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Mittwoch, 4. März 2020

Ein depolitisierter Blick auf die Welt


Mit der Ausstellung "Un'Antologia" des Magnum Fotografen Paolo Pellegrin haben die Hamburger Deichtorhallen gleich in mehrfacher Hinsicht Neuland betreten. So ist es nicht nur die erste umfassende Werkschau des italienischen Fotografen in Deutschland, sondern auch ein radikal neuer Ansatz, dokumentarische Fotografie in den Ausstellungsraum zu bringen. In meinem Kommentar will ich vor allem zwei Fragen nachgehen. Zum einen will ich diskutieren, inwieweit das Ausstellungskonzept den selbst gesetzten Ansprüchen genügt und zum anderen fragen, was die Präsentationsform mit dem politischen Gehalt des Gezeigten macht.
 
Ausstellungsansicht I - Paolo Pellegrin "Un'Antologia", Deichtorhallen Hamburg
Um zu verstehen, was die kuratorischen Rahmenbedingungen bzw. die damit verbundenen konzeptionellen Kniffe sind, ist vor allem das Begleitheft der Ausstellung eine gute Quelle. Dort schreibt etwa Simona Antonacci von der Fondazione MAXXI in Rom, wo die Ausstellung in reduzierter Form 2019 bereits zu sehen war, die Ausstellung entfalte "ihre Erzählung zwischen zwei polaren Gegensätzen, Licht und Dunkelheit – Metaphern für die extremsten Erscheinungsformen des Daseins". Licht und Dunkelheit  sind Begriffe, die sowohl theologisch und philosophisch wie aber auch Alltagspraktisch stark belegt sind. Licht, das ist der Himmel, das Gute, das Bewusste, Dunkel, das ist die Hölle, das Böse, das Unbewusste. In der Hamburger Ausstellung Pellegrins werden im dunklen Bereich zu Anfang des Rundgangs fast ausschließlich Kriegsfotografien gezeigt, später auch Landschaftsaufnahmen der Grenze zwischen den USA und Mexiko oder eine Reportage aus den USA. Im hellen Bereichen, der sich um einen gletscherartigen Bau gruppiert, sind Bilder aus der Antarktis sowie aus den verschneiten Alpen, aber auch der arktischen Ozeane oder das Tote Meer zu sehen.

Folgt man dem Licht/Dunkel Narrativ der Ausstellungsmacher*innen ist alles im Dunkeln gezeigte das Problematische, das Schwierige der Welt, das im Hellen gezeigte das Spirituelle und Positiv besetzte. Aber ist es nicht unlogisch, als Aufhänger für die Arbeiten zur Antarktis den Klimawandel zu nehmen, also letztlich eine negativ – also schwarz zu konnotierende? – Entwicklung und bei dieser nur wegen der Farbe Weiß des Antarktiseises von sublimiertem Licht zu sprechen? Und was hat im hellen Bereich der Ausstellung ein Tableau von Schwarz-Weiß-Fotografien zu suchen, die wiederum den schon im Dunklen Bereich der Ausstellung gezeigten Nahostkonflikt aufgreifen? Was sich an der einfachen Schwarz-/Weiß Dichotomie letztlich zeigt, ist ein oberflächliches, auf visuelle Effekthascherei reduziertes Ausstellungsdesign. Es sind visuelle Überwältigungsstrategien, mit denen die Besucher*innen vom künstlerisch Wert der Arbeiten überzeugt werden sollen, die jeglichen konkreten Bezugs beraubt sind.

 
Ausstellungsansicht II - Paolo Pellegrin "Un'Antologia", Deichtorhallen Hamburg

Genau diese Verweigerung der Ausstellung und ihrer Macher*innen, konkrete Verweise auf das Gezeigte mit aufzunehmen und die Bilder in einen konkreten historischen und oder politischen Kontext einzubetten, ist das eigentlich Fragwürdige an der Ausstellung. Auch das Begleitheft mit den Bildunterschriften ändert nichts daran, sind diese doch zum Teil so nichtssagend, dass jedes Fotojournalismusfestival sie sofort zurückgewiesen hätte. Denn die Arbeiten, die in Hamburg gezeigt wurden, sind fast alle in einem konkreten politisch-sozialen Kontext entstanden und zeigen reale Menschen mit Namen und Biografien. Was Paolo Pellegrin also dokumentiert hat, ist das konkrete Schicksal von Menschen, nicht das abstrakte Böse oder Gute. Genau aus dem Grund, dass er als Fotojournalist zu den Menschen kam und ihre konkreten Geschichten aufzeichnen wollte, haben die Dargestellten seiner Präsenz vermutlich zugestimmt.

Diese Zeugnisse nun – wie in Hamburg geschehen – rein als visuelle Artefakte zu zeigen, führt zu einer völligen Depolitisierung des Gezeigten. Das, was zu sehen ist wird aufgeladen mit ikonografischer und ästhetischer Bedeutung und das Bild damit zum Selbstzweck. Damit soll nicht kritisiert werden, dass Bilder von Krieg und Gewalt auch ästhetisch oder gar schön sein dürfen. Nein, es geht um die Art der Präsentation als Teil einer dekontextualisierten Menschheitsgeschichte von Licht und Dunkel, Gut und Böse. Auf diese Art und Weise auf die Welt zu blicken ist nicht nur ahistorisch, sondern auch brandgefährlich. Denn die dahinterstehende Haltung ist, dass nicht konkrete sozio-politische Gegebenheiten für bestimmte Entwicklungen verantwortlich sind, sondern die Menschheitsgeschichte sich in bestimmten Zyklen quasi wie von selbst wiederholt. So argumentieren und rezipieren kann nur, wer das Privileg hat, aus der heimeligen Sicherheit der deutschen Wohlstandsgesellschaft auf die Welt zu blicken.
 
Ausstellungsansicht III - Paolo Pellegrin "Un'Antologia", Deichtorhallen Hamburg

Eigentlich sollte mit diesem Argument die Rezension ihr Ende finden. Es gibt jedoch noch einige weitere kritische Aspekte, die hier zumindest angerissen soll, damit sie nicht in Vergessenheit geraten. So fällt etwa im ersten Ausstellungsraum auf, dass es für jede gezeigte 15 Arbeiten bzw. Serien eine andere Präsentationsform gibt. Da sich diese aus dem Inhalt bzw. dem Thema nicht erschließen lässt, deutet dies darauf hin, dass es ein reines Spielen mit dem Potential – zugegebenermaßen modernen und durchaus ansprechendem – Ausstellungdesigns ist. Das auch Bezüge zum Film hergestellt werden, zeigt ein riesiges an die Wand plakatiertes Foto eines festgenommenen Mannes in Florida. Die Unschärfe und das blaue Licht erinnern unzweifelhaft an eine zeitgenössische Kino-Ästhetik, kommen aber über reine oberflächliche Bezüge nicht hinaus.

