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Freitag, 16. Juli 2021

Rezension Julia Leeb - Menschlichkeit in Zeiten der Angst

Eine junge blonde Frau aus gutem Hause, die sich mit dem Fotoapparat auf den Weg in die Krisengebiete der Welt macht: Da ist der Weg zum Heldinnenmythos nicht weit, auch wenn anders als im klassischen Stoff der Literatur- und Kriegsfotografiegeschichte in diesem Fall der Held eine Frau ist. Vergegenwärtigt man sich, was die Münchnerin Leeb in den vergangenen Jahren erduldete, ist der Kommentar der Süddeutschen Zeitung auf dem Cover nur allzu passend: „Was sie schon alles erlebt hat, könnte gut für ein paar Leben reichen“. Die Frage ist jedoch, ob dies ausreichend ist, um daraus ein Buch zu machen und wie sich dieses im Diskurs über die Kriegsfotografie verorten lässt. 

Das Buch nimmt die Leser*innen in 14 Kapiteln über einen Zeitraum von sechs Jahren mit auf die Reise nach Nordafrika, Subsahara-Afrika, den Kaukasus und Nordkorea. Aufhänger und inhaltliche Klammer ist eine Reise nach Libyen. Dort entrinnt Julia Leeb im März 2011 nach einem Angriff auf ihr Auto bei einer Überlandfahrt nur knapp dem Tod. Ihr lokaler Guide hingegen kommt uns Leben. Das Buch endet mit einem Besuch seiner Familie im November 2011. Dazwischen springt Leeb hin und her zwischen ihrer Jugend und Reisen nach Ägypten, Nordkorea, Kongo, Transnistrien, Sudan und immer wieder nach Libyen. Als Ich-Erzählerin gibt sie uns Einblicke in diese Länder und erzählt von Begegnungen mit Menschen, gepaart mit autobiographischen Erzählteilen. Die Reisen unternahm sie entweder mit Jürgen Todenhöfer, als freie Journalistin auf eigene Faust oder auch als Touristin mit Freundinnen. 

Als zeithistorisches Dokument über Krisenregionen im ersten und zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts leben ihre Schilderungen vor allem von ihrer Erfahrung als Augenzeugin bei historischen Ereignissen, etwa auf dem Tahrirplatz in Kairo im Februar 2011, und vom Aufsuchen besonderer Orte abseits medialer Aufmerksamkeit wie den Nuba-Bergen im Sudan oder dem hermetisch abgeriegelten Regime in Nordkorea. Dazu kommen bezogen auf Ägypten vertiefte persönliche Kenntnisse des Landes, die sie dort während einer längeren Studien- und Lebensphase sammelt. In einem angenehmen und gut lesbaren Stil nimmt sie die Leser*innen mit, immer auf der Suche nach den persönlichen Geschichten. 

Darüber hinaus ist Leebs Buch aber auch eine Schilderung ihrer Erfahrung als Fotojournalistin. Immer wieder gibt es Bezüge, wo sie von einem Verlangen spricht, „die Geschehnisse in Bildern festzuhalten“. Dies ist zu Teilen recht pathetisch und plattitüdenhaft. Gleichzeitig leitet sie das Kapitel über die Arbeit als freie Journalistin mit den Worten ein „Mir ist das Etikett gleich. Ich will nur dokumentieren, was ich sehe“ und setzt ihre eigene Arbeit in Bezug zu bekannten Namen aus dem Krisenjournalismus. Über ihr journalistisches Handwerk erfährt man jedoch wenig, ihre Auftraggeber*innen bleiben nebulös und die Frauen, die sie als Unterstützerinnen benennt, arbeiten eher für Unternehmen oder als Beraterinnen. 

Das Fotografische findet sich jedoch nicht nur in ihren Schilderungen, sondern auch in knapp 50 den Text begleitenden Fotografien. Auffällig ist an diesen Fotografien, dass sie kaum etwas erzählen, was sie in großem Gegensatz zum Text zurücklässt. Dazu kommt, dass sie farblich an die Ästhetik von Instagramfiltern erinnern und fast durchgehend mit Vignettierungen versehen sind. Einzig die das Kapitel zum Kongo begleitenden Schwarz-Weiß Bilder haben etwas von einer Reportage und ermöglichen einen – wenn auch eingeschränkten – Einblick in das Leben der Menschen. Aber so ganz will das unstetige und zum Teil schnappschussartige der Bilder nicht ihrem formulierten Selbstverständnis als Fotojournalistin passen. Auch wenn man sich ihrem abschließenden Plädoyer für die Menschlichkeit kaum verweigern kann, bleibt man als Leser*in am Ende doch etwas ratlos zurück. Als Role-Model für Fotografinnen abseits des männlichen Heldenmythos und einen unabhängigen rechercheorientierten Journalismus taugen ihre Schilderungen jedoch nicht. 

