Unaufgeregt, reflektiert aber mit Empathie, erzählt die 3sat-Dokumentation „Zeugen des Krieges“ von Christine Schwarz davon, wie sich die Kriegsdarstellung über die Jahrzehnte verändert hat und was dieser Wandel für Fotograf*innen und Betrachter*innen bedeutet. Dies geschieht in der 60-minütigen Dokumentation anhand von vier Fotojournalist*innen, Jay Ullal, Ursula Meissner, Sebastian Backhaus und Hossam Katan. Als Expert*innen sprechen die Kulturwissenschaftlerin Jule Hillgärtner und der Fotohistoriker Anton Holzer. In der ZDF-Mediathek ist der Film im Free-TV zu sehen.
Montag, 11. Mai 2020
Mittwoch, 4. März 2020
Ein depolitisierter Blick auf die Welt
Mit der Ausstellung "Un'Antologia" des
Magnum Fotografen Paolo Pellegrin haben die Hamburger Deichtorhallen gleich in mehrfacher
Hinsicht Neuland betreten. So ist es nicht nur die erste umfassende Werkschau
des italienischen Fotografen in Deutschland, sondern auch ein radikal neuer
Ansatz, dokumentarische Fotografie in den Ausstellungsraum zu bringen. In meinem
Kommentar will ich vor allem zwei Fragen nachgehen. Zum einen will ich diskutieren, inwieweit das Ausstellungskonzept den selbst gesetzten Ansprüchen
genügt und zum anderen fragen, was die Präsentationsform mit dem politischen Gehalt
des Gezeigten macht.
Um zu verstehen, was die
kuratorischen Rahmenbedingungen bzw. die damit verbundenen konzeptionellen
Kniffe sind, ist vor allem das Begleitheft der Ausstellung eine gute Quelle.
Dort schreibt etwa Simona Antonacci von der Fondazione MAXXI in Rom, wo die
Ausstellung in reduzierter Form 2019 bereits zu sehen war, die Ausstellung
entfalte "ihre Erzählung zwischen zwei polaren Gegensätzen, Licht und
Dunkelheit – Metaphern für die extremsten Erscheinungsformen des Daseins".
Licht und Dunkelheit sind Begriffe, die
sowohl theologisch und philosophisch wie aber auch Alltagspraktisch stark
belegt sind. Licht, das ist der Himmel, das Gute, das Bewusste, Dunkel, das ist
die Hölle, das Böse, das Unbewusste. In der Hamburger Ausstellung Pellegrins
werden im dunklen Bereich zu Anfang des Rundgangs fast ausschließlich
Kriegsfotografien gezeigt, später auch Landschaftsaufnahmen der Grenze zwischen
den USA und Mexiko oder eine Reportage aus den USA. Im hellen Bereichen, der
sich um einen gletscherartigen Bau gruppiert, sind Bilder aus der Antarktis sowie
aus den verschneiten Alpen, aber auch der arktischen Ozeane oder das Tote Meer zu
sehen.
Folgt man dem Licht/Dunkel Narrativ
der Ausstellungsmacher*innen ist alles im Dunkeln gezeigte das Problematische,
das Schwierige der Welt, das im Hellen gezeigte das Spirituelle und Positiv
besetzte. Aber ist es nicht unlogisch, als Aufhänger für die Arbeiten zur
Antarktis den Klimawandel zu nehmen, also letztlich eine negativ – also schwarz
zu konnotierende? – Entwicklung und bei dieser nur wegen der Farbe Weiß des
Antarktiseises von sublimiertem Licht zu sprechen? Und was hat im hellen
Bereich der Ausstellung ein Tableau von Schwarz-Weiß-Fotografien zu suchen, die
wiederum den schon im Dunklen Bereich der Ausstellung gezeigten Nahostkonflikt
aufgreifen? Was sich an der einfachen Schwarz-/Weiß Dichotomie letztlich zeigt,
ist ein oberflächliches, auf visuelle Effekthascherei reduziertes
Ausstellungsdesign. Es sind visuelle Überwältigungsstrategien, mit denen die
Besucher*innen vom künstlerisch Wert der Arbeiten überzeugt werden sollen, die
jeglichen konkreten Bezugs beraubt sind.