Zu wünschen wäre für die weitere Beschäftigung mit der Ausstellung Pellegrins wie auch zukünftiger Ausstellungen, die in ähnlicher Art und Weise fotojournalistische bzw. dokumentarfotografische Arbeiten in den Ausstellungsraum transferieren, stärker methodisch und anhand spezifischer Parameta vorzugehen. Dazu gehört etwa über den Kontextwandel von Arbeiten zu reflektieren, die für publizistische journalistische Medien entstanden sind, aber in einem der Kunst zugehörigen Ausstellungsraum gezeigt werden. Des weiteren sollte – wie hier in Anfängen versucht – das kuratorische Konzept ob seiner Widersprüche hinterfragt werden. Notwendig ist darüber hinaus auch eine politische Perspektive auf die Praktiken des Zeigens.

Montag, 2. März 2020

Pressespiegel zu Pellegrins "Un'Antologia" in Hamburg

Mit der Ausstellung "Un'Antologia" des Magnum-Fotografen Paolo Pellegrin, die am 1. März 2020 zu Ende ging, hat das Haus der Fotografie in den Hamburger Deichtorhallen einem der weltweit bekanntesten Fotojournalisten und Kriegsfotografen eine Retrospektive gewidmet. Die Ausstellung war ein Publikumsmagnet und hat aufgrund des sehr aufwendigen und für Dokumentarfotografie ungewöhnlichen Ausstellungsdesigns viel mediale Aufmerksamkeit erfahren und für viele Diskussion in der Fotoszene gesorgt. Hier ist ein kurzer Überblick über die mediale Berichterstattung. In Kürze folgt auf diesem Blog eine Rezension von Felix Koltermann. 

 

Einen kurzen Überblick über die Ausstellung gibt ein von den Deichtorhallen produzierter Teaser. Das Ausstellungssetting ist sehr gut in einem längeren Video zu sehen, wo Paolo Pellegrin über die Hintergründe zur Ausstellung spricht.

Das ZDF nimmt die Ausstellung zum Anlass, in einem Beitrag des Magazins Aspekte vor allem die Arbeitsweise Pellegrins zu beleuchten. Kombiniert mit Interviewpassagen ist die Rede von "engagierten, leidenschaftlichen Zeugnissen" Pellegrins, der als "unermüdlicher Dokumentar der Krise bezeichnet wird. Die Essenz der Ausstellung sieht der Beitrag in der "Aufforderung wirklich hinzuschauen".

Für Axel Schröder vom Deutschlandfunkkultur sind Pellegrins Bilder von Emapthie und Authentizität geprägt. Die gezeigten Fotografien belegen für ihn Pellegrins Können, mit den Bildern den Betrachter*innen einen Schlüssel zu geben, um sich mit der Welt zu beschäftigen.

"Bei ihm ist das Foto keine Folie, durch die wir ein Bild unserer Mitmenschen sehen, sondern ein Medium, dass eine Verbindung schafft zwischen uns und Pellegrins Protagonisten".

In einer Rezension für die taz kritisiert Falk Schreiber, dass die Ausstellung das Medium der Fotografie in seiner Künstlichkeit nicht hinterfragt.

"So kunstvoll die Bilder arrangiert sind, so sehr sie sich der einfachen Konsumierbarkeit entziehen – auch Pellegrin kann nicht immer dem Problem des Fotojournalismus entkommen, dass der Betrachter sieht, was er sehen will."

Laut Guido Speckmann vom Neuen Deutschland beweisen die Bilder zwar eindrücklich Pellegrins anthropologische Vorgehensweise, kritisch sieht er jedoch den Umgang mit der Kontextualisierung der Bilder.

"Allerdings geht ein Teil des künstlerischen Konzeptes - der Verzicht auf Texttafeln - nur bedingt auf. Denn am stärksten berühren die Dutzenden kleinformatigen Fotografien, die Palästinenserinnen und Palästinenser zeigen, die während der israelischen Operation »Cast Lead« 2009 fürs Leben gezeichnet wurden".


In einer Kritik für das Artmagazine fokussiert Peter Kunitzky vor allem auf die Inszenierungsstrategien des Ausstellungsdesigns. So kritisiert er, dass sich diese "selbstzufrieden in ihrer eigenen Wohlgestalt" entpuppen und dem historischen Kontext keine primäre Bedeutung zumessen.

"Denn die leise Gleichgültigkeit gegenüber den ursprünglichen Bildaussagen (des unzweifelhaften Humanisten Pellegrin) scheint hier billigend in Kauf genommen zu werden, weil man mutmaßlich ohnehin ein ganz anderes Ziel verfolgt: die Nobilitierung des Fotoreporters zum Künstler."

Reine Bilderstrecken mit den Pressebildern zur Ausstellung finden sich beim Stern sowie beim Schweizer Tagesanzeiger. Der Tagesanzeiger spricht davon, dass sich die Bilder "trotz der Härte und Direktheit seiner Themen durch eine kompositorische Eleganz" auszeichnen, während der Stern von "eindringlichen Bildern" spricht, die menschliche Schicksale zeigen, "die die menschliche Natur aufs Äußerste gefährden".



Montag, 16. Juli 2018

"Kuratitis" in der Fotografie

Zweifelsohne: Fotografien und fotografische Werke brauchen in den allermeisten Fällen einen zusätzlichen Text. Sei es um Hintergrundinformationen zu Autor und Werk zu geben oder über Bildunterschriften den Kontext einzelner Fotografie herzustellen. Aber was sich zur Zeit an Textproduktion über Fotografie vor allem auf Festivals beobachten lässt, ist schon erstaunlich. Selten habe ich so viele frei schwafelnde und unnötig interpretierende Texte gelesen, die nicht nur den gezeigten Arbeiten nicht gerecht werden, sondern auch thematisch in die Irre führen. Bei meinem Besuch des Festivals "Phototriennale" in Hamburg wurde mir dies bei der Ausstellung "Control" in der Hamburger Kunsthalle wieder eindrücklich vor Augen geführt.