Julia Leeb: Menschlichkeit in Zeiten der Angst - Reportagen über die Kriegsgebiete und Revolutionen unserer Welt; Erschienen: 18.01.2021; Suhrkamp Taschenbuch, Gebunden, 234 Seiten; ISBN: 978-3-518-47075-6 

Zuerst erschienen in Photonews Juli/August 2021

Mittwoch, 4. März 2020

Ein depolitisierter Blick auf die Welt


Mit der Ausstellung "Un'Antologia" des Magnum Fotografen Paolo Pellegrin haben die Hamburger Deichtorhallen gleich in mehrfacher Hinsicht Neuland betreten. So ist es nicht nur die erste umfassende Werkschau des italienischen Fotografen in Deutschland, sondern auch ein radikal neuer Ansatz, dokumentarische Fotografie in den Ausstellungsraum zu bringen. In meinem Kommentar will ich vor allem zwei Fragen nachgehen. Zum einen will ich diskutieren, inwieweit das Ausstellungskonzept den selbst gesetzten Ansprüchen genügt und zum anderen fragen, was die Präsentationsform mit dem politischen Gehalt des Gezeigten macht.
 
Ausstellungsansicht I - Paolo Pellegrin "Un'Antologia", Deichtorhallen Hamburg
Um zu verstehen, was die kuratorischen Rahmenbedingungen bzw. die damit verbundenen konzeptionellen Kniffe sind, ist vor allem das Begleitheft der Ausstellung eine gute Quelle. Dort schreibt etwa Simona Antonacci von der Fondazione MAXXI in Rom, wo die Ausstellung in reduzierter Form 2019 bereits zu sehen war, die Ausstellung entfalte "ihre Erzählung zwischen zwei polaren Gegensätzen, Licht und Dunkelheit – Metaphern für die extremsten Erscheinungsformen des Daseins". Licht und Dunkelheit  sind Begriffe, die sowohl theologisch und philosophisch wie aber auch Alltagspraktisch stark belegt sind. Licht, das ist der Himmel, das Gute, das Bewusste, Dunkel, das ist die Hölle, das Böse, das Unbewusste. In der Hamburger Ausstellung Pellegrins werden im dunklen Bereich zu Anfang des Rundgangs fast ausschließlich Kriegsfotografien gezeigt, später auch Landschaftsaufnahmen der Grenze zwischen den USA und Mexiko oder eine Reportage aus den USA. Im hellen Bereichen, der sich um einen gletscherartigen Bau gruppiert, sind Bilder aus der Antarktis sowie aus den verschneiten Alpen, aber auch der arktischen Ozeane oder das Tote Meer zu sehen.

Folgt man dem Licht/Dunkel Narrativ der Ausstellungsmacher*innen ist alles im Dunkeln gezeigte das Problematische, das Schwierige der Welt, das im Hellen gezeigte das Spirituelle und Positiv besetzte. Aber ist es nicht unlogisch, als Aufhänger für die Arbeiten zur Antarktis den Klimawandel zu nehmen, also letztlich eine negativ – also schwarz zu konnotierende? – Entwicklung und bei dieser nur wegen der Farbe Weiß des Antarktiseises von sublimiertem Licht zu sprechen? Und was hat im hellen Bereich der Ausstellung ein Tableau von Schwarz-Weiß-Fotografien zu suchen, die wiederum den schon im Dunklen Bereich der Ausstellung gezeigten Nahostkonflikt aufgreifen? Was sich an der einfachen Schwarz-/Weiß Dichotomie letztlich zeigt, ist ein oberflächliches, auf visuelle Effekthascherei reduziertes Ausstellungsdesign. Es sind visuelle Überwältigungsstrategien, mit denen die Besucher*innen vom künstlerisch Wert der Arbeiten überzeugt werden sollen, die jeglichen konkreten Bezugs beraubt sind.

 
Ausstellungsansicht II - Paolo Pellegrin "Un'Antologia", Deichtorhallen Hamburg

Genau diese Verweigerung der Ausstellung und ihrer Macher*innen, konkrete Verweise auf das Gezeigte mit aufzunehmen und die Bilder in einen konkreten historischen und oder politischen Kontext einzubetten, ist das eigentlich Fragwürdige an der Ausstellung. Auch das Begleitheft mit den Bildunterschriften ändert nichts daran, sind diese doch zum Teil so nichtssagend, dass jedes Fotojournalismusfestival sie sofort zurückgewiesen hätte. Denn die Arbeiten, die in Hamburg gezeigt wurden, sind fast alle in einem konkreten politisch-sozialen Kontext entstanden und zeigen reale Menschen mit Namen und Biografien. Was Paolo Pellegrin also dokumentiert hat, ist das konkrete Schicksal von Menschen, nicht das abstrakte Böse oder Gute. Genau aus dem Grund, dass er als Fotojournalist zu den Menschen kam und ihre konkreten Geschichten aufzeichnen wollte, haben die Dargestellten seiner Präsenz vermutlich zugestimmt.