Genau diese Verweigerung der
Ausstellung und ihrer Macher*innen, konkrete Verweise auf das Gezeigte mit
aufzunehmen und die Bilder in einen konkreten historischen und oder politischen
Kontext einzubetten, ist das eigentlich Fragwürdige an der Ausstellung. Auch
das Begleitheft mit den Bildunterschriften ändert nichts daran, sind diese doch
zum Teil so nichtssagend, dass jedes Fotojournalismusfestival sie sofort
zurückgewiesen hätte. Denn die Arbeiten, die in Hamburg gezeigt wurden, sind
fast alle in einem konkreten politisch-sozialen Kontext entstanden und zeigen
reale Menschen mit Namen und Biografien. Was Paolo Pellegrin also dokumentiert
hat, ist das konkrete Schicksal von Menschen, nicht das abstrakte Böse oder
Gute. Genau aus dem Grund, dass er als Fotojournalist zu den Menschen kam und
ihre konkreten Geschichten aufzeichnen wollte, haben die Dargestellten seiner
Präsenz vermutlich zugestimmt.
Diese Zeugnisse nun – wie in
Hamburg geschehen – rein als visuelle Artefakte zu zeigen, führt zu einer
völligen Depolitisierung des Gezeigten. Das, was zu sehen ist wird aufgeladen
mit ikonografischer und ästhetischer Bedeutung und das Bild damit zum
Selbstzweck. Damit soll nicht kritisiert werden, dass Bilder von Krieg und
Gewalt auch ästhetisch oder gar schön sein dürfen. Nein, es geht um die Art der
Präsentation als Teil einer dekontextualisierten Menschheitsgeschichte von
Licht und Dunkel, Gut und Böse. Auf diese Art und Weise auf die Welt zu blicken
ist nicht nur ahistorisch, sondern auch brandgefährlich. Denn die dahinterstehende
Haltung ist, dass nicht konkrete sozio-politische Gegebenheiten für bestimmte Entwicklungen
verantwortlich sind, sondern die Menschheitsgeschichte sich in bestimmten
Zyklen quasi wie von selbst wiederholt. So argumentieren und rezipieren kann nur, wer das Privileg
hat, aus der heimeligen Sicherheit der deutschen Wohlstandsgesellschaft auf die
Welt zu blicken.
Eigentlich sollte mit diesem
Argument die Rezension ihr Ende finden. Es gibt jedoch noch einige weitere
kritische Aspekte, die hier zumindest angerissen soll, damit sie nicht in
Vergessenheit geraten. So fällt etwa im ersten Ausstellungsraum auf, dass es
für jede gezeigte 15 Arbeiten bzw. Serien eine andere Präsentationsform gibt. Da sich diese aus dem
Inhalt bzw. dem Thema nicht erschließen lässt, deutet dies darauf hin, dass es
ein reines Spielen mit dem Potential – zugegebenermaßen modernen und durchaus
ansprechendem – Ausstellungdesigns ist. Das auch Bezüge zum Film hergestellt
werden, zeigt ein riesiges an die Wand plakatiertes Foto eines festgenommenen
Mannes in Florida. Die Unschärfe und das blaue Licht erinnern unzweifelhaft an
eine zeitgenössische Kino-Ästhetik, kommen aber über reine oberflächliche
Bezüge nicht hinaus.
Zu wünschen wäre für die
weitere Beschäftigung mit der Ausstellung Pellegrins wie auch zukünftiger Ausstellungen,
die in ähnlicher Art und Weise fotojournalistische bzw. dokumentarfotografische
Arbeiten in den Ausstellungsraum transferieren, stärker methodisch und anhand
spezifischer Parameta vorzugehen. Dazu gehört etwa über den Kontextwandel von Arbeiten
zu reflektieren, die für publizistische journalistische Medien entstanden sind,
aber in einem der Kunst zugehörigen Ausstellungsraum gezeigt werden. Des
weiteren sollte – wie hier in Anfängen versucht – das kuratorische Konzept ob
seiner Widersprüche hinterfragt werden. Notwendig ist darüber hinaus auch eine
politische Perspektive auf die Praktiken des Zeigens.