Ausstellungsansicht von "Control" aus der Hamburger Kunsthalle

Eine der dort gezeigten Arbeiten ist das Triptychon "Monney" von Annette Kelm. Die drei Fotografien zeigen Ein-Dollarnoten auf einem einfarbigen Hintergrund, die im ersten Bild das Wort "Monney" formen, was sich in den beiden anderen Bildern auflöst bis nur ein Haufen Dollarnoten übrig ist. Laut dem dazugehörigen Text regt die Arbeit "zu einem grundsätzlichen Nachdenken über die Lesbarkeit der Fotografie und die Grenzen der Darstellbarkeit von komplexeren Zusammenhängen wie etwa dem von Geld und Kontrolle an". Mir ist völlig schleierhaft geblieben, inwiefern das Triptychon die Lesbarkeit der Fotografie thematisiert und den Aspekt der Kontrolle aufzeigt.

Ebenfalls in der Ausstellung zu sehen ist der fünf Bilder umfassende Zyklus "Presidency" von Thomas Demand aus dem Jahr 2008. Demand ist einer der Lieblinge zeitgenössischer Kunstausstellungen und wird immer dann zu Rate gezogen, wenn es darum geht, das Verhältnis von Realität und Fiktion zu thematisieren. Thomas Demand baut Ereignisse und Schauplätze der Politik, wie in diesem Fall das Oval Office des amerikanischen Präsidenten, als lebensgroße Papp- und Papiermodelle nach, die er dann fotografiert. Während der begleitende Text richtig und nachvollziehbar darauf verweist, dass Demand "die Inszenierung von Macht" dokumentiert, verliert er sich gleich darauf im Spekulativen in dem er der Arbeit bescheinigt, sie demonstriere, "dass wir uns durch das Abbilden mit der Täuschung begnügen".

Es verwundert insofern nicht, dass ich mich hier auf Texte einer Gruppenausstellung innerhalb eines Festivals beziehe, sind diese doch Teil von zwei weiteren zu problematisierenden Phänomenen: der "Kuratitis" in der Fotografie und der neuen Eventkultur der Fotofestivals. Da Gruppenausstellungen und Festivals meist eine thematische Klammer haben, können die Kurator_innen hier zu Höchstform auflaufen, ist es doch ihre Aufgabe, über die Texte in den Ausstellungen die Bezüge zwischen den einzelnen Werken herzustellen. Dass die eigentlichen fotografischen Arbeiten dabei oft in völlig verschiedenen kuratorischen Projekten mit zum Teil gegensätzlichen Thematiken auftauchen: geschenkt.

Und wenn wie im Juni dieses Jahres mit der Phototriennale in Hamburg, dem F/Stop in Leipzig, dem LUMIX Festival in Hannover und dem RAY in Frankfurt gleich vier große Festival in Deutschland parallel laufen, dann kann dies eben nur dadurch funktionieren, dass alle versuchen, einen maximal individuellen Charakter herauszustreichen und als singuläres Event wahrgenommen zu werden. Dafür sind dann die Kurator_innen gefragt, die so prägnante wie nichtssagende Themen wie "Extreme" (RAY), "Zerrissene Gesellschaft" (F/Stop) oder "Breaking Point" (Phototriennale) wählen.

Richtig böse sein kann man den Kurator_innen dabei jedoch nicht, sind sie doch selbst in den Logiken eines neoliberalen Kunstmarktes gefangen, in dem nicht nur die Künstler_innen sondern auch die Kurator_innen dazu verdammt sind, als maximal individualisierte Subjekte zu fungieren, um innerhalb der Aufmerksamkeitsökonomie wahrgenommen zu werden. Die Festivals sind Teil dieses Phänomens und stehen darüber hinaus für eine Kulturpolitik und -produktion als Teil einer Eventkultur, bei der das künstlerische und kuratorische Prekariatat unter maximalem Aufwand innerhalb kürzester Zeit größtmögliche Aufmerksamkeit generieren muss, um dann schnell an den nächsten Ort weiterzuziehen. Da wünscht man sich doch ein bisschen mehr Bescheidenheit.


Mittwoch, 6. Juni 2018

Krieg und Gewalt als Zirkelschluss


Unter dem Titel "Zirkelschluss" zeigt das Kasseler Museum für Sepulkralkultur drei fotografische Arbeiten, die sich mit dem Themenkomplex Fotografie und Krieg beschäftigen. Unter "Zirkelschluss" verstehen die Macher der Ausstellung den Teufelskreis, der aus der Logik von Gewalt entsteht: "Mein Feind ist böse, und weil er böse ist, ist er der Feind". Die Ausstellung präsentiert künstlerische Auseinandersetzungen "mit den Folgen eines Denkens in diesen Kategorien". Zu sehen ist die Arbeit "Targets" von Herlinde Koelbl, mit der sie dokumentiert, worauf Soldaten schießen, die Serie "The Afghans" von Jens Umbach mit großformatigen Porträts von Menschen, die in der Nähe von Bundeswehrcamps in Afghanistan leben und die Projekte "#Strike" und "#Surveillance" von Dieter Huber.



Zu sehen sind die Arbeiten in den temporären Ausstellungsräumen des Museums, die eine tolle Atmosphäre haben und grandiose Ausblicke auf das Fuldatal ermöglichen. Alle drei Arbeiten stellen für sich genommen spannende künstlerisch-fotografische Positionen auf den Gegenstand Konflikt und Gewalt dar. Wobei hervorzuheben ist, dass die Arbeit von Koelbl in Kassel als Videoinstallation präsentiert wird. Koelbl's Arbeit arbeitet gut die Routinen des militärischen Trainings auf Schießständen heraus und zeigt, welch unterschiedliche Gegenstände als Zielscheiben genommen werden, was zum Teil absurd anmutet. Umbach setzt afghanische Zivilisten in tollen Schwarz-Weiß-Aufnahmen vor einem weißen Hintergrund in Szene und ermöglicht es dem Betrachter, sich den Menschen unvoreingenommen zu nähern. Und Dieter Huber zeigt mit #Strike wie Einschusslöcher zu ästhetischen Artefakten werden können.

Gleichwohl zeigt die Ausstellung jedoch, wie Schwierigkeit der kuratorische Umgang mit dem Thema ist. So wirft der kuratorische Text einige spannende Fragen auf: "Wie kann ich mich schützen? Was darf ich präventiv tun, um mich zu verteidigen? Wie verhindere ich, dass mein Schutzbedürfnis andere bedroht und sie zur Aufrüstung drängt?" Gleichzeitig thematisieren die gezeigten Positionen diese Fragen, wenn überhaupt, nur am Rande. Des weiteren verlieren die Arbeiten extrem an Kraft, da sie ohne jegliche textliche Kontextualisierung präsentiert werden. Nur im Ausstellungsflyer finden sich zu jeder Arbeit zwei kurze Sätze was zu wenig ist, um die Arbeiten zu verstehen. So werden vor allem die Arbeiten von Umbach und Huber ausschließlich auf ihre – zugegebenermaßen sehr ästhetische – äußere Form reduziert. Insofern ist die Ausstellung selbst im Zirkelschluss gefangen, dass die Präsentation von fotografischen Positionen im White Cube eines Galerieraumes ausreicht, um Bedeutung zu produzieren.

