gegenstand Konflikt und Gewalt dar. Wobei hervorzuheben ist, dass die Arbeit von Koelbl in Kassel als Videoinstallation präsentiert wird. Koelbl's Arbeit arbeitet gut die Routinen des militärischen Trainings auf Schießständen heraus und zeigt, welch unterschiedliche Gegenstände als Zielscheiben genommen werden, was zum Teil absurd anmutet. Umbach setzt afghanische Zivilisten in tollen Schwarz-Weiß-Aufnahmen vor einem weißen Hintergrund in Szene und ermöglicht es dem Betrachter, sich den Menschen unvoreingenommen zu nähern. Und Dieter Huber zeigt mit #Strike wie Einschusslöcher zu ästhetischen Artefakten werden können.

Gleichwohl zeigt die Ausstellung jedoch, wie Schwierigkeit der kuratorische Umgang mit dem Thema ist. So wirft der kuratorische Text einige spannende Fragen auf: "Wie kann ich mich schützen? Was darf ich präventiv tun, um mich zu verteidigen? Wie verhindere ich, dass mein Schutzbedürfnis andere bedroht und sie zur Aufrüstung drängt?" Gleichzeitig thematisieren die gezeigten Positionen diese Fragen, wenn überhaupt, nur am Rande. Des weiteren verlieren die Arbeiten extrem an Kraft, da sie ohne jegliche textliche Kontextualisierung präsentiert werden. Nur im Ausstellungsflyer finden sich zu jeder Arbeit zwei kurze Sätze was zu wenig ist, um die Arbeiten zu verstehen. So werden vor allem die Arbeiten von Umbach und Huber ausschließlich auf ihre – zugegebenermaßen sehr ästhetische – äußere Form reduziert. Insofern ist die Ausstellung selbst im Zirkelschluss gefangen, dass die Präsentation von fotografischen Positionen im White Cube eines Galerieraumes ausreicht, um Bedeutung zu produzieren.

Freitag, 18. Mai 2018

Rezensionen zu "Fotoreporter im Konflikt"

In den vergangenen Monaten sind dankeswerterweise einige tolle und zumeist sehr positive Rezensionen meiner im transcript Verlag erschienenen Publikation "Fotoreporter im Konflikt - Der internationale Fotojournalismus in Israel/Palästina" erschienen.


Für die Zeitschrift "Publizistik" hat Kathrin Schleicher von der TU Ilmenau das Buch in einem ausführlichen, zweiseitigen Text besprochen. Beeindruckt zeigt sie sich davon, dass die Arbeit "in mehrere Forschungslücken stößt". Lobend erwähnt sie, dass die befragten Fotoreporterinnen immer wieder zitiert werden und ihnen damit eine Stimme verliehen wird. Sie beendet den Text mit folgendem Kommentar:

"Basierend auf den Ergebnissen bildet Koltermann im vorletzten Kapitel seines Buches eine Typologie fotojournalistischer Akteure, um deren individuelle Handlungsspielräume beschreiben zu können. So unterscheidet er beispielsweise zwischen dem „News Runner“ und dem „Geschichtenerzähler“ (S. 403 ff.). Ob die vorgeschlagene Typologie freilich das Potential hat, über das Fallbeispiel hinaus Bestand zu haben, müssen weitere Studien klären. Gleichwohl hat Felix Koltermann eine gelungene Dissertation zur Fundierung weiterer Forschung über die Tätigkeit von FotojournalistInnen vorgelegt, die der Kommunikationswissenschaft ebenso zuarbeitet wie der Konflikt- und Friedensforschung und daher auch über die Fachgrenzen hinaus rezipiert werden sollte".

Clemens Ronnefeldt, Referent für Friedensfragen beim Bund für soziale Verteidigung hat das Buch für die Zeitschrift "Wissenschaft&Frieden" rezensiert. Er hebt "das große Bemühen des Autors, beiden Seiten des Nahostkonfliktes gerecht zu werden" hervor und schließt seinen Text folgendermaßen:

"Ein großes Verdienst des Autors liegt darin, dass er die Auswirkungen von Herrschafts- und Machtstrukturen auf den Fotojournalismus deutlich herausgearbeitet hat. Er beschreibt Fotoreporter*innen aus einer konfliktwissenschaftlichen Perspektive als Akteur*innen im Konflikt und aus einer kommunikationswissenschaftlichen Sicht als kommunizierende Akteur*innen. Diese Doppelperspektive darzustellen, gelingt ihm hervorragend".

Daniel Beck, wissenschaftliche Hilfskraft im Masterprogramm "Peace and Conflict Studies" der Universität Magdeburg schreibt in seiner Besprechung für das Journal Conflict&Communication Online folgendes:

"In einer von Arbeiten zu Repräsentation dominierten Forschungslandschaft bietet die Arbeit neue Erkenntnisse für das Verständnis der Akteure hinter den visuellen Produkten und deren Umgang mit dem Konflikt. Auch die Rolle der unterschiedlichen Agenturen sind fachkundig erläutert. Dabei erhält der Leser auch systematisches Wissen über die Funktionsweise der globalen Vermarktung der visuellen Produkte. Vor allem die Darstellung der Prozesse und Strukturen von der Entstehung, Selektion und Publikation der visuellen Produkte ist sehr aufschlussreich."

Für das "Global Media Journal" hat Julia Lönnendonker von der TU Dortmund eine weitere Rezension verfasst hat. Hier Ihr Fazit:

"Abschließend lässt sich sagen, dass Koltermanns umfangreiches Werk vor allem durch seine theoretische Fundierung und die detaillierte Begründung seiner empirischen Vorgehensweise hervorsticht. Die Arbeit ist klar nachvollziehbar aufgebaut, gut lesbar und die tabellarische Darstellung der heterogenen Ergebnisse vereinfacht an vielen Stellen das Leseverständnis."