Montag, 2. März 2020
Pressespiegel zu Pellegrins "Un'Antologia" in Hamburg
Mit der Ausstellung "Un'Antologia" des
Magnum-Fotografen Paolo Pellegrin, die am 1. März 2020 zu Ende ging, hat das Haus der Fotografie in den Hamburger Deichtorhallen einem der weltweit bekanntesten
Fotojournalisten und Kriegsfotografen eine Retrospektive gewidmet. Die
Ausstellung war ein Publikumsmagnet und hat aufgrund des sehr aufwendigen und
für Dokumentarfotografie ungewöhnlichen Ausstellungsdesigns viel mediale
Aufmerksamkeit erfahren und für viele Diskussion in der Fotoszene gesorgt. Hier
ist ein kurzer Überblick über die mediale Berichterstattung. In Kürze folgt auf
diesem Blog eine Rezension von Felix Koltermann.
Einen kurzen Überblick über
die Ausstellung gibt ein von den Deichtorhallen produzierter Teaser. Das
Ausstellungssetting ist sehr gut in einem längeren Video zu sehen, wo Paolo
Pellegrin über die Hintergründe zur Ausstellung spricht.
Das ZDF nimmt die
Ausstellung zum Anlass, in einem Beitrag des Magazins Aspekte vor allem die
Arbeitsweise Pellegrins zu beleuchten. Kombiniert mit Interviewpassagen ist die
Rede von "engagierten, leidenschaftlichen Zeugnissen" Pellegrins, der
als "unermüdlicher Dokumentar der Krise bezeichnet wird. Die Essenz der
Ausstellung sieht der Beitrag in der "Aufforderung wirklich
hinzuschauen".
Für Axel Schröder vom
Deutschlandfunkkultur sind Pellegrins Bilder von Emapthie und Authentizität
geprägt. Die gezeigten Fotografien belegen für ihn Pellegrins Können, mit den
Bildern den Betrachter*innen einen Schlüssel zu geben, um sich mit der Welt zu
beschäftigen.
"Bei ihm ist das Foto keine Folie, durch die wir ein Bild unserer
Mitmenschen sehen, sondern ein Medium, dass eine Verbindung schafft zwischen
uns und Pellegrins Protagonisten".
In einer Rezension für die
taz kritisiert Falk Schreiber, dass die Ausstellung das Medium der Fotografie in seiner Künstlichkeit nicht hinterfragt.
"So kunstvoll die Bilder arrangiert sind, so sehr sie sich der einfachen
Konsumierbarkeit entziehen – auch Pellegrin kann nicht immer dem Problem des
Fotojournalismus entkommen, dass der Betrachter sieht, was er sehen will."
Laut Guido Speckmann vom Neuen Deutschland beweisen
die Bilder zwar eindrücklich Pellegrins anthropologische Vorgehensweise,
kritisch sieht er jedoch den Umgang mit der Kontextualisierung der Bilder.
"Allerdings geht ein Teil des künstlerischen
Konzeptes - der Verzicht auf Texttafeln - nur bedingt auf. Denn am stärksten
berühren die Dutzenden kleinformatigen Fotografien, die Palästinenserinnen und
Palästinenser zeigen, die während der israelischen Operation »Cast Lead« 2009
fürs Leben gezeichnet wurden".
In einer Kritik für das Artmagazine fokussiert Peter
Kunitzky vor allem auf die Inszenierungsstrategien des Ausstellungsdesigns. So
kritisiert er, dass sich diese "selbstzufrieden in ihrer eigenen
Wohlgestalt" entpuppen und dem historischen Kontext keine primäre
Bedeutung zumessen.