Freitag, 27. Oktober 2017

Fotojournalismus aus lokaler Perspektive


Wer erzählt was über wen? Wer hat das Mandat, Bilder zu machen und diese zu vertreiben? Was sind relevante Bilder und Perspektiven, was nicht? All dies sind Fragen, die seit vielen Jahren die Fotokritik begleiten und vor allem, wenn es um Bilder aus außereuropäischen Regionen geht, auch aus einer post-kolonialen Perspektive große Relevanz haben. Von daher sollte grundsätzlich jeder Ansatz willkommen geheißen werden, der nicht-westliche fotografische Perspektiven präsentiert.

In dieser Hinsicht bieten der Herbst und Winter einige spannende Optionen. Während in Berlin noch bis zum 12. November in der Galerie FhochDrei der Gesellschaft für Humanistische Fotografie (GFHF) der Blick auf zeitgenössische Fotografie aus der Türkei gerichtet wird – unter anderem mit Bildern des sehr spannenden und vielseitigen Fotografenkollektives NarPhotos – zeigt das Prager Dox Center for Contemporary Art die Ausstellung "Over my Eyes: Stories from Iraq" mit Arbeiten irakischer Fotografen. Das Dox Center hat bereits 2014 mit der Ausstellung "This Place" einen ungewöhnlichen fotografischen Blick auf Israel/Palästina gelegt.

Blick in die Ausstellung im Dox Center for Contemporary Art in Prag


Die aktuelle, noch bis Anfang Januar 2018 Ausstellung zeigt vor allem Arbeiten von Fotografen der 2009 gegründeten irakischen Agentur Metrography. Konzipiert wurde die Ausstellung von DARSTprojects, einem Projekt zur Förderung zeitgenössischen dokumentarischen Erzählens, unter Leitung der italienischen Fotografen Stefano Carini und Dario Bosio, die beide einige Jahre als Bildredakteure für Metrography arbeiteten. Bildlich und inhaltlich erzählt die Ausstellung vom Alltag der Menschen abseits tagesaktueller Medienereignisse und gibt damit den Blick auf einen anderen, weniger bekannten Irak frei.

Ein wichtiges Element der Ausstellung ist auch das interaktive Onlineprojekt "Map of Displacement". Über zwölf Geschichten wird die Situation irakischer Binnenflüchtlinge erzählt, deren Flucht vor allem vom Krieg gegen den Islamischen Staat ausgelöst wurde und deren Zahl mit bis zu 3 Millionen angegeben wird. "Map of Displacement" ist eine Kollaboration zwischen den Fotografen von Metrography, dem Editorial-Team der Agentur sowie verschiedenen Textern aus der ganzen Welt.

Für die Vernissage im September wurden die an der Ausstellung beteiligten Fotografen wurden die Fotografen nach Prag eingeladen. In diesem Zusammenhang ist spannendes Hintergrundmaterial entstanden. So finden sich auf dem VIMEO-Kanal des Dox Center for Contemporary Art Interviews mit einzelnen Fotografen der Ausstellung sowie die Aufzeichnung einer sehr interessanten Podiumsdiskussion mit allen beteiligten Fotografen sowie den Kuratoren der Ausstellung.

Discussion with the authors of OVER MY EYES from DOX Centre for Contemporary Art on Vimeo.


Montag, 18. September 2017

Ein einfacher und gefälliger Blick auf die Geschichte

Die iranisch-amerikanische Künstlerin Shirin Neshat ist eine wichtige Größe auf dem internationalen Kunstmarkt und hat ihre Arbeiten auf fast allen wichtigen internationalen Kunstfestivals gezeigt, wie z.B. der Biennale in Venedig. Zurzeit sind ihre Arbeiten in einer großen Retrospektive in der Tübinger Kunsthalle zu sehen. Darunter ist auch einer ihrer wichtigsten fotografischen Werkkomplexe, die Serie "Book of Kings".

Der Ursprung der Serie, der 2012 zum ersten Mal öffentlich gezeigt wurde, geht auf das Jahr 2010 zurück und war von der grünen Revolution im Iran und dem arabischen Frühling inspiriert. "Book of Kings" ist eine dreiteilige, inszenierte Porträtserie. In New York fotografierte Neshat aus dem Iran und der arabischen Welt stammende Menschen vor einem schwarzen Hintergrund. Die Porträtierten teilt Sie dabei in drei Gruppen ein: Patrioten, Schurken und Massen. Die Einteilung folgt dabei nicht persönlichen Merkmalen der Porträtierten, sondern einer willkürlichen Zuordnung der Künstlerin. Der Titel ist an das Nationalepos Shahnameh (The Book of Kings) des iranischen Dichters Abū ʾl-Qāsim Firdausī aus dem 10. Jahrhundert angelehnt.

Blick auf die Präsentation von "Book of Kings" in der Tübinger Ausstellung


 

Laut Neshat handelt es sich bei den drei Gruppen um "diejenigen, die die Macht bekämpfen, diejenigen, die die Macht innehaben, und diejenigen, die einfach unbeteiligte Zuschauer sind". Zahlenmäßig stellen die Massen die größte Gruppe dar. Die Menschen werden im Kopfporträt dargestellt. Die zweitgrößte Gruppe sind die Patrioten, im Brustporträt fotografiert und mit Hand auf dem Herz. Die kleinste Gruppe sind die Schurken, bestehend aus drei Ganzkörperporträts im mehr als lebensgroßem Format. Während sich bei den Massen und Patrioten Textzeilen auf dem Gesicht der Porträtierten befinden, zieren die Körper der Schurken Kriegsszenen aus historischen Zeichnungen.

In ihrer Bildsprache knüpft Neshat an ihre frühen Arbeiten an, vor allem die Serie "Woman of Allah", mit der sie in den 1990er Jahren internationalen Bekanntheitsgrad erlangte. Die persischen Schriftzeichen wirken damals wie heute ornamental und sind für die nicht des Persischen mächtigen Besucher nichts als eine schöne Oberfläche. Die Bilder von "The Book of Kings" wirken einfach und gefällig und wie ein billiger Abklatsch ihrer frühen Arbeit. Dies liegt nicht nur an der Bildsprache, sondern auch an der wahllosen Zuordnung der Porträtierten zu den drei Gruppen. Weder erfährt man, was Schurken, Patrioten oder Massen ausmacht, geschweige denn, ob jemand sowohl der einen wie der anderen Gruppe zugeordnet werden kann.

