Freitag, 9. September 2016

Fotografie und Fotojournalismus in Frankreich


Trotz der globalen bzw. transnationalen Ausrichtung des Fotojournalismus hat das Gewerbe nationale Besonderheiten, vor allem was die jeweiligen Organisationen sowie spezifische Medien angeht. Meinen Recherchen beim Besuch Anfang des Monats auf dem französischen Fotofestival "Visa pour l'Image" in Perpignan möchte ich zum Anlass nehmen, den Blick auf den Fotojournalismus in Frankreich zu richten und einige Magazine, Organisationen und Festivals vorzustellen. 
 



Aufgrund der großen Frustration angesichts der zunehmenden Prekarisierung im Fotojournalismus und der Untätigkeit der französischen Politik dieser gegenüber, veröffentlichten verschiedene französische Organisationen auf dem diesjährigen Festival in Perpignan das Manifest "5 ans, 3 ministres, 0 mesures". Dort fordern sie unter anderem einen Mindestlohn für Freelancer, einen Verhaltenskodex für Redaktionen zum Umgang mit Fotografen sowie eine Verbesserung der Vertragsbedingungen. Das Manifest folgte auf einen Report zum Zustand des Fotojournalismus in Frankreich, der im vergangenen Jahr veröffentlicht wurde.

Der von der Organisation SCAM veröffentliche Bericht "Photojournaliste: Une profession sacrifié" beinhaltet einige interessante Informationen. So wurde darin grundsätzlich erst einmal davon ausgegangen, dass nicht der Fotojournalismus, sondern das Businessmodell des Fotojournalismus in der Krise steckt. Als Ursachen wurden vor allem die Ökonomisierung der Branche und die Bestrebungen zur Gewinnmaximierung der Verlagseigentümer genannt.

Interessant im Report sind bspw. auch die Zahlen zu den französischen Fotoreportern die über einen Presseausweis verfügen. Zwischen 2001 und 2014 ist ihre Zahl von 1457 auf 816 zurückgegangen. Der Hintergrund sind die strengen und veralteten Regeln zum Erhalt eines Presseausweises die verlangen, dass die Fotoreporter über 50% ihres Einkommens mit Publikationen in der französischen Presse verdienen. Anders als in Deutschland bekommen damit auch Werbe- und Porträtfotografen keine Presseausweise. Die Regeln zum Erhalt des Presseausweises den Realitäten anzupassen und z.B. auch das Arbeiten für ausländische Medien oder den Erhalt von Stipendien anzuerkennen, ist ebenfalls eine Forderung der Unterzeichner des Manifests.

Französische Standesorganisationen

Die Unterzeichner des Manifestes geben auch einen guten Überblick über die wichtigsten Standesorganisationen der Fotografie in Frankreich. Als Initiator trat die Organisation SCAM auf, die ähnlich wie die VG Bildkunst in Deutschland als Rechteverwerter auftritt. Dies gilt auch für die Organisation SAIF. Während die SAIF stärker bildorientiert ist, liegen die Wurzeln der SCAM eher in der Verwertung von Textrechten. Über die Öffnung hin zu Multimedia ist jedoch auch der Bereich Bild dazugekommen. Auch drei Fotografen- bzw. Journalistengewerkschaften waren dabei, die UPP, die SNJ sowie die SNJ-CGT.

Die "Union desPhotographs Professionell" (UPP) ist die größte französische Fotografenorganisation, die alle Arten von Fotografen vertritt, vom Fotojournalismus, die Kunst bis hin zum Handwerk. Fotojournalisten machen jedoch nur einen kleinen Teil ihrer Mitglieder aus. Ähnliches gilt für die beiden Journalistengewerkschaften Société Nationale des Journalistes (SNJ) sowie die Untergruppe Journalismus der CGT. Nicht zu den Unterzeichnern gehörte der französische Freelancerverband Freelens. Der Verband, der ein Namensvetter der deutschen Organisation Freelens ist, dümpelt jedoch in der Bedeutungslosigkeit vor sich hin, da er nie eine kritische Masse von Mitgliedern erreichte.