"Denn die leise Gleichgültigkeit gegenüber den
ursprünglichen Bildaussagen (des unzweifelhaften Humanisten Pellegrin)
scheint hier billigend in Kauf genommen zu werden, weil man mutmaßlich ohnehin
ein ganz anderes Ziel verfolgt: die Nobilitierung des Fotoreporters zum
Künstler."
Reine Bilderstrecken mit den Pressebildern zur
Ausstellung finden sich beim Stern sowie beim Schweizer Tagesanzeiger. Der
Tagesanzeiger spricht davon, dass sich die Bilder "trotz der Härte und
Direktheit seiner Themen durch eine kompositorische Eleganz" auszeichnen,
während der Stern von "eindringlichen Bildern" spricht, die
menschliche Schicksale zeigen, "die die menschliche Natur aufs Äußerste
gefährden".
Dienstag, 11. Februar 2020
Der Journalismus und die Kriegsfotografie
Die Kriegsfotografie ist ein Feld des Journalismus,
das nur selten beleuchtet wird. In Kooperation mit FREELENS, dem Berufsverband
für Fotojournalisten und Fotografen, widmet das EJO ihr einen Schwerpunkt.
Die Beziehung zwischen
Kriegsfotografie und dem Journalismus ist fast so alt wie die Möglichkeit,
Pressefotografien in Zeitungen zu drucken. Fast ebenso so alt sind die
Diskussionen über Konventionen des Zeig- und Darstellbaren sowie die Rolle von
Kriegsfotograf*innen. Als Medium zur visuellen Vermittlung von kriegerischen
Ereignissen, die meist nicht im direkten Umfeld der Konsument*innen
stattfinden, hat die Kriegsfotografie bis heute eine immanent wichtige
Bedeutung. Gleichwohl haben sich unter den Vorzeichen der digitalen
Transformation des Journalismus wie auch der Modernisierung der Kriegsführung
deren Bedingungen geändert.
Während sowohl der
Medienjournalismus als auch eine mit berufspraktischen Fragestellungen befasste
Journalismusforschung in Deutschland eine lange Tradition haben, werden dort
die visuelle Kommunikation bzw. der Fotojournalismus meist stiefmütterlich
behandelt. Wenn dieses Feld überhaupt thematisiert wird, dann meist ausgehend
von bildethischen Debatten um Ikonen der Pressefotografie, wie etwa um das Bild
des toten Flüchtlingsjungen Aylan Kurdi. Eine Reflexion über berufspraktische
Fragestellungen sowie die strukturellen Bedingungen fotojournalistischer Arbeit
findet jedoch oft nicht statt. Gleiches gilt für eine vertiefte Beschäftigung
mit der fotografischen Berichterstattung aus Kriegs- und Krisenregionen.
Um zu verstehen, was
Kriegsfotografie im 21. Jahrhundert auszeichnet, hat FREELENS e.V., der Verband
für Fotograf*innen und Fotojournalist*innen dem Thema einen
Online-Schwerpunkt gewidmet. Seit Anfang 2019 erscheinen regelmäßig extra für
den Schwerpunkt produzierte Artikel, die das Thema von unterschiedlichen Seiten
beleuchten. In Kooperation mit dem European Journalism Observatory werden hier
in den kommenden zwei Monaten sechs ausgewählte Artikel erneut publiziert. Im
Vordergrund steht dabei eine Reflexion der Berufspraxis von
Kriegsfotograf*innen sowie des Umgangs mit dem Bildmaterial bei deutschen
Bildagenturen und Nachrichtenredaktionen.
Mit dieser Kooperation
verfolgen FREELENS und das EJO das Ziel, eine Debatte um die Bedingungen und
die Herausforderungen zeitgenössischer Kriegsfotografie anzustoßen. Ausgehend
von der Frage, was sich eigentlich hinter dem Label „Kriegsfotografie“
verbirgt, kommen dabei vor allem die fotojournalistischen Akteur*innen selbst
zu Wort. In Zeiten, in denen die Kriegsfotografie vor allem von prekarisierten
fotojournalistischen Akteur*innen übernommen wird, erscheint dies wichtiger
denn je. Damit soll ein Beitrag zur Qualitätssicherung in einem selten
beleuchteten Feld des Journalismus geleistet werden.