Blick auf die Präsentation von "Book of Kings" in der Tübinger Ausstellung


Die Texte könnten darauf vielleicht eine Antwort geben. Aber da diese in Persisch gehalten sind und weder die Künstlerin noch die Kuratoren es für nötig erachten, diese zu übersetzen, ist das Wissen darum, dass es sich um Texte von Autoren und Autorinnen, die im Iran unterdrückt werden, sowie um Briefe von Aktivisten der Grünen Bewegung aus dem Gefängnis handelt, nichts als eine Plattitüde. Was sich hier exemplarisch zeigt, ist was passiert, wenn eine Künstlerin wie Neshat die eigene Formensprache immer wieder aufleben lässt und thematisch in genau der Nische verbleibt, mit der sie groß geworden ist, die aber gleichzeitig auf Dauer die Gefahr birgt, vereinfachten Klischees zu erliegen, was sich in Tübingen gut beobachten lässt. Die Komplexität historischer Prozesse, die Zerrissenheit von Menschen in politischen Umbruchssituationen, all diese Themen verschwinden hinter der von orientalistischer Ornamentik überladenen Oberfläche.

Die Ausstellung "Shirin Neshat – Frauen in Gesellschaft" ist noch bis zum 29. Oktober in der Kunsthalle Tübingen zu sehen. Es gibt ein umfangreiches Begleitprogramm, das sich inhaltlich vor allem mit der Situation von Frauen im Nahen und Mittleren Osten sowie der Fotografie und der Kunst der Region befasst.


Dienstag, 9. Mai 2017

Symposium "Images in Conflict"


Der Hannoveraner Studiengang "Fotojournalismus und Dokumentarfotografie" richtet am 17. und 18. Mai ein Symposium zum Thema "Images in Conflict" aus. Ziel des Symposiums ist es, in einen Austausch über zeitgenössische Praktiken über Bilder aus Konfliktregionen zu treten. Dabei treffen Expert_innen aus Theorie und Praxis aufeinander um in einen Diskurs über visuelle Zeugenschaft und emotionale Überzeugungskraft zu treten. Gäste sind unter anderem Geert van Kesteren, Dr. Vera Brandner, Prof. Adam Bromberg, Philipp Müller, Stephen Mayes, Santiago Lyon  und andere. Ich werde dort aus einer Akteursperspektive über den internationalen Fotojournalismus in Israel/Palästina sprechen Parallel zum Symposium wird in der "GAF – Galerie in der Eisfabrik" in Hannover eine Ausstellung zum Thema mit Arbeiten von Christoph Bangert, Edmund Clark, Harun Farocki, Ziyah Gafić, und anderen eröffnet.

Hier ein Auszug aus der Ankündigung der Veranstalter_innen:

"Bilder im Konflikt: fotografische und filmische Bilder von Krisen- und Konfliktsituationen verändern sich in Ästhetik und Gebrauchsweisen – und geraten damit selbst ins Visier. Zum einen haben sich im Zuge der digitalen Entwicklungen die BildproduzentInnen und Distributionskanäle von Bildern vervielfältigt. Das erweitert Perspektiven und ermöglicht neue Erzählformen. Zum anderen geht damit eine Erschütterung des klassischen bildjournalistischen Selbstverständnisses einher. Die Konkurrenz der visuellen Strategien sucht das Affektpotential der Bilder zu steigern. Zugleich wird hinterfragt, inwieweit Fotografien noch als Zeugnisse wirken können. Sie bewegen sich im Spannungsfeld von Wahrheitsansprüchen zwischen Authentizität, Objektivität und Propaganda. Ihre Kontextualisierungen und Rahmungen stellen Bedeutungen her – und erfordern Reflexion".

Veranstaltungsort des Symposiums ist das Auditorium in der Hochschule Hannover, Expo Plaza 2, 30539 Hannover. Die Vorträge finden teils in englischer (e), teils in deutscher (d) Sprache statt. Ein Dolmetscherservice wird auf vorherige Anfrage angeboten. Der Eintritt ist frei. Um Anmeldung per email unter: image-matters@hs-hannover.de wird gebeten. Das komplette Programm findet sich auf der Webseite "Images Matter" die in Zukunft als Onlineplattform zu Thema ausgebaut werden soll.

Mittwoch, 12. Oktober 2016

Eine neue Art der Kriegsfotografie


Der deutsche Fotograf Christoph Bangert fotografierte in Krisenländern wie Afghanistan, Pakistan und dem Irak. 2014 hat er mit seinem Fotoband "War Porn" für Aufsehen gesorgt. Darin zeigte der deutsche Fotograf Bilder, die den meisten Redaktionen zu drastisch waren, um sie zu veröffentlichen. Jetzt hat Bangert im Frühsommer mit einem zweiten Fotobuch nachgelegt.

Die Badische Zeitung schreibt folgendes über das neue Buch:

"Der Kölner Fotograf Christoph Bangert liebt abstruse Bilder. Bangert, der als Kriegsreporter im Auftrag der New York Times, des Stern und der Neuen Zürcher Zeitung in den Spannungsgebieten des nahen Ostens, im Irak oder in Afghanistan unterwegs war, fand an den Schauplätzen der Gewalt auch allerlei Kurioses."


Bei Spiegel Online wird der Band folgendermaßen kommentiert:

"Es gibt keine guten Seiten von Krieg, erst recht keine lustigen. Keine Pointe. Doch so einfach lässt sich das Narrativ nicht in Gut und Böse teilen, nicht in Täter und Opfer, und auch nicht in Leid und Glück. Trotz des Horrors gehören auch absurde Momente zur Realität der Soldaten im Irak und in Afghanistan"


In einem Text der Deutschen Presse-Agentur der in verschiedenen Tageszeitungen wie die Welt oder Augsburger Allgemeine veröffentlicht wurde heißt es:

"Mit seinen Bildern ruft er sich auch selbst vergessene Momente zurück in Erinnerung. Und sorgt dafür, dass sie auch von anderen erinnert werden. Sein Wunsch: Die Bilder irgendwann im Irak auszustellen, eine Party zu feiern, wenn dort das normale Leben wieder Überhand gewinnt. «Denn nirgendwo ist immer Krieg.»"


Über das Betrachten von Bangerts Bildern im Fotobuch sagt Sigrid Fischer in Corso beim Deutschlandfunk:

"hello camel" ist ein Ergebnis dieses Abenteuertrips von Christoph Bangert, so heißt sein neuer Fotoband, im Kehrer Verlag erschienen, sehr schön gestaltetes Buch mit tollem Einband. Und, ja, die Fotos dort zu sehen ist noch mal ein ganz anderer Effekt als sie im Internet zu sehen, da hat man natürlich auch Fotos, auf Ihrer Seite, aber das kann man nicht vergleichen."



Auf die Frage von Hendrik Haßel in einem Interview mit der Wochenzeitung "Freitag" wie er zum Begriff des Kriegsfotografen stehe, antwortete Christoph Bangert:

"Wenn man von Kriegsfotografen spricht, wird es sehr schnell emotional. Man wird dann zum Helden gemacht, der die Welt rettet und Kriege beendet. Das finde ich völlig überzogen."


Ein weiteres aufschlußreiches Interview mit Christoph Bangert führte Gesa Ufer für Deutschlandradio Kultur.


Ausstellung zu "Hello Camel"

Parallel zum Erscheinen des Buches war im Juni diesen Jahres zum ersten Mal auch eine Ausstellung mit Bangerts Bildern in der Freelens Galerie Hamburg zu sehen. Im September/Oktober war die Ausstellung in Bangerts Heimatstadt Köln zu Gast, ab Mitte Oktober ist sie im Kunstmuseum Singen zu sehen. Weitere Ausstellungstermine finden sich auf der Homepage von Christoph Bangert.


Das Hamburger Abendblatt führte folgendermaßen in die Ausstellung ein:

"Krieg ist schmutzig, blutig, bedeutet unvorstellbares Leid. Zuletzt erregte der Fotojournalist Christoph Bangert Aufsehen mit seiner Fotoserie "War Porn" (Kriegsporno), in der Gewalt, Tod und Zerstörung sehr präsent waren. In der Galerie Freelens ist nun eine andere, distanziertere Art seiner Kriegsfotografie zu sehen."


Der NDR hob in seiner Rezension eher auf das Umfeld der Präsentation und die Stimmung während der Vernissage ab und stellte dies in Zusammenhang mit dem Ausstellungsthema:

"Er will den Krieg so zeigen, wie wir ihn nicht zu sehen kriegen. Das absurdeste Bild des Abends war dann doch die Szenerie selbst. Menschen, die sich bei einem Glas Wein und angeregten Gesprächen Bilder von Menschen anschauen, die mit dem Krieg weiterleben. Auch das zählt zur Realität des Krieges, dass wir das Glück haben, ihn aus der Ferne zu betrachten, statt selbst zu erleben."


Eine ausführliche Bildergalerie zu "Hello Camel" hat der WDR veröffentlicht. Dort lässt sich gut ein Eindruck von Bangerts Fotografie erhalten. Erschienen ist das Buch wie bereits der Vorgänger "War Porn" im Kehrer Verlag (ISBN: 978-3-86828-683-0, 39,90 Euro). Bei Interesse ist das Buch auch direkt bei Christoph Bangert zu beziehen.

Montag, 5. September 2016

Ein Blick auf die Probleme der Welt


Im südfranzösischen Perpignan trifft sich jedes Jahr Anfang September die internationale Fotojournalismusszene beim Festival "Visa pour l'Image". Schwerpunkt ist die sogenannte "Professional Week" mit Fotografenvorträgen, Podiumsdiskussionen, Portfoliosichtungen und abendlichen Projektionen. Daneben werden ein gutes Dutzend Ausstellungen international bekannter Fotojournalisten gezeigt, die vom langjährigen Festivalleiter Jean-Francois Leroy ausgesucht und zum Teil kuratiert wurden.

 

Die Fotografie, die in Perpignan zu sehen ist, lässt sich am besten mit den Stichworten Nachrichten- und Pressefotografie umschreiben. Viele der Fotografen die mit Ausstellungen vertreten waren, arbeiten frei oder festangestellt für internationale Agenturen wie Associated Press (AP), Agence France Presse (AFP), Reuters oder SIPA Press. Die Ausstellungen behandeln meist tagesaktuelle Themen, die in Form von umfangreichen Serien gezeigt werden. Im Vordergrund stehen in der Regel Themen aus der Konflikt- und Krisenberichterstattung. Krise wird dabei jedoch nicht nur politisch, sondern auch sozial und humanitär verstanden. Der Ruf Perpignans, ein Ort für die klassische Kriegsfotografie zu sein, konnte sich in diesem Jahr jedoch nicht bestätigen.

Das dominanteste Thema der diesjährigen Ausstellungen war die sogenannte Flüchtlingskrise, die beispielsweise von Yannis Behrakis von Reuters oder Aris Messinis von AFP eindrucksvoll ins Bild gesetzt wurde. Treffend war vor allem der Titel zu Messinis Serie "Krieg in Zeiten des Friedens". Dass die Flüchtlingskrise so prominent vertreten war ist nicht verwunderlich, war dies doch eines der wichtigsten Themen des letzten Jahres der internationalen Agenturen. Wie wichtig die Tagesaktualität für das Festival ist, zeigte sich auch am Monatsrückblick der wichtigsten Themen, der am Anfang der abendlichen Präsentationen stand. Andere ausgestellte Themen waren z.B. das Zika Virus in Brasilien (Felipe Dana), der Alltag von Abhängigen der Droge Paco in Argentinien (Valerio Bispuri) der Kampf gegen den IS (Frédéric Lafargue) oder der Krieg in Afghanistan (Andrew Quilty).

Ausnahmen von der Krise und die Ethik

Aber es gab auch Ausnahmen von der Krise. So war eine Serie der Französin Claire Allard zu sehen, die Backstage Bühnenarbeiter bei ihrer Arbeit begleitete. Leider war diese jedoch fotografisch sehr monoton im immergleichen Weitwinkelformat umgesetzt. Und Catalina Martin-Chico folgte den Spuren der letzten Nomaden im Iran zwischen ihren Sommer- und Winterlagern und zeigte die Schwierigkeiten, sich zwischen einem urbanen Leben und dem Nomadentum zu entscheiden. Mit dem Canon Female Photojournalist Award war schon 2015 die Arbeit von Anastasia Rudenko über Internate von Psychisch Kranken in Russland ausgezeichnet worden. Und Niels Ackermann lieferte ein intimes Porträt der Kinder von Tschernobyl in Slavutych, der jüngsten Stadt der Ukraine.

