Mittwoch, 21. Mai 2014

Für eine zivile (Wieder-) Aneignung der Fotografie


In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Friedensforum wird ein Text von mir über das Verhältnis von Fotojournalismus, Krieg und ziviler Konfliktbearbeitung erscheinen. Er ist inspiriert von meiner langjährigen Arbeit an der Schnittstelle von Journalismus und Konfliktbearbeitung. Ziel ist Diskussion darüber anzuregen, inwieweit Fotografie einen zivilen Charakter haben kann oder haben sollte und möglicherweise eine (Wieder-) Aneignung nötig ist. Um das Thema breiter zu streuen wird der Text neben meinem Blog auch im Online-Magazin Rheinraum sowie auf der Webseite des deutschen Zweigs des Peace and Conflict Journalism Networks (PECOJON) veröffentlicht.

Liest man in einschlägigen medienwissenschaftlichen Publikationen Texte zum Verhältnis Fotografie und Krieg, so entsteht der Eindruck, als hätten der Kriegsdiskurs und die Logik des dichotomen Denkens auch das Bildmedium übernommen. So ist immer wieder von Bilderkriegen, dem War Porn und Bildern als Waffen die Rede. So hat scheinbar die Logik des Krieges den Fotojournalismus und die Fotografie übernommen. Notwendig ist eine zivile (Wieder-) Aneignung des Fotojournalismus und der Fotografie. Und dies nicht nur in der Praxis, sondern auch im Diskurs über diese Themen. Und hier besteht eine bedeutende Schnittstelle zwischen der zivilen Konfliktbearbeitung und dem Fotojournalismus. In beiden Feldern ist eine zunehmende Präsenz des Militärischen zu beobachten, eine Versicherheitlichung des Diskurses und der Praxis. Was in der zivilen Konfliktbearbeitung das Damoklesschwert der zivil-militärischen Zusammenarbeit ist, ist im Fotojournalismus die Praxis des Embeddment.

Gemeinsamkeiten gibt es auch auf der Ebene des Status der Akteure im Feld. Es reicht nicht aus, Konfliktarbeiter und Fotojournalisten verstärkt in Sicherheitstrainings zu schicken. Stattdessen muss ihre Schutzwürdigkeit und die Bedeutung der Aufrechterhaltung derselben innerhalb des internationalen humanitären Völkerrechts immer wieder eingefordert werden. Nicht Fotojournalisten und Konfliktarbeiter brechen humanitäres Völkerrecht, sondern die militärischen Konflikt-Akteure, in dem sie die beiden Gruppen zu legitimen militärischen Zielen machen. Nichts anderes bezweckt der Diskurs von Bilderkriegen. Wenn Bilder Waffen sind, dann werden Fotojournalisten automatisch zu legitimen Zielen des Krieges. Diese Logik gilt es zu durchbrechen. Nicht die Bilder an sich sind Waffen, sondern wenn überhaupt der missbräuchliche Gebrauch von Bildern. Dies kann in der extremsten Art die Form von Propaganda annehmen. Dabei handelt es sich jedoch meist um klassische Public Relation.