Der Text erschien zuerst auf dem Portal European Journalism Observatory.
Donnerstag, 28. November 2019
Buchrezension "Peace Photography"
Wer zu Fragen der Visualität
in der Friedens- und Konfliktforschung arbeitet, der kommt kaum an den Texten
des am finnischen Tampere Peace Research Institute arbeitenden Frank Möller
vorbei. Er ist einer der Vorreiter einer »visuellen Friedensforschung/visual
peace research«, was er unter anderem mit seinem richtungsweisenden Aufsatz
»Friedenswissenschaft als Bildforschung« in W&F 3-2008 unter Beweis
stellte. Nach dem Band »Visual Peace« (2013) hat er nun bei Palgrave Mcmillan
mit »Peace Photography« (2019) eine zweite Monografie zur Visualität in der
Friedens- und Konfliktforschung vorgelegt. Das englischsprachige Buch hat drei
Teile mit insgesamt zehn Kapiteln und ist von Möller so angelegt, dass es
sowohl als Monografie als auch kapitelweise lesbar ist.
Frank Möller beginnt seine
Einleitung im Rückgriff auf Peter Weiss‘ »Ästhetik des Widerstands« mit der
Anmerkung, dass „um die Regeln der Welt zu ändern, das Bild von der Welt sich
ebenfalls ändern muss“ (S. 3.). Ein Bild der Welt, welches er vermisst und
versucht, empirisch und theoretisch herzuleiten, ist das über eine »peace
photography« (Friedensfotografie) vermittelte bzw. repräsentierte. Die
Notwendigkeit seiner akademischen Überlegungen leitet er aus dem Fakt ab, dass
es zwar eine Vielzahl von Büchern und Artikeln über die Repräsentation von
Krieg und organisierter Gewalt, nicht aber über die fotografische Repräsentationen
von Frieden gibt (S. 8). Dies gilt von wenigen Ausnahmen abgesehen auch für die
fotografische bzw. fotojournalistische Praxis und deren Themensetzung.
Im zweiten Kapitel, »Peace
and Peace Photography«, wird schnell deutlich, dass die Herausforderung beider
Konzepte darin besteht, dass eine Kategorie bzw. ein Begriff wie Frieden nicht
nur schwer bestimmsondern noch schwieriger visualisierbar
ist. So ist es nur konsequent, wenn Möller »peace
photography« als ein pluralistisches Konzept bezeichnet: „Verschiedene Konzepte
von Frieden erfordern unterschiedliche Formen visueller Repräsentation“ (S.
49), um folgendermaßen fortzufahren: „Friedensfotografie braucht nicht nur eine
Visualierung von Frieden, sondern auch Betrachter, die nach solchen
Visualisierungen suchen“ (S. 49). Gleichwohl hat auch die Betitelung jedweden
Bildes
mit Abwesenheit von Gewalt – also eine Visualisierung
negativen Friedens –als »peace photography« ihre Problematik: „[D]as ganze
Konzept der Friedensfotografie würde keinen Sinn machen, wenn (nahezu) jede
Fotografie als Friedensfotografie angesehen würde“ (S. 53).
Ein gutes Beispiel für
Möllers Vorgehen,
an dem seine
Argumentationsweise transparent wird, ist das dritte Kapitel, »This is Peace!