Diese Zeugnisse nun – wie in Hamburg geschehen – rein als visuelle Artefakte zu zeigen, führt zu einer völligen Depolitisierung des Gezeigten. Das, was zu sehen ist wird aufgeladen mit ikonografischer und ästhetischer Bedeutung und das Bild damit zum Selbstzweck. Damit soll nicht kritisiert werden, dass Bilder von Krieg und Gewalt auch ästhetisch oder gar schön sein dürfen. Nein, es geht um die Art der Präsentation als Teil einer dekontextualisierten Menschheitsgeschichte von Licht und Dunkel, Gut und Böse. Auf diese Art und Weise auf die Welt zu blicken ist nicht nur ahistorisch, sondern auch brandgefährlich. Denn die dahinterstehende Haltung ist, dass nicht konkrete sozio-politische Gegebenheiten für bestimmte Entwicklungen verantwortlich sind, sondern die Menschheitsgeschichte sich in bestimmten Zyklen quasi wie von selbst wiederholt. So argumentieren und rezipieren kann nur, wer das Privileg hat, aus der heimeligen Sicherheit der deutschen Wohlstandsgesellschaft auf die Welt zu blicken.
 
Ausstellungsansicht III - Paolo Pellegrin "Un'Antologia", Deichtorhallen Hamburg

Eigentlich sollte mit diesem Argument die Rezension ihr Ende finden. Es gibt jedoch noch einige weitere kritische Aspekte, die hier zumindest angerissen soll, damit sie nicht in Vergessenheit geraten. So fällt etwa im ersten Ausstellungsraum auf, dass es für jede gezeigte 15 Arbeiten bzw. Serien eine andere Präsentationsform gibt. Da sich diese aus dem Inhalt bzw. dem Thema nicht erschließen lässt, deutet dies darauf hin, dass es ein reines Spielen mit dem Potential – zugegebenermaßen modernen und durchaus ansprechendem – Ausstellungdesigns ist. Das auch Bezüge zum Film hergestellt werden, zeigt ein riesiges an die Wand plakatiertes Foto eines festgenommenen Mannes in Florida. Die Unschärfe und das blaue Licht erinnern unzweifelhaft an eine zeitgenössische Kino-Ästhetik, kommen aber über reine oberflächliche Bezüge nicht hinaus.

Zu wünschen wäre für die weitere Beschäftigung mit der Ausstellung Pellegrins wie auch zukünftiger Ausstellungen, die in ähnlicher Art und Weise fotojournalistische bzw. dokumentarfotografische Arbeiten in den Ausstellungsraum transferieren, stärker methodisch und anhand spezifischer Parameta vorzugehen. Dazu gehört etwa über den Kontextwandel von Arbeiten zu reflektieren, die für publizistische journalistische Medien entstanden sind, aber in einem der Kunst zugehörigen Ausstellungsraum gezeigt werden. Des weiteren sollte – wie hier in Anfängen versucht – das kuratorische Konzept ob seiner Widersprüche hinterfragt werden. Notwendig ist darüber hinaus auch eine politische Perspektive auf die Praktiken des Zeigens.

Donnerstag, 28. November 2019

Buchrezension "Peace Photography"


Wer zu Fragen der Visualität in der Friedens- und Konfliktforschung arbeitet, der kommt kaum an den Texten des am finnischen Tampere Peace Research Institute arbeitenden Frank Möller vorbei. Er ist einer der Vorreiter einer »visuellen Friedensforschung/visual peace research«, was er unter anderem mit seinem richtungsweisenden Aufsatz »Friedenswissenschaft als Bildforschung« in W&F 3-2008 unter Beweis stellte. Nach dem Band »Visual Peace« (2013) hat er nun bei Palgrave Mcmillan mit »Peace Photography« (2019) eine zweite Monografie zur Visualität in der Friedens- und Konfliktforschung vorgelegt. Das englischsprachige Buch hat drei Teile mit insgesamt zehn Kapiteln und ist von Möller so angelegt, dass es sowohl als Monografie als auch kapitelweise lesbar ist.

Frank Möller beginnt seine Einleitung im Rückgriff auf Peter Weiss‘ »Ästhetik des Widerstands« mit der Anmerkung, dass „um die Regeln der Welt zu ändern, das Bild von der Welt sich ebenfalls ändern muss“ (S. 3.). Ein Bild der Welt, welches er vermisst und versucht, empirisch und theoretisch herzuleiten, ist das über eine »peace photography« (Friedensfotografie) vermittelte bzw. repräsentierte. Die Notwendigkeit seiner akademischen Überlegungen leitet er aus dem Fakt ab, dass es zwar eine Vielzahl von Büchern und Artikeln über die Repräsentation von Krieg und organisierter Gewalt, nicht aber über die fotografische Repräsentationen von Frieden gibt (S. 8). Dies gilt von wenigen Ausnahmen abgesehen auch für die fotografische bzw. fotojournalistische Praxis und deren Themensetzung.

