Dienstag, 12. Januar 2016

Das Problem von Retrospektiven


Sie sind in Mode wie noch nie, Retrospektiven bekannter Fotografen aus dem 20. Jahrhundert. Unzählige gab es in den letzten Jahren in fast allen wichtigen Fotomuseen und Galerien Europas. Dabei gibt es eine ganze Reihe von Stolpersteinen die dabei zu beachten sind, wie es beispielsweise an der aktuellen Retrospektive des französischen Fotografen Bruno Barbey in der Maison Européenne de la Photographie in Paris sehr gut deutlich wird.

Die Ausstellung trägt den Namen Passages und zeigt Barbey fotografisches Werk der vergangenen 50 Jahre. Im Vordergrund stehen großformatige Abzüge seiner Farbfotografie, die für diese Ausstellung neu produziert wurden. Es ist ein Sammelsurium seiner fotografischen Reisen und dokumentarischen Arbeiten. Offiziell gibt es sowas wie Kapitel, die dann Italien, Brasilien oder Portugal heißen. Die Schwierigkeit: Manchmal ist es nur ein Bild, meist zwei bis fünf, selten mehr als zehn Bilder. Da fragt man sich, was man in diesen Bildern über die Länder erfährt.

Barbey war ein Fotojournalist, der relativ jung in die Agentur Magnum aufgenommen wurde. In deren Auftrag bereiste der die Welt und fertigte Reportagen für die wichtigsten Magazine der vergangenen Jahrzehnte an. Welches Potential seine Fotografien aus einer historischen, dokumentarischen Perspektive haben, wird in einem kleinen Gang deutlich, in dem Vintage Prints* in SW und Farbe ausgestellt sind. Hier finden sich kleine Serien über die Fedayin in Jordanien oder die kurdischen Peshmerga unter Barzani im Irak.

Dass der Schwerpunkt der Ausstellung nicht darauf liegt, das journalistische dieser Arbeiten herauszuarbeiten und aus einer zeithistorischen Perspektive spannende Geschichten zu erzählen, sondern einzelne großformatige Farbbilder in den Vordergrund zu stellen, trifft leider den kuratorischen Zeitgeist. Und es weist auf ein leider allzuweit verbreitetes Phänomen hin: den Versuch, aus dokumentarischen Fotografen Fotokünstler zu machen und sie auf dem Kunstmarkt zu etablieren. Das ist schade und viel zu kurz gedacht.


*Vintage Prints werden historische Originalfotoabzüge genannt. Diese sind meist kleiner und waren oft für das Archiv oder andere Zwecke gedacht. Heute werden wie im Falle Barbeys oft neue Abzüge angefertigt. Bei Größen von über einem Meter in der Diagonale zeigt sich dann wie in diesem Fall das Problem, dass die Bilder sehr grobkörnig sind, da die Auflösung damals nicht mehr hergab.

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