Robert Capa at Work« (S. 89 ff.). Er nimmt dort letztlich eine Art Umdeutung
Robert Capas vom Kriegs- zum Friedens- fotografen vor. Während Capa vor allem
für seine Bildikonen aus dem Spanischen Bürgerkrieg oder dem »D-Day« in der
Normandie zu einer Standardreferenz für Kriegsfotografie wurde, rückt Möller
Capas Bilder vom Alltagsleben in Spanien zu Zeiten des Bürgerkriegs in den
Vordergrund. Für Möller sind sie als Friedensfotografie interpretierbar: [S]ie
zeigen eine andere Realität von Krieg und visualisieren Frieden – Inseln des
Friedens – in einem Land im Krieg“ (S. 92). Damit zeigt sich, dass
ein Element des Ansatzes von Möller aus der
diskursiven Rahmung von bestimmten Bildern als Friedensfotografie besteht.
In den Kapiteln 5 und 6
greift Möller
mit der »aftermath
photography« und
der »forensic photography«
fotografische Konzepte auf, die vor allem in der künstlerischen
Dokumentarfotografie breite Rezeption erfahren. Die »aftermath photograpyh«
etwa, die aus der Visualisierung leerer Landschaften und verlassener Orte
besteht, ist für Möller eine „politische und ästhetische Gegenstrategie, die
sich standardi- sierten Formen der Kriegsfotografie widersetzt, auf Kritik an
Kriegsfotografie reagiert und die fotojournalistischen Grenzen der Darstellung
erweitert“ (S. 111). Anhand der »forensic photography« diskutiert er die
Rückkehr des Beweises und setzt dies mit der Debatte um »alternative Fakten«
und »postfaktische« Argumente in Bezug (S. 177), um abschließend zu
kommentieren: „Technologie verändert sich ebenso wie die gezeigten Subjekte,
aber die Hoffnung, die auf Fotografie ruht, bleibt hartnäckig die selbe. (S.
179)
Der Fotojournalismus als das
Feld, aus dem bis heute eine Vielzahl von Kriegsfotografien stammt, wird von
Möller argumentativ an vielen Stellen (kritisch) aufgegriffen. Daher ist es
etwas verwunderlich, dass journalistische Konzepte, die den Frieden und die
Abkehr vom Krieg in den Vordergrund rücken, wie der konfliktsensitive Journalismus,
im Buch kaum eine Rolle spielen. Erklären lässt sich dies damit, dass Möllers
Zugang zur Fotografie eher bildwissenschaftlicher denn journalistischer bzw.
kommunikationswissenschaftlicher Natur ist. So ist es dann nur konsequent, dass
viele Beispiele, die er diskutiert, wie etwa die Arbeiten von Alfredo Jaar,
Bleda y Rosa, Richard Mosse oder Simon Norfolk, in der Foto-Kunst zu verorten
sind, auch wenn Möller die Unterscheidung von Journalismus und Kunst selbst
immer wieder kritisch hinterfragt.
Die Qualität von Möllers
Buch besteht darin, dass er relevante Begriffs- und Themenfelder sowohl aus der
Friedens- und Konfliktforschung als auch der Fotografieforschung bzw. den
»Visual Culture Studies«, wie etwa die Debatte um »security communities« oder
»citizen photography«, aufgreift und miteinander verzahnt. Gewinnend ist, dass
er sich als Autor immer wieder selbstreflexiv in den Text einbaut, etwa indem
er zu Beginn von Kapitel 6 schreibt „Ich werde über die Entwicklung meiner
eigenen Muster des Sehens und Interpretierens schreiben.“ (S. 134) Gleiches
macht er in Bezug auf die Betrachter*innen von Bildern, wenn es heißt: „[I]ndividuelle
Beurteilungen von Bildern können nicht von der visuellen Sozialisation der
Person getrennt werden, die ein Bild beurteilt“ (S. 146).
Möllers Band ist durchaus
anspruchsvoll, und seine Argumentationsgänge sind nicht immer leicht
nachvollziehbar. So ist »Peace Photography« vor allem für Leser*innen geeignet,
die sowohl in der Friedens- und Konfliktforschung als auch den »Visual Culture
Studies« zumindest Grundwissen haben. Hilfreich sind die Kapitelstruktur und
der ausführliche Index, die eine schnelle Orientierung ermöglichen und die Option
bieten, verschiedene Debattenstränge separat zu verfolgen oder Möllers
Auseinandersetzung mit bestimmten Künstler*innen nachzuvollziehen. Der Band
bereichert zweifelsohne die Debatte um die Bedeutung der Visualität in der
Friedens- und Konfliktforschung um eine weitere Facette, ohne dass ein Ende
sicht- bzw. denkbar wäre, denn „die Grenzen der Fotografie sind nicht die
Grenzen der visuellen Kultur“ (S. 236).