Im zweiten Kapitel, »Peace and Peace Photography«, wird schnell deutlich, dass die Herausforderung beider Konzepte darin besteht, dass eine Kategorie bzw. ein Begriff wie Frieden nicht nur schwer bestimmsondern noch schwieriger visualisierbar
ist. So ist es nur konsequent, wenn Möller »peace photography« als ein pluralistisches Konzept bezeichnet: „Verschiedene Konzepte von Frieden erfordern unterschiedliche Formen visueller Repräsentation“ (S. 49), um folgendermaßen fortzufahren: „Friedensfotografie braucht nicht nur eine Visualierung von Frieden, sondern auch Betrachter, die nach solchen Visualisierungen suchen“ (S. 49). Gleichwohl hat auch die Betitelung jedweden Bildes
mit Abwesenheit von Gewalt – also eine Visualisierung negativen Friedens –als »peace photography« ihre Problematik: „[D]as ganze Konzept der Friedensfotografie würde keinen Sinn machen, wenn (nahezu) jede Fotografie als Friedensfotografie angesehen würde“ (S. 53).


Ein gutes Beispiel für Möllers Vorgehen,
an dem seine Argumentationsweise transparent wird, ist das dritte Kapitel, »This is Peace! Robert Capa at Work« (S. 89 ff.). Er nimmt dort letztlich eine Art Umdeutung Robert Capas vom Kriegs- zum Friedens- fotografen vor. Während Capa vor allem für seine Bildikonen aus dem Spanischen Bürgerkrieg oder dem »D-Day« in der Normandie zu einer Standardreferenz für Kriegsfotografie wurde, rückt Möller Capas Bilder vom Alltagsleben in Spanien zu Zeiten des Bürgerkriegs in den Vordergrund. Für Möller sind sie als Friedensfotografie interpretierbar: [S]ie zeigen eine andere Realität von Krieg und visualisieren Frieden – Inseln des Friedens – in einem Land im Krieg“ (S. 92). Damit zeigt sich, dass
ein Element des Ansatzes von Möller aus der diskursiven Rahmung von bestimmten Bildern als Friedensfotografie besteht.

In den Kapiteln 5 und 6 greift Möller
mit der »aftermath photography« und
der »forensic photography« fotografische Konzepte auf, die vor allem in der künstlerischen Dokumentarfotografie breite Rezeption erfahren. Die »aftermath photograpyh« etwa, die aus der Visualisierung leerer Landschaften und verlassener Orte besteht, ist für Möller eine „politische und ästhetische Gegenstrategie, die sich standardi- sierten Formen der Kriegsfotografie widersetzt, auf Kritik an Kriegsfotografie reagiert und die fotojournalistischen Grenzen der Darstellung erweitert“ (S. 111). Anhand der »forensic photography« diskutiert er die Rückkehr des Beweises und setzt dies mit der Debatte um »alternative Fakten« und »postfaktische« Argumente in Bezug (S. 177), um abschließend zu kommentieren: „Technologie verändert sich ebenso wie die gezeigten Subjekte, aber die Hoffnung, die auf Fotografie ruht, bleibt hartnäckig die selbe. (S. 179)


Der Fotojournalismus als das Feld, aus dem bis heute eine Vielzahl von Kriegsfotografien stammt, wird von Möller argumentativ an vielen Stellen (kritisch) aufgegriffen. Daher ist es etwas verwunderlich, dass journalistische Konzepte, die den Frieden und die Abkehr vom Krieg in den Vordergrund rücken, wie der konfliktsensitive Journalismus, im Buch kaum eine Rolle spielen. Erklären lässt sich dies damit, dass Möllers Zugang zur Fotografie eher bildwissenschaftlicher denn journalistischer bzw. kommunikationswissenschaftlicher Natur ist. So ist es dann nur konsequent, dass viele Beispiele, die er diskutiert, wie etwa die Arbeiten von Alfredo Jaar, Bleda y Rosa, Richard Mosse oder Simon Norfolk, in der Foto-Kunst zu verorten sind, auch wenn Möller die Unterscheidung von Journalismus und Kunst selbst immer wieder kritisch hinterfragt.