Für die zivile Konfliktbearbeitung können Fotojournalisten auch von daher Verbündete, als dass sie Bilder produzieren, an die die zivile Konfliktbearbeitung anknüpfen kann. Kriege und Konflikt sind für Fotojournalisten eine der wichtigsten Berichterstattungsgegenstände. Dabei ist ihre Arbeit natürlich von den standardisierten Nachrichtenwerten sowie Erwartungen ihrer Auftraggeber beeinflusst. Im Idealfall legen sie Menschenrechtsverletzungen offen und zeigen, wo Menschen Alternativen zur Gewalt anwenden. Darüber hinaus können Fotojournalisten auch die Aktivitäten bei Prozessen der Konflikttransformation beobachten und einem breiteren Publikum zugänglich machen[1]. An dies kann in der politischen Arbeit der zivilen Konfliktbearbeitung angeknüpft werden. Fotojournalisten können Partner sein, von denen eingefordert werden kann und muss, auch stärker Alternativen zu Gewalt in den Blick zu nehmen. Aus diesem Anspruch heraus und der Infragestellung klassischer Nachrichtenwerte sind Konzepte wie das der konfliktsensitiven Berichterstattung, welches auch unter dem Begriff Friedensjournalismus[2] fungiert, entstanden.
Dabei ist es jedoch wichtig, dass Fotojournalisten, wenn sie als Journalisten auftreten um Projekte zu dokumentieren, nicht in diese eingebunden und ausschließlich als Public Relation Werkzeug betrachtet werden. Denn die Unabhängigkeit der Fotojournalisten ist wichtig, um zu einer positiven und durchaus notwendig kritischen Begleitung der Projekte beitragen zu können. Wenn Fotojournalisten jedoch in Projekte eingebunden werden, verlieren sie ihren Status als Journalist und werden zu PR-Tools oder zu Konfliktarbeitern mit der Kamera. Auch wenn dies in keinster Weise verwerflich, muss hinsichtlich ihrer Rolle jedoch eine Unterscheidung gezogen werden. Abgrenzung und Klarheit hilft hier sowohl dem Fotojournalismus als auch der zivile Konfliktbearbeitung.

In dieser Hinsicht ist auch das neue Feld, das oft unter dem überaus schwammigen Begriff „Friedensjournalismus“ daherkommt und das ich hier als „Media and Peacebuilding“ betiteln möchte, kritisch zu betrachten. Kaum ein Projekt in einer Konfliktregion, kaum eine externe Intervention kommt heute noch ohne Medien-Anteil aus. Das Schlimme ist, dass hier die Grenzen zwischen Journalismus, Public-Relation und Konfliktarbeit mit Medien immer stärker verschwimmen. Auch hier sind Ehrlichkeit und konzeptionelle Klarheit von zentraler Bedeutung. ISAF Media Programme in Afghanistan sind eben nicht primäre journalistische Projekte, sondern integraler Bestandteil einer zivil-militärischen Strategie. Aus dieser gilt es wiederum, den Fotojournalismus wie die zivile Konfliktbearbeitung herauszulösen, um als Alternative zu Gewalt und militärischem Handeln bestehen zu können.

Was bedeutet nun die zivile Aneignung von Bildern? An erster Stelle steht eine Dekonstruktion des Bildmediums. Bilder zeigen immer nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit. Aber Bilder zeigen eben auch etwas von Wirklichkeit und haben einen Authentizitätscharakter. Bilder sind als solches erst ein Mal Dokumente vergangener sozialer Situationen und als solche sind sie zu lesen. Angefertigt werden diese Dokumente von professionellen Fotojournalisten. Die Akteure der dokumentierten Situationen sind Zivilisten. Diejenigen, die gewalthaltige Konflikthandlungen ausführen, sind die militärischen Akteure. An dieser Stelle werden die Puristen unter den Lesern sicherlich aufschreien, Beispiele von voyeuristischen Fotojournalisten aufzählen, von Vietnam bis zum Irak, deren Anwesenheit in der Situation erst ein Ereignis schuf. Das mag an einigen Stellen auch richtig sein. Aber der Abzug an der Waffe wird nicht von den Fotojournalisten gedrückt, Krieg wird nicht in ihrem Namen geführt. Diese Verantwortung sollte ihnen nicht auferlegt werden.

Natürlich ist nicht wegzuargumentieren, dass mit dem fotografischen Akt auch durchaus eine gewalthaltige Form der Aneignung verbunden sein kann. Schon der Ausdruck des „Bilder schießens“ spricht diesbezüglich Bände. Und je nachdem wie sich ein Fotojournalist in eine soziale Situation begibt, kann dies natürlich ebenfalls Formen eines gewalthaltigen Auftretens mit einschließen. Beispielsweise dann, wenn ein Fotojournalist eingebettet in die Einheiten westlicher Truppen am Hindukusch an Hausdurchsuchungen beteiligt ist und als Teil der Truppe ungefragt Bilder der Menschen macht. Aber genau um dieses zu verhindern oder dem etwas entgegenzusetzen, gibt es fotografische Kodizes. Darüber hinaus spielt die Haltung des Fotojournalisten bezüglich seiner Arbeit eine zentrale Rolle[3]. Der fotografische Akt kann ein gewalthaltiger Akt sein, muss es aber nicht. Auch wenn sich soziale Gegensätze und Macht-Asymmetrien, vor allem zwischen Fotojournalisten aus dem globalen Norden und Menschen aus dem globalen Süden nicht völlig ausräumen lassen, so sind diese jedoch dekonstruierbar und können in eine soziale Situationen münden, in denen beide etwas mitnehmen und keine einseitige Form der Aneignung des Bildes des anderen stattfindet.