Einige der präsentierten Arbeiten entstanden in Zusammenarbeit mit NGO's oder wurden gleich komplett von Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen (Fractured State von Dominic Nahr über den Südsudan) oder politischen Institutionen wie dem Europäischen Parlament (Displaced über weibliche Migranten von Marie Dorigny) finanziert. Dies führte dieses Jahr auf dem Festival zu Recht zu einer von James Enstrin auf dem New York Times Lens Blog angestoßenen Debatte über die Ethik und die Unabhängigkeit des Journalismus. Wobei es sicherlich keine einfache Antwort auf die Frage gibt, wo in einem immer komplexer werdenden Fotojournalismusmarkt die Grenzen redaktioneller und fotojournalistischer Freiheiten liegen.



Visa und die Stadt

Nur höchsten selten wird das Festival im Kontext der Stadt Perpignan betrachtet, weshalb an dieser Stelle ein Hinweis in dieser Richtung nicht fehlen soll. Die Diskrepanz zwischen den für das Festival aus der ganzen Welt anreisenden Besuchern und der Stadt könnte nicht größer sein. Es herrscht eine seltsame Stimmung in der Stadt, die ein beklemmendes Gefühl hinterlässt. Dies liegt vor allem an den vielen geschlossenen Geschäften, der offensichtlichen Armut vieler Bewohner der Altstadt und einer offenen Drogenszene. Der Gegensatz zu den von der Polizei abgeschirmten Ausstellungsorten sowie den luxuriösen Abendempfängen auf der einen Seite und dem Alltag der Stadt auf der anderen Seite ist augenfällig und das wohl größte Paradox des Festivals.


Mehr Informationen zum jährlichen stattfindenden Festival gibt es auf der Webseite www.visapourlimage.com und dem dazugehörigen Blog https://visapourlimage.wordpress.com/. Etwas ausführlichere Rezension zu Visa werden demnächst beim Onlinemagazin "Menschen machen Medien" der DJU sowie in der Oktoberausgabe der Zeitschrift Photonews erscheinen.

Donnerstag, 26. Mai 2016

Fotoszene Mexiko


Nicht erst seit der Digitalisierung ist die Fotografie ein globales Medium. Schon kurz nach der Erfindung des Mediums im 19. Jahrhundert breitete sich das Medium von Europa aus auf der ganzen Welt aus. In einigen Regionen war diese Ausbreitung eng mit dem Kolonialismus verbunden, in anderen geschah dies unabhängig davon. In Lateinamerika erlangten viele Länder wie Mexiko schon relativ früh zu Beginn des 19. Jahrhunderts ihre Unabhängigkeit, so dass sich die Fotografie dort weitgehend unabhängig von kolonialen Strukturen als lokales Medium etablieren konnte. Heute zu Beginn des 21. Jahrhunderts gehört Mexiko zu einem der Länder Lateinamerikas mit einer der spannendsten Fotoszenen, in die ich an dieser Stelle einen kleinen Einblick geben möchte.

Eine der ältesten und bis heute wichtigsten Institutionen der Fotografie ist das „Centro de la Imagen“ in Mexiko-Stadt. Es befindet sich im Zentrum der Stadt neben den weitläufigen Anlagen der mexikanischen Nationalbibliothek in einem alten Kolonialgebäude. Nach mehrjährigen Renovierungsarbeiten hat das Haus im Herbst 2015 erneut seine Tore geöffnet. Die auch vorher schon großzügigen Ausstellungsräume wurden erweitert und eine „Fotomuro“ genannte Außenanlage dazugewonnen. Neben hochkarätigen Ausstellungen lokaler und internationaler Fotografen ist das Centro de la Imagen Zentrum zweier Fotofestivals: des „FotoMéxico“ und der „Bienal de Fotografía“. Während die „Bienal de Fotografía“ den Fokus ausschließlich auf die lokale Fotografieszene richtet, ist „FotoMéxico“ der internationalen Fotografie gewidmet.

Blick in den neuen Ausstellungsbereich "Fotomuro" des Centro de la Imagen

Einen Namen gemacht hat sich das "Centro de la Imagen" auch über seine Bildungsangebote. Vor allem das „Seminario de Fotografía Contemporánea“ – das seit kurzem unter dem Namen „Seminario de Produccion Fotografica“ läuft – hat in den letzten Jahren mehrere Dutzend mexikanische Fotografen die Form eines intensiven künstlerisch orientierten Projektstudiums ermöglicht. Damit wurde eine zentrale Lücke geschlossen, die von den eher technischen orientierten, meist privaten Fotoschulen des Landes hinterlassen wurde. Ebenfalls wichtige Impulse gehen vom zweijährig stattfindenden „Encuentro Nacional de Teoria sobre Fotografía“ aus. Hier wird der theoretischen Debatte über die lokale und internationale Fotografie ein wichtiges Forum geboten.

Unabhängige Initiativen

Erst im vergangen Herbst eröffnete das Fotomuseum „Cuatro Caminos“ seine Tore. Benannt ist es nach dem Stadtviertel, in dem es sich befindet und der dortigen Endstation der Metro. Gegründet und finanziert wird es von der privaten Stiftung von Pedro Meyer, einer der Koryphäen der mexikanischen Fotoszene. Meyer, Jahrgang 1935, war in einer Vielzahl von wichtigen Initiativen der mexikanischen Fotografie, unter anderem dem „Consejo Mexicano de Fotografía“, der von 1976 bis zu Beginn der 1990er Jahre eine wichtige Rolle spielte, bevor er 2007 seine eigene Stiftung gründete. Die Räumlichkeiten des „Fotomuseo Cuatro Caminos“ müssen sich kaum hinter denen des „Centro de la Imagen“ verstecken und bereichern die Stadt um einen exzellenten Ausstellungsort.

Blick in den Eingangsbereich des "Fotomuseo Cuatro Caminos"

Vor allem im Bereich der fotografischen Sammlungen nimmt die „Fundación Televisa“, die von der privaten Fernseh- und Mediengruppe „Televisa“ getragen wird, eine zentrale Stellung ein. Unter dem Namen „Fotográfica“ findet sich eine der größten Sammlungen historischer und zeitgenössischer mexikanischer Fotografie. Darüber hinaus fördert die Stiftung eine Vielzahl von privaten und öffentlichen Initiativen im Bereich der Fotografie, darunter auch das Ausstellungsprojekt „Develar y Detonar“.

Auch sonst hat die freie Szene einiges zu bieten. Internationale Bekanntheit hat die private Galerie Patricia Conde erlangt, die ausschließlich fotografische Positionen in ihrem Portfolio hat und ihre Räumlichkeiten im bürgerlichen Viertel Roma hat. Sie vertritt bekannte lokale fotografische Künstler wie Flor Garduño oder Rodrigo Moya. Relativ neu auf dem Parkett ist die Initiative „La Hydra“, die unter anderem von Ana Casas Broda gegründet wurde, die lange Jahre am „Centro de la Imagen“ arbeitete. Hydra ist vor allem als Plattform aktiv, die eigene Weiterbildungsangebote entwickelt - wie einen Inkubator zum Fotobuch - oder kuratorisch wirkt, unter anderem in der Vorbereitung des Ausstellungsprojekts „Develar y Detonar“ im Jahr 2015.

Das Ausstellungsprojekt „Develar y Detonar“

Im Herbst 2015 wurde an drei verschiedenen Orten in Mexiko-Stadt die Ausstellung „Develar y Detonar.Fotografía en México ca. 2015“ gezeigt, die der Präsentation zeitgenössischer mexikanischer Fotografie gewidmet war. Über 50 fotografische Positionen waren zu sehen, die das Panorama von klassischen dokumentarischen Projekten bis hin zu künstlerischen Arbeiten spannten. Es war eine beispielhafte Kooperation zwischen den wichtigsten privaten und öffentlichen Institutionen im Bereich der Fotografie in Mexiko, wie „Fotográfica“ und der „Fundacion Televisa“ auf der einen und dem „Centro Nacional de las Artes“ und dem „Centro de la Imagen“ auf der anderen Seite. Das besondere an der Ausstellung ist, dass neben dem umfangreichen Katalog in Form eines Coffeetablebuchs das gesamte Projekt auch mit einer eigenen Onlinepräsenz an den Start ging. Dort sind zumindest Ausschnitte der einzelnen, zum Teil sehr umfangreichen Arbeiten zu sehen. Der Katalog überzeugt vor allem durch verschiedene Essays, die das Projekt und die gezeigten fotografischen Ansätze kontextualisieren.

Die Fotoszene abseits der Hauptstadt

Eine Schwierigkeit der mexikanischen Fotoszene besteht in den Auswirkungen der Zentralisierung des Staates die zur Folge hat, dass sich bis heute ein Großteil der kulturellen Initiativen in Mexiko-Stadt konzentrieren, wie es die eben geschilderten Beispiele aufzeigen. Es gibt jedoch einige Ausnahmen. So findet sich in der Stadt Pachuca im Bundesstaat Hidalgo, wenige Stunden nordöstlich der Hauptstadt gelegen, in einem alten Kloster im „Museo de la Fotografía“ die „Fototeca Nacional“. Dem nationalen Fotoarchiv sind viele lokale und regionale Fotoarchive angeschlossen, die jedoch oft in einem erbärmlichen Zustand sind, wie beispielsweise die „Fototeca Juan Crisóstomo Méndez“ in Puebla im Zentrum des Landes. Auf nationaler Ebene sind alle Foto-Archive im „Sistema Nacional de Fototecas“ (SINAFO) zusammengeschlossen.

Die SINAFO gibt auch die Zeitschrift „Alquimia“ heraus, die sich der Aufarbeitung lokaler Fotoarchive verschrieben hat. Aber nicht nur: Die Ausgabe 46 war zum Beispiel der zeitgenössischen mexikanischen Fotoszene gewidmet und bietet in Form eines Magazins zu einem geringen Preis einen tollen Überblick über eine Vielzahl unterschiedlicher fotografischer Ansätze der letzten Jahrzehnte.

Auch im Bundesstaat Oaxaca südwestlich der Hauptstadt befindet sich in der gleichnamigen Stadt ein Kleinod der mexikanischen Fotoszene, das „Centro Fotografico Manuel Álvarez Bravo“ (CFMAB). Gegründet wurde es 1996 vom international bekannten und aus Oaxaca stammenden Maler Francisco Toledo. Dass mit seiner Kunstkarriere verdiente Geld investierte er in lokale Initiativen und trug so mit dazu bei, dass Oaxaca heute ein Zentrum der zeitgenössischen Kunst- und Fotografieszene ist. Der Namensgeber Manuel Álvarez Bravo war einer der Pioniere der zeitgenössischen Fotografie in Mexiko. Im CFMAB werden Ausstellungen lokaler und internationaler Fotografen gezeigt. Dazu gibt es ein spannendes Bildungsprogramm aus Kursen und Veranstaltungen.

Publikationen und sprachliche Zugänge

Wie in vielen anderen Ländern der Welt gibt es auch in Mexiko einen boomenden Fotobuchmarkt. Auch wenn kleine Indepentinitiativen immer noch rar gesäht sind, gibt es einige sehr interessante Angebote. Einen guten Überblick geben beispielsweise die Publikationen der „Colección Luz Portatil“ die vom Verlag „Artes de Mexico“ herausgegeben wird. Das international bekannte Fotografiemagazin EXIT wird von einer mexikanisch-spanischen Initiative unter Leitung von Rosa Olivares herausgegeben. Die größte Relevanz für die mexikanische Fotoszene haben jedoch die Publikationen des „Centro de la Imagen“, sowohl die seit 1992 erscheinende, eher wissenschaftlich orientierte Zeitschrift „Luna Cornea“ als auch die seit 2013 existierende Reihe mit Essays über Fotografie.

Cover der Zeitschrift "Luna Cornea" und des Katalogs "Develar y Detonar"

Die Schwierigkeit des Zugangs zur mexikanischen Fotoszene besteht darin, dass sowohl die meisten Institutionen wie auch Publikationen ausschließlich dem spanischsprechenden Publikum offenstehen. Eine Ausnahme stellen Ausstellungskataloge der großen Institutionen dar, die entweder zweisprachig oder in spanischen und englischen Versionen erscheinen. Die Zeitschrift „Luna Cornea“ übersetzt immerhin einen Text jeder Auflage in Englisch. Leider verfügen jedoch selbst zentrale Institutionen wie das „Centro de la Imagen“ nicht über eine englische Version ihrer Webseite.


Die im Text genannten Institutionen sind im Text jeweils direkt verlinkt. Darüber hinaus findet sich auf diesem Blog bereits eine Kurzbibliographie zu mexikanischer Fotografie. Für Twitter-Nutzer bietet sich die Möglichkeit auf meinem Account @FKoltermann die Liste „Photography in Mexico“ zu abonnieren um regelmäßige Updates von den verschiedenen Institutionen zu bekommen. Ein ausführliches Interview mit der Leiterin des „Centro de la Imagen“, Itala Schmelz, über Fotografie in Mexico, erscheint in der Juli-Ausgabe der Zeitschrift Photonews.