Die Qualität von Möllers Buch besteht darin, dass er relevante Begriffs- und Themenfelder sowohl aus der Friedens- und Konfliktforschung als auch der Fotografieforschung bzw. den »Visual Culture Studies«, wie etwa die Debatte um »security communities« oder »citizen photography«, aufgreift und miteinander verzahnt. Gewinnend ist, dass er sich als Autor immer wieder selbstreflexiv in den Text einbaut, etwa indem er zu Beginn von Kapitel 6 schreibt „Ich werde über die Entwicklung meiner eigenen Muster des Sehens und Interpretierens schreiben.“ (S. 134) Gleiches macht er in Bezug auf die Betrachter*innen von Bildern, wenn es heißt: „[I]ndividuelle Beurteilungen von Bildern können nicht von der visuellen Sozialisation der Person getrennt werden, die ein Bild beurteilt“ (S. 146).

Möllers Band ist durchaus anspruchsvoll, und seine Argumentationsgänge sind nicht immer leicht nachvollziehbar. So ist »Peace Photography« vor allem für Leser*innen geeignet, die sowohl in der Friedens- und Konfliktforschung als auch den »Visual Culture Studies« zumindest Grundwissen haben. Hilfreich sind die Kapitelstruktur und der ausführliche Index, die eine schnelle Orientierung ermöglichen und die Option bieten, verschiedene Debattenstränge separat zu verfolgen oder Möllers Auseinandersetzung mit bestimmten Künstler*innen nachzuvollziehen. Der Band bereichert zweifelsohne die Debatte um die Bedeutung der Visualität in der Friedens- und Konfliktforschung um eine weitere Facette, ohne dass ein Ende sicht- bzw. denkbar wäre, denn „die Grenzen der Fotografie sind nicht die Grenzen der visuellen Kultur“ (S. 236).

Möller, Frank (2019): Peace Photography. Basingstoke: Palgrave Mcmillan, ISBN 978-3-030-03221-0, 290 S., 72,49 Euro.

Die Rezension ist zuerst erschienen in Wissenschaft&Frieden 4/2019, S. 51/52.



Freitag, 22. April 2016

Aktuelle Artikel aus dem Frühjahr


Fotografie im lokalen Kontext
Der israelische Pressefotografiepreis

Seit vergangenem Spätsommer ist Israel aufgrund einer Welle von Messerattacken palästinensischer Jugendlicher und militärischen Gegenreaktionen der israelischen Armee immer wieder Thema in den internationalen Nachrichtenmedien. Viele andere politische und soziale Geschehnisse in Israel und den besetzten palästinensischen Gebieten schaffen es dagegen nur selten, die Aufmerksamkeit der Medien zu bekommen. Einen Überblick dieser Ereignisse und deren fotojournalistische Darstellung bietet die Ausstellung des israelischen Pressefotografiepreises, die vor Kurzem im Tel Aviver Eretz Israel Museum präsentiert wurde. Die Ausstellung zeigte nicht nur die Vielfalt politischer und sozialer Fragestellungen sowie Konflikte, mit denen Israel konfrontiert wird, sondern auch das Potenzial, über diese mit Hilfe der Fotografie zu erzählen.


Der vollständige Artikel findet sich auf Qantara.
Link zum Festival: www.edutmekomit.


Fotobiennale in Paris
Die arabische Welt im Spiegel der Fotografie

In Zeiten, in denen die mediale Berichterstattung über die arabische Welt auf die politischen Konflikte fokussiert und der politische Diskurs vom Umgang mit der Migration aus der Region geprägt ist, setzt eine Fotobiennale in Paris ein visuelles Zeichen der Vielfalt und Pluralität. Felix Koltermann hat sich die Ausstellungen für Qantara angesehen. Die Ausstellungen liefen bis zum 17. Januar. Auf der Webseite der Biennale werden alle beteiligten Künstler und ihre Arbeiten vorgestellt.

Der vollständige Artikel findet sich auf Qantara.
http://biennalephotomondearabe.com/


Mamilla und der Tower of David

Es ist gibt wohl kaum eine Stadt auf der Welt, in der der öffentliche Raum derart stark von politischen Fragestellungen und Konflikten durchdrungen ist, wie Jerusalem. Nur ein kleiner Teil der damit verbundenen Phänomene ist jedoch auf den ersten Blick sichtbar. Vieles erschließt sich erst dann, wenn man mit aufmerksamem Blick durch die Stadt geht, Fragen stellt und einzelne Puzzleteile zusammensetzt. Am Jerusalemer Stadtviertel Mamilla, das sich zwischen West-Jerusalem und der Altstadt erstreckt, lässt sich beobachten, wie stadtplanerische Entscheidungen den öffentlichen Raum verändern und eine neue visuelle Realität mit großer politischer Strahlkraft schaffen.

Der vollständige Artikel findet sich auf Qantara.