Möller, Frank (2019): Peace
Photography. Basingstoke: Palgrave Mcmillan, ISBN 978-3-030-03221-0, 290 S., 72,49
Euro.
Die Rezension ist zuerst
erschienen in Wissenschaft&Frieden 4/2019, S. 51/52.
Freitag, 18. Oktober 2019
Schwerpunkt Kriegs-, Krisen- & Konfliktfotografie bei FREELENS e.V.
Die
Kriegs- und Krisenfotografie gilt noch immer als die Königsdisziplin des
Fotojournalismus. Seit Roger Fenton 1855 den Krim-Krieg im Auftrag der
britischen Krone mehr inszenierte als dokumentierte, haben unzählige
Fotograf*innen ihr Bild des Krieges geliefert – viele bezahlten dies mit ihrem
Leben. In diesem Jahr beschäftigt sich FREELENS e.V., der Verband für
Fotograf*innen und Fotojournalist*innen
in einem Online-Schwerpunkt intensiv mit der Kriegs-, Krisen- und Konfliktfotografie.
Neben grundsätzlichen Begriffsbestimmungen werden die Hintergründe und
unterschiedlichen Arbeitsweisen von Fotograf*innen untersucht, die sich in
Kriegs- und Krisengebieten bewegen. Soweit als möglich sollen dabei auch
bisher vernachlässigte »Randbereiche« ausgeleuchtet.
Der
Kölner Journalist und Afghanistan-Experte Martin Gerner etwa hat sich mit dem
Mythos und der Wirklichkeit des Berufsbildes Kriegsreporter beschäftigt. https://freelens.com/fotografie-und-krieg/kriegsreporter-mythos-und-wirklichkeit-eines-berufsbildes/
Stefan
Günther, Bildredakteur beim Netzwerk n-ost, beleuchtet in »Auf eigene Rechnung
in den Krieg« das Thema Sicherheit und Vorbereitung anhand des Konflikts in der
Ostukraine.
Um
die Arbeitspraxis bei Bildnachrichtenagenturen und den Umgang mit Fotomaterial aus
Kriegs- und Konfliktregionen geht es im Interview mit Ben Wenz von der Agentur
epa. https://freelens.com/fotografie-und-krieg/journalismus-machen-der-zeigt-was-ist/
Die
freie Nordafrika-Korrespondentin Sarah Mersch hingegen richtet den Blick auf
die Situation von Fixern und Stringern in Libyen. https://freelens.com/fotografie-und-krieg/eine-kamera-ist-wie-eine-waffe-alle-haben-angst/
Weitere
Autor*innen die für den Themenschwerpunkt schreiben, sind Sophia Greiff,
Andreas Herzau, Dr. Evelyn Runge, Simone Schlindwein und Florian Sturm. Redaktionell
betreut wird das Projekt von Felix Koltermann und Stefanie Rejzek. Die
komplette Übersicht der bisher publizierten Themen findet sich unter: https://freelens.com/news-kategorie/fotografie-und-krieg/
Montag, 1. Juli 2019
Fallstricke der Komplexität - THIS PLACE in Berlin
Seit diesem Monat ist im Jüdischen Museum in Berlin die Ausstellung "This Place" zu sehen. Sie zeigt die Fotoarbeiten von 11 Fotografen über Israel. Die Ausstellung hat viele mediale Präsenz. Etwas unter geht dabei, dass Sie schon 2014 in Prag gezeigt wurde. Es war quasi der Start der Welttour. Dort waren auch alle Werke in voller Länge zu sehen. Damals habe ich die Ausstellung für die Zeitschrift Photonews rezensiert und veröffentliche den Text hier erneut, um zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der Ausstellung anzuregen.