Aber zurück zum Dokumentcharakter eines Bildes. Ein Bild als Dokument zu lesen bedeutet auch, es nicht für Propaganda-Zwecke zu missbrauchen. Im Sinne von „Seht mal wie grausam die anderen sind“. Das sagt nicht ein Bild, das machen ein Kontext, eine Bildverwendung und die Form der Rezeption aus einem Bild. Die zivile Aneignung von Bildern bedeutet also vor allem auch einen konfliktsensitiven Gebrauch, ähnlich einer gewaltfreien, lösungsorientierten Kommunikation. Bilder können – und sollen auch – Emotionen auslösen. Aber wenn Bilder emotionalisierte Handlungen auslösen, wird es gefährlich. Deswegen ist Bildkompetenz - ebenso wie Konfliktkompetenz - auf Seiten der Bildnutzer mindestens ebenso gefragt wie eine klare Haltung bei den Produzenten. Somit zeigt sich hier eine weitere Schnittstelle zwischen dem Fotojournalismus und der zivilen Konfliktbearbeitung: beide brauchen spezifische Kompetenzen bei den Menschen. Und Bildkompetenz wie Konfliktkompetenz befruchten sich gegenseitig.

Die Aufdeckung gemeinsamer Interessen zwischen der  zivilen Konfliktbearbeitung und dem Fotojournalismus bedeutet jedoch nicht, dass sich das eine Feld mit dem anderen gemein machen sollte. Kritische Distanz und Begleitung sind auch hier von zentraler Bedeutung. Aber die hier dargestellten Fragestellungen sollten hinsichtlich des Auffindens von Synergien und gemeinsamer Interessenfelder vertieft werden. So ist die gegenseitige Affirmation beider Gruppen ihres Status als ziviler Akteure im Konflikt von zentraler Bedeutung und kann der Stimme beider Gruppen mehr Gewicht geben. Auch bei der notwendigen Abgrenzung des eigenen zivilen Handelns von militärischer Logik gibt es meiner Ansicht nach weitgehend Übereinstimmung. Inwieweit dies auch die Übernahme von Prinzipien gewaltfreien Handelns und eine pazifistische Grundhaltung für beide Akteure bedingt, ist hingegen noch zu diskutieren. Eine poetische und in die Zukunft weisende Klammer verbindet jedoch beide Felder: die Kreativität. Weder die zivile Konfliktbearbeitung auf der Suche nach alternativen Formen der Konflikttransformation und –lösung noch der Fotojournalismus beim Versuch, den Konfliktalltag visuell darzustellen, kommen ohne diese aus.


Diskutieren sie weiter zum Thema auf diesem Blog, auf Facebook oder auf Twitter. Wo sehen sie Schnittstellen zwischen dem Fotojournalismus und der zivilen Konfliktbearbeitung? Was kann ihrer Meinung nach das eine vom anderen Feld lernen? Welche positiven wie negativen Erfahrungen haben sie gemacht?




[1] Ein gutes Beispiel ist das von Petra Gerster herausgegebene Buch „Die Friedensmacher“, das im Rahmen des Projekts „Peace Counts“ entstanden ist.
[2] Weitere Informationen zu diesem Thema gibt es bei der Autorin Nadine Bilke unter www.friedensjournalismus.de und beim Peace and Conflict Journalism Network www.pecojon.de.
[3] Zum Thema Haltung siehe auch den Blogbeitrag des Autors unter http://fotografieundkonflikt.blogspot.de/2012/10/fotojournalismus-alles-eine-frage-der.html oder in der Ausgabe 2 der Zeitschrift Cahiers.

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