Der französische Bildermarkt

Der größte und wichtigste Akteur auf dem französischen Bildermarkt ist der Bilderdienst der staatlichen Nachrichtenagentur Agence France Presse (AFP). Weitere wichtige Bild- und Fotografenagenturen sind SIPA Press, Agence Vu und Cosmos. Im Zuge der Konzentrationsbewegungen auf dem Bildermarkt sind in den letzten Jahren jedoch auch einige Agenturen wie bspw. Gamma vom Markt verschwunden bzw. wurden in andere Agenturen integriert. Eine recht neue Agentur, die in den Händen von Fotografen ist, nennt sich MYOP und war auch in Perpignan präsent. Zunehmend an Bedeutung gewinnen kleinere Kollektive von Fotografien wie Fractures oder Bob Photolab. Als reine Vermarktungsplattform ist Divergence Images angetreten.

Ähnlich wie Deutschland hat auch Frankreich eine lange Tradition von Nachrichtenmagazinen, die bis heute eine wichtige Plattform des Fotojournalismus darstellen. Unschlagbar und geschichtsprägend war das von von 1928 bis 1940 erschienene Magazin VU. Als Sponsor des Festivals trat das Magazin Paris Match auf, dass jedoch sehr stark Boulevard orientiert ist. Klassische Nachrichtenmagazine sind L'Express und Le Point sowie das etwas kleinere Regards. Wöchentliche Magazinbeilagen haben auch die Tageszeitungen Le Figaro und Le Monde. Unter den Tageszeitungen haben vor allem Le Monde, Le Figaro und Libération eine wichtige Bedeutung für den französischen Fotojournalismus.

Die bekannteste Fotozeitschrift ist "Photo", die jedoch keinen besonderen Fotojournalismusschwerpunkt hat. Den wichtigsten Platz innerhalb der unabhängigen Fotomagazinszene nimmt "6 mois" ein, das, wie der Name es erraten lässt, halbjährlich erscheint und schwerpunktmäßig die Fotografie einzelner Länder vorstellt. Ursprünglich nur auf französisch erscheinend hat sich "L'Oeil de la Photographie" (Das Auge der Fotografie) zu einer internationalen Onlineplattform für Fotografie in Französisch, Englisch und Chinesisch entwickelt.

Fotofestivals in Frankreich

Frankreich hat eine ganze Reihe von Festivals, die sich dem Fotojournalismus widmen. Das wohl bekannteste ist das in Perpignan stattfindende Festival "Visa pour l'Image", dessen Ausrichtung die Nachrichtenfotografie ist. Neben einem guten Dutzend Ausstellungen internationaler Fotografen gibt es Portfolioreviews, Diskussionsrunden, Fotografenvorträge und abendliche Projektionen. Stärker künstlerisch und dokumentarisch gibt sich das Festival Rencontres D'Arles, dessen Schwerpunktwoche im Juli eines jeden Jahres ist. Der Prix Bayeux-Calvados für Kriegskorrespondenten ist ebenfalls mit Ausstellungen zur Kriegsfotografie verbunden. Der wichtigste Ort für den fotografischen Kunstmarkt ist die Messe Paris Photo. Ende 2015 fand in Paris zum ersten Mal die "Biennale de Photo du monde Arabe" statt, die im kommenden Jahr ihre Fortsetzung finden wird. Zu einem der wichtigsten Awards hat sich innerhalb weniger Jahre der Prix Carmignac gemausert.

Nicht fehlen sollen an dieser Stelle auch einige kurze Hinweise auf Fotografiemuseen in Frankreich. Das bekannteste ist die "Maison Européenne de la Photographie" in Paris, die immer wieder auch große Dokumentarfotografieausstellungen auf den Weg bringt. Daneben gibt es kleinere Museen über das ganze Land verteilt, wie bspw. die Galeria "Chatea d'Eau" in Toulouse, das "Théatre de la Photographie et de l'image" in Nizza oder die "Maison de la Photographie" in Lille. In Perpignan hat sich im vergangenen Jahr das "Centre International du Photojournalisme" gegründet, das ein Online-Archiv aufbaut und im Winter zwei Ausstellungen sowie eine Dauerausstellung zeigt.

Dieser Artikel ist ein kleiner Einstieg in den Fotojournalismus in Frankreich. Gerne nehme ich Kommentare und Ergänzungen entgegen, auch über die Kommentarfunktion. Diejenigen, die mir auf Twitter folgen, können dort die Liste "Photojournalism in France" abonnieren. Eine Einführung in das Berufsbild Fotojournalist aus französischer Sicht bietet der Band "Etre photojournaliste aujourd'hui" aus dem Verlag Eyrolles.

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