| Zentraler Ausstellungsraum des Dox Center in Prag mit Arbeiten von "This Place" |
Kaum eine Region weist eine
so hohe Dichte an lokalen und internationalen Fotografen auf wie Israel und die
palästinensischen Gebiete. In den deutschen und internationalen Medien sind
Bilder der Region allseits präsent und haben Eingang auch in den Kunstmarkt
gefunden. Dies hat den französischen Fotografen Fréderic Brenner nicht davon
abgehalten, für das Projekt „This Place“ 11 internationale Fotografen für zum
Teil mehrmonatige Künstlerresidenzen in die Region einzuladen. Die Ergebnisse
sind seit dem 24. Oktober in Form einer umfangreichen Ausstellung im Dox Center
for Contemporary Art in Prag zu sehen. Inspiration für sein Projekt holte sich
Fréderic Brenner bei anderen fotografischen Großprojekten, wie dem
Dokumentarprogramm der Farm Security Administration (FSA) in den USA der 1940er
Jahre und der „Mission photographique de la Datar“ aus dem Frankreich der
1980er Jahre.
Brenner verfolgt mit seinem
Projekt das Ziel, ein neues heterogenes Narrativ zu erschaffen und sich mit
Israel und der Westbank als Ort und Metapher zu beschäftigen: „Ich glaube, dass
wir nur durch die Augen großer Künstler anfangen können, die Komplexität
Israels zu verstehen“. Die entstandenen Projekte sind dabei allesamt Auftragsarbeiten,
die ausschließlich für „This Place“ angefertigt wurden. Die immensen Kosten von
fast 6 Millionen Euro wurden zum Großteil von amerikanischen Privatleuten und
Stiftungen sowie einer umfangreichen Materialspende von Kodak getragen. Damit wurde es möglich, dass alle
Fotografen auf Film fotografieren konnten und einige sich den Luxus gönnten,
das komplette Projekt in 8x10 Inch zu fotografieren. Neben der Teilnahme an der
Gruppenausstellung veröffentlichen alle Teilnehmer eigene Fotobücher über ihre
Projekte. Der Großteil davon erscheint bei Mack Books aus London.
Ästhetisch Erwartbares
Viele der beteiligten
Fotografen liefern dabei fotografisch und ästhetisch das, was man von ihnen
gewohnt ist. Während Brenner vor allem Familienporträts unterschiedlicher
jüdischer Glaubensrichtungen anfertigt, setzt sich Stephen Shore intensiv mit
der Landschaft in der Region auseinander. Joseph Koudelka fokussiert sich
dagegen auf die Mauer bzw. israelische Sperranlage und zeigt sie in
altbekannter, grobkörniger Schwarz-Weiß Fotografie im Panoramaformat. Thomas
Struth setzt konsequent Landschaften und Interieurs in Szene, während Jeff Wall
sein Schaffen auf ein einziges Bild schlafender Beduinen in einem Olivenhain
vor einem Gefängnis am Horizont beschränkt. Der Franzose Gilles Peress, der
einzige der Gruppe, der schon langjährige Erfahrung in der Region vorweisen
konnte, widmete sich dem Alltag im Ost-Jerusalemer Stadtteil Silwan. Der
englische Künstler Nick Wapplington machte Porträts und Landschaftsaufnahmen in
Siedlungen in der Westbank, während die Amerikanerin Rosalind Salomon die
Region per Bus bereiste und in ihrer altbewährten Technik angeblitzte
Schwarz-Weiß Porträts anfertigte.
In dem Sinn neu und
ungewöhnlich sind die Projekte von Martin Kollar, Fazal Sheikh und Jungjin Lee.
Martin Kollar erschafft eine Welt, die aus Filmkulissen zu bestehen scheint
(Siehe Portfolio in Photonews ). Dabei sind die Bilder auf den Straßen von Tel
Aviv, in einem Hangar am Flughafen Ben Gurion