Samstag, 11. Juli 2015

Vom Vergessen beim Glauben und Lügen – Eine Replik auf Die ZEIT


Es ist ein reißerischer Aufmacher, mit dem die ZEIT dieser Woche aufmacht: „Glauben Sie nicht, was Sie sehen!“ heißt es auf der Titelseite und im Untertitel wird auf die Täuschung durch manipulierte Foto abgehoben. Auch der Einstieg ins Dossier auf Seite 13 funktioniert ähnlich und macht mit der Aussage „Diese Bilder lügen“ in einem abstrahierten Objektiv auf. Auch wenn der Text um einiges detailschärfer ist und viele interessante Fragen stellt, ist es eine ärgerliche Verkürzung des Themas die hier durch das Framing in den Überschriften stattfindet.

Die zentralen Begriffe auf die in den Überschriften abgehoben wird, sind Glauben und Lüge. Für den Umgang mit Medien im 21. Jahrhundert nach der konstruktivistischen Wende doch erstaunlich. Und nicht nur das, ich halte sie in der Massivität auch für gefährlich da sie das weit verbreite Gefühl vieler Medienkonsumenten bedienen, von der Presse belogen zu werden. Und als Aufhänger für den Zeit-Artikel dienen ein Mal mehr Bilder, die altbekannt sind. Der prinzipiell gut recherchierte Artikel hängt sich an manipulierten Bildern auf, die oft diskutiert wurden, von denen viele jedoch nie in Tageszeitungen veröffentlicht wurden. Somit wird auf das Thema Manipulation von Bildern im Fotojournalismus abgehoben, ohne das jedoch erwähnt wird, welche Rolle manipulierte Bilder quantitativ in der gedruckten Presse spielen.

Und noch ein Faux-Pass: Die Bilder die den Artikel illustrieren, sind wahllos aneinander gereihte Bilder unterschiedlicher Gebrauchsformen: fotojournalistische Bilder, Amateurbilder, PR-Fotografien. Aber bitte, es ist doch ein Unterschied ob Amateure aus Spaß Haie in ein Bild montieren oder ein professioneller Fotojournalist ein Bild des Zeitgeschehens digital manipuliert. Aber auch auf der Textebene passiert der Wechsel dieser Ebenen. Der Artikel endet mit einem Hinweis auf den IKEA Katalog und seine digitalen Bildwelten. Ja, wichtiges Thema, aber bitte nicht mit dem Fotojournalismus vermischen, auf den der Artikel ja an vielen Stellen anspielt.

Aber diese Vermischung der Ebenen ist insofern nicht verwunderlich, als dass sie leider die Praxis der Verwendung von Fotografien und visuellem Material nicht nur der ZEIT sondern so gut wie aller deutscher Tageszeitungen und Magazine ist. Während auf der Textebene klar zwischen redaktionellen und werblichen Teilen unterschieden wird, haben allein im Politikteil der Zeitungen Werbeanzeigen mit Fotografien meist einen vielfach höheren Anteil als journalistische Fotografien. Und beispielsweise im ZEIT  Magazin gibt es schnelle Wechsel der unterschiedlichsten Gebrauchsformen, von denen die einen digital bearbeitet und retuschiert sind, die anderen nicht. Wie soll denn ein Konsument ohne besonderes Hintergrundwissen wissen, was erlaubt ist und was nicht?

Dies weist auf einen weiteren Umstand hin, den der Artikel gekonnt umschifft. Die vermeintliche Notwendigkeit der Massenmedien zur Visualisierung. Kein Mensch kauft heute mehr eine Zeitung, wenn dort kein Bild abgedruckt ist. Zeitungen und Magazine sind Produkte, bei deren Erstellung die Vermarktung schon eine entscheidende Rolle spielt. Bilder werden dazu gezielt eingesetzt, oft in einer schwierigen Gradwanderung zwischen Journalismus und Werbung. Auch die ZEIT ist Teil davon, hat ein eigenes Branding, versucht sich als Marke zu platzieren, wobei Bilder einen wesentlichen Anteil ausmachen. Den Fotojournalismus zu kritisieren ohne den Blick darauf zu lenken, zeigt nur einen Teil der Wahrheit. Und selbst wenn wir auf die Geschichte der Pressefotografie schauen, so wurden Bilder von Beginn an von Zeitungen dafür genutzt, die Glaubwürdigkeit von Textbeiträgen zu erhöhen, also gezielt in eine mediale Konstruktion eingewoben.

Leider passiert im Artikel genau das, was sich immer wieder zeigt wenn Fälle von Manipulation im Fotojournalismus aufgedeckt werden: Die Verantwortung wird individualisiert und auf den Fotoreporter abgewälzt, auch wenn an einigen Stellen Bildredakteure zu Wort kommen. Dabei steht außer Frage, dass der Fotoreporter in der Regel der „Täter“ ist. Aber der Journalismus ist ein sich selbst reproduzierendes System, mit Konventionen die sich ändern und dem Zeitgeist anpassen, mit Wettbewerben die Standards vorgeben. Es ist aus dieser Perspektive keineswegs verwunderlich, wenn im Jahr 2015 22% der Bilder des World Press Photo Award manipuliert waren, wenn im Jahr 2013 ein Bild von Paul Hansen prämiert wurde, dass genau dieser digitalen Ästhetik den Weg geebnet hat. Und in der Jury saßen damals wie heute Bildredakteure der wichtigsten journalistischen Medien.

Zwei gute Vorschläge gibt es im Artikel. Es sind die Ideen, Bildunterschriften größer zu drucken und stärker auf das Auftragsverhältnis hinzuweisen. Aber wie wäre es damit, auf der Bildebene zwischen redaktionellem und werblichem Teil zu unterscheiden? Oder öfter auf Bilder zu verzichten, wenn sie einen rein illustrativen Charakter haben oder als Kommentar eingesetzt werden? Daneben ist eine gesellschaftliche Debatte über Bildkompetenz als wesentliches Element von Medienkompetenz notwendig. Es geht darum, die Komplexität moderner digitaler Bildwelten entschlüsseln zu lernen, so wie jedes Kind in der Schule das Schreiben und Lesen von Texten lernt. Dann wären wir einen wesentlichen Schritt weiter.

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