Mittwoch, 5. Dezember 2012

Über die Bedeutung des Nicht-Fotografierens


Es liegt an der Materialität und der Konstituierung des Mediums Fotografie an sich, dass die Auseinandersetzung mit diesem sich in der Regel darauf beschränkt, zu diskutieren was und wie etwas fotografiert wurde, jedoch nicht was nicht fotografiert wurde. Dabei ist insbesondere die Frage, ob es in bestimmten Situationen besser wäre, etwas nicht zu fotografieren, eine der relevantesten Fragestellungen die dem Medium und vor allem seiner fotojournalistischen Ausprägung immanent sind. Dazu zwei konkrete Beispiele, welche offenlegen sollen, welche möglichen Konsequenzen es hätte, wenn sich Foto-Reporter weigern würden ein bestimmtes Ereignis zu fotografieren.

Als erstes Beispiel sei der Gaza-Krieg 2008/2009 genannt. Damals reisten Dutzende internationale Foto-Reporter nach Israel in der Hoffnung, Zugang zum Gazastreifen zu bekommen und Bilder der Folgen der israelischen Angriffe machen zu können. Das von der israelischen Armee verhängte und über fast den gesamten Kriegszeitraum gültige Einreiseverbot hatte zur Folge, dass sich die internationalen Foto-Reporter zusammen mit den lokalen israelischen Foto-Reportern an der Grenze der Bannmeile zum Gazastreifen sammelten und von dort aus versuchten, Bilder aus dem Gazastreifen zu erhaschen. Die Folge war eine Schwemme von Bildern des Krieges aus der Ferne, einschlagender Raketen, von Rauchwolken am Horizont. Die Folge für das publizierte Bild über den Krieg wurde ausführlich in meinem Bericht „Der Gaza-Krieg im Bild“ dargestellt, welcher die Dominanz des Bildes des Krieges aus der Ferne in deutschen Medien aufzeigen konnte. An dieser Stelle ist die Frage interessant, was passiert wäre, wenn die Foto-Reporter anstatt von der Grenze aus Bilder aus der Ferne zu machen, wieder abgereist wären, da der eigentliche Zweck ihrer Reise, Bilder der Folgen des Krieges zu machen, nicht erreicht werden konnte. Denn das Verhalten der Foto-Reporter und die Produktion des Bildmaterials eines Krieges aus der Ferne kam der Wunsch der israelischen Armee als zentralem Konflikt-Akteur, diesen Krieg als einen präzisen und chirurgischen Eingriff darzustellen, sehr entgegen. Lokale und internationale Journalistenverbände protestierten zwar gegen das Einreiseverbot. Eine Form des Streiks oder der Arbeitsniederlegung als Form des Protestes gegen diese israelischen Zensurmaßnahmen wurde jedoch interessanterweise nie diskutiert.

Das zweite Beispiel ist die fotografische Dokumentation von Demonstrationen und Clashes in der palästinensischen Westbank. Diese sind für Foto-Reporter von daher interessant, da sie den Konflikt visuell sehr gut und einfach darstellen. Auch wenn diese eine Form routinisierter Ereignisse darstellen, ist die Begründung der Foto-Reporter diese zu dokumentieren, dass man vor Ort sein müsse da man nie wisse, ob nicht etwas schlimmes passieren würde. Gemessen an der Realität des Konfliktes und bezogen auf die realpolitische Funktion haben die Demonstrationen jedoch eine sehr geringe Bedeutung. Die Masse der Bilder über diese Ereignisse ist in keiner Weise repräsentativ für das tatsächliche Konfliktgeschehen. Da der Konflikt und das Besatzungsregime mit seinen mannigfaltigen Facetten jedoch visuell schwer darstellbar sind, stellen die Demonstrationen ein dankbares Ereignis für die Foto-Reporter dar. Denn insbesondere die Nachrichtenagenturen wählen Ereignisse fast ausschließlich nach ihrer visuellen Verwertbarkeit aus. Ähnlich wie beim Gaza-Krieg ist hier die Frage, was passieren würde, wenn die Foto-Reporter mehr Aufmerksamkeit darauf verwenden würden, nach Möglichkeiten der Darstellung der vordergründig nicht-sichtbaren Seiten des  Konfliktes zu suchen, anstatt routinisiert die gleichen Ereignisse abzubilden. Dies würde natürlich zuvorderst der Logik der Arbeit der Nachrichten-Agenturen widersprechen.

Die beiden hier diskutierten und kurz angerissenen Beispiele zeigen, dass die Frage nach der Bedeutung und der Möglichkeit des Nicht-Fotografierens, große Relevanz hat. Sie knüpft letztlich an die Überlegungen eines anderen Beitrags auf diesem Blog zur Haltung des Foto-Reporters an. Denn nur mit einer klaren Haltung zu dieser Fragestellung, die vom Foto-Reporter kommuniziert und reflektiert wird ist es möglich, hier eine eigene Position zu finden. Das dies im hoch kompetitiven und schnelllebigen Feld der Agentur-Fotografie nicht einfach ist, steht ohne Zweifel. Aber nur durch konstantes Infragestellungen (foto-) journalistischer Praxen und Routinen ist eine qualitative Weiterentwicklung, auch im Hinblick auf eine stärker konfliktsensitive Ausrichtung hin, möglich.

1 Kommentar:

  1. Sehr interessanter Aspekt, der denke ich viel zu oft untergeht!

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