Sinnbilder amerikanischer Landschaft
Stephen Shore bei C/O Berlin

Im Februar wurde in der Berliner Fotografiegalerie C/O Berlin eine Retrospektive der amerikanischen Fotografenlegende Stephen Shore eröffnet. Nach den Ausstellungen mit Sebastiao Salgado und Anton Corbijn im Jahr 2015 beweist die Galerie im Amerikahaus damit ein Mal mehr ein glückliches Händchen dabei, weltbekannte und für die Entwicklung der Fotografie wichtige Fotokünstler nach Berlin zu holen. Der 1947 geborene Stephen Shore gilt als einer der Pioniere der Farbfotografie und hat mit seiner konzeptionellen Arbeitsweise Generationen von Fotografen beeinflusst. Die Ausstellung, noch bis 22. Mai 2016 zu sehen, ist dank einer Kooperation mit der Fundación MAPFRE aus Madrid zu Stande gekommen.

Der vollständige Artikel findet sich beim Neuen Deutschland (Nur über Abo).
www.co-berlin.org
  

Operationen im Verborgenen
Die Ausstellung „Terror Icognitus“ von Edmund Clark

Während US-Präsident Barack Obama im Februar diesen Jahres einen letzten Anlauf gestartet hat, das Gefangenenlager Guantánamo auf Kuba zu schließen, sind in den letzten Jahren immer mehr Details über das dahinterstehende System illegaler staatlicher Aktivitäten ans Licht gekommen. Ungewöhnliche Einblicke in das Thema bietet die Ausstellung „Terror Incognitus“ des preisgekrönten britischen Künstlers und Fotografen Edmund Clark, die zurzeit im Mannheimer Zephyr – Raum für Fotografie – zu sehen ist.

Der vollständige Artikel findet sich bei der taz.
http://zephyr-mannheim.com/clark-de

Dienstag, 29. Dezember 2015

Aktuelle Artikel aus dem Herbst


Hier finden sich kurze Teaser zu den Artikeln und Interviews, die von mir im November und Dezember im Neuen Deutschland, bei der Deutschen Welle und bei Qantara veröffentlicht wurden, inklusive der Verlinkungen zu den vollständigen Artikeln.


Der "Jerulin-Prozess"

Vor zwei Jahren verließ Guy Briller Jerusalem und zog nach Berlin. Ich habe mit ihm über seine umfangreiche künstlerische Tätigkeit in der Heiligen Stadt, seine neuen Erfahrungen in Berlin und über Fragen der Zugehörigkeit gesprochen.

FK: Guy Briller, Sie haben viele Jahre lang in Jerusalem gelebt, und mit Ihren Kunstprojekten eine tiefe Verbindung zu diesem Ort geschaffen. Warum ist die Stadt für Sie so interessant?
Guy Briller: Eins der Dinge, die mich bei meinen Beobachtungen über Jerusalem so inspiriert haben, war das Missverhältnis zwischen Versprechen und Wirklichkeit. Die Essenz des Wortes "Jerusalem" auf Hebräisch ist "Eins" oder "Einheit". Also ist das Versprechen der Stadt sehr groß. In gewissem Sinne ist hier der Monotheismus stärker und bedeutsamer präsent als anderswo auf der Welt. Es ist einer der Orte, die es uns ermöglichen nachzudenken, in denen ich mich als "ich selbst" sehen kann, als "Eins". Die Wurzel dessen liegt irgendwo im uralten Mythos des Judentums verborgen, und danach im Christentum und im Islam. Aber die Wirklichkeit ist fast genau das Gegenteil. Diese Gegensätzlichkeit hat mir ein enormes Aktionsfeld eröffnet – die Möglichkeit, Wege zu beschreiben, auf denen man das Offensichtliche durchbrechen und sehen kann, was sich dahinter verbirgt.

Das vollständige Interview wurde am 18.12. auf Qantara veröffentlicht.


Die unbeugsamen Frauen von Kabul

Das Berliner Willy-Brandt-Haus zeigt noch bis Mitte Januar die Ausstellung "Die Unbeugsamen - Vier Frauen in Kabul" der deutsch-afghanischen Fotografin Lela Ahamadzai. Für die Deutsche Welle habe ich mit Ihr über ihre schwierige Arbeit am Hindukusch gesprochen.

DW: Bilder aus Afghanistan in deutschen Medien zeigen meist Krieg und Gewalt. Welches Bild möchten sie mit ihrer Arbeit vermitteln?
Lela Ahmadzai: Ich fotografiere seit 2003 in Afghanistan. Ich zeige ungern blutige Szenen oder Bilder von Frauen mit Burka. Als Klischeebild wird das zwar immer wieder angefragt, aber ich vermeide, diese Erwartungen zu bedienen. Ich habe selbst den Krieg erlebt und weiß, dass nicht ständig Bomben und Raketen explodieren. Durch meine Langzeitdokumentationen kann ich ein anderes Bild zeigen und etwas über das Leben der Menschen erzählen.

Das vollständige Interview wurde am 30.11.2015 bei DW Online veröffentlicht.


Spuren des Vergangenen

Es ist eines der Themen mit der größten politischen Sprengkraft in Israel: die Auseinandersetzung mit dem ersten arabisch-israelischen Krieg aus palästinensischer Perspektive. Was für die Israelis bis heute als der heroische Unabhängigkeitskrieg firmiert, wird im palästinensischen Narrativ als »Naqba«, große Katastrophe, bezeichnet. Damit wird auf die Zerstörung Hunderter Dörfer und die Vertreibung Hunderttausender Palästinenser aus ihrer Heimat in den Jahren 1948 und 1949 Bezug genommen. Der US-amerikanische Fotograf Fazal Sheikh hat dies zum Thema seiner Arbeit gemacht und unter dem Titel »Erasure« dazu ein Fotobuch im Göttinger Steidl-Verlag veröffentlicht.

Der vollständige Artikel ist am 3.11.2015 im Neuen Deutschland erschienen.


Dienstag, 27. Oktober 2015

Aktuelle Rezensionen im Oktober


Hier finden sich kurze Teaser zu den Rezensionen, die von mir im Oktober im Neuen Deutschland und bei Qantara veröffentlicht wurden, inklusive der Verlinkungen zu den vollständigen Artikeln.


Prekäre Felder des Kapitalismus

Es ist ein Rundumschlag über aktuelle politische und soziale Themen, den sich Urs Stahel, Kurator des Fotofestivals Mannheim-Ludwigshafen-Heidelberg, für die sechste Ausgabe vorgenommen hat. In diesem Jahr steht die internationale Biennale unter dem Titel »7P - Prekäre Felder« und zeigt an sieben Orten in den drei beteiligten Städten unterschiedliche fotografische Positionen zu so vielschichtigen Themenkomplexen wie Migration, Gewalt, Urbanismus, Geld, Wissen, Kommunikation und Kontrolle. Im Vordergrund stehen dabei vor allem künstlerische fotografische Positionen von bekannten Namen wie Ai Weiwei, Thomas Hirschhorn, Trevor Paglen oder Jürgen Teller.

Der vollständige Artikel ist am 26.10.2015 im Neuen Deutschland erschienen.


Das Verbindende im Alltag

Eine dreispurige, frisch geteerte Autobahn: das Symbol gesellschaftlichen Fortschritts im Nachkriegsdeutschland. Aber keine Autos sind auf ihr zu sehen, sondern ein Junge, der einen Drachen steigen lässt, vor der Kulisse rauchender Schlote am Horizont. Das Bild zeigt die A 42, heute die wichtigste Ost-West-Achse des Ruhrgebiets, vor ihrer Fertigstellung im Jahr 1979. Blickwechsel nach West-Berlin im Jahr 1980 zum Tag der Streitkräfte: Eine Frau fasst prüfend an die Ketten eines riesigen Panzers. Es sind alltägliche Szenen wie diese, die im Vordergrund der Ausstellung »Landsleute 1977-1987« des Fotografen Rudi Meisel stehen, die zurzeit in der Galerie C/O Berlin zu sehen ist.

Der vollständige Artikel ist am 21.10.2015 im Neuen Deutschland erschienen.


Abseits des bereits Gesehenen

Während in den Massenmedien die Bilderschlachten mit und um den IS Schlagzeilen machen, bleibt die visuelle künstlerische Produktion aus der Region meist außen vor. Wer einen Eindruck von der Vielfalt künstlerischer Positionen in der arabischen Welt bekommen will, der ist dieses Jahr auf der internationalen Kunstbiennale in Venedig gut aufgehoben. Die alle zwei Jahre stattfindende Biennale d'Arte in Venedig gehört neben der Documenta in Kassel und der Biennale in Sao Paolo zu den größten internationalen  Festivals zeitgenössischer Kunst. Im Gegensatz zu anderen Festivals lebt Venedig von Länderpavillons: 89 Nationen sind dieses Jahr vertreten, so viele wie nie zuvor. Darunter sind auch einige Länder der arabischen Welt und des Nahen Ostens wie Ägypten, Armenien, Irak, Iran, Israel, Syrien und die Vereinigten Arabischen Emirate. Nur ein kleiner Teil dieser Pavillons befindet sich in den Giardini, dem zentralen Ausstellungsgelände. Für alle anderen muss der Besucher Zeit und Entdeckerwillen mitbringen und wird mit über die Stadt verteilten Kleinoden belohnt.

Der vollständige Artikel ist am 7.10.2015 bei Qantara erschienen.

Donnerstag, 25. Juni 2015

Rezensionen zu „Fire and Forget: On Violence“


Seit Mitte Juni 2015 ist in den Berliner Kunst-Werken in Mitte die Ausstellung „Fire and Forget: On Violence“ zu sehen. Die Ausstellung möchte eine Auseinandersetzung über die geläufigen Vorstellungen von Krieg und Gewalt in der zeitgenössischen Kunst führen. Hier eine Auswahl von Rezensionen verschiedener Medien zur Ausstellung.


„Selbstkritisch stellt die Ausstellung auch die Frage, ob die Galerie, das Museum überhaupt der rechte Ort sein kann, Gewalt zu hinterfragen, denn hier ist die Ästhetisierung Programm. Eine Antwort gibt es nicht. Die Ratlosigkeit einzugestehen, könnte ein Anfang sein“.



„Es geht den Kuratoren nicht darum, das Thema analytisch durchzudeklinieren. Immer schwingt auch die Frage mit, welche Verantwortung die Darstellung von Gewalt auf sich lädt, welchen Beitrag Bildnisse und Kunstwerke zwischen Verurteilung und Faszination leisten, und wo sie an ihre Grenzen stoßen“.



„Im Unterschied zu den ausweglosen Laienbildern eröffnet die Kunst dem Publikum einen Handlungsspielraum ohne zu belehren. Sie hebt den Impuls zur Gewalt auf die Bewusstseinsebene. Im Licht der Vernunft wird klar – Fire and forget ist die kümmerlichste Option“.



Wer lieber Audiobeiträge anhört, der kann sich auch den Radiotext von Katja Weber für das Berliner Radio1 vom RBB anhören.


Die Ausstellung ist noch bis zum 30. August zu sehen. Die Kunst-Werke (Auguststrasse 69) sind Mittwoch bis Montag von 12 bis 19 Uhr geöffnet. Es gibt ein Begleitprogramm zur Ausstellung mit Vorträgen. Im Verlag  Mattes&Seitz ist parallel ein Buch mit einer literarischen Bearbeitung des Themas von deutschen und internationalen Autoren erschienen.





Mittwoch, 13. Mai 2015

Rezensionen zu Salgados "Genesis"


Seit einem knappen Monat hängt in der Berliner Galerie C/O Berlin die Ausstellung „Genesis“ des weltberühmten brasilianischen Fotografen Sebastião Salgado. Kuratiert von seiner Frau Leila, sind in Berlin Schwarz-Weiß Bilder seiner Reisen in die entlegensten Winkel dieser Erde versammelt. Die Ausstellung ist ein Publikumsmagnet und wurde durchweg sehr positiv rezensiert. Hier finden sie ein paar Ausschnitte der Berichterstattung.

 
Ein Blick in die Ausstellung von Salgado bei C/O Berlin

"Üppige Wälder, majestätische Canyons, geheimnisvolle Eisberge. Man sieht Alligatoren in Brasilien, schaut in die Augen von Affen, Walrossbullen strecken ihre mächtigen Stoßzähnen in die Luft, einem Wal im argentinischen Meer kam Salgado so nah, dass man denkt, er wäre auf dessen Rücken geritten".



"Salgado liefert mit "Genesis" einen weiteren berührenden Augenzeugenbericht, diesmal über die Schöpfungskraft unserer Erde. Die Natur als der bessere Teil der Welt. Eine Welt, an der wir Menschen mehr teilhaben sollten". 



"Seine Foto-Ode an die verletzliche Schönheit unseres Planeten versetzt er mit Glaube, Liebe und der Hoffnung, dieser zerzausten, Flickenkleider tragenden kleinen Tochter der Angst, die sich gegen Gleichgültigkeit wehrt".



"Das Losgehen war wohl der Start für "Genesis", ein Neuanfang, ein Gegenentwurf zu all dem Kaputten, das er erlebt hat. Er wendet sich in "Genesis" stärker den Tieren zu, der Natur, Gegenden, die scheinbar noch unberührt sind von Zerstörung. Fast die Hälfte der Welt sei noch im Paradieszustand, glaubt er".



"Besonders beeindruckend: die Aufnahmen unberührter Landschaften in dem für Salgado typischen kontrastreichen Schwarz-Weiß, die er mit maximaler, ja biblischer Wirkung in Szene setzt. Bricht ein Lichtstrahl durch die aufgetürmten Wolken über einer Gebirgskette, scheint der Finger Gottes letzte Hand anzulegen".




„Salgados Fotografien greifen durch ihren Blick in die Größe der unberührten Welt ein und machen so die Bedrohung spürbar, die in der ungebremsten Ausbeutung der Ressourcen lauert, in der Bezwingung der Natur. “.



Die Ausstellung „Genesis“ von Sebastiao Salgado ist noch bis zum 16. August in der Galerie C/O Berlin zu sehen. Die Galerie ist täglich zwischen 10 und 20 Uhr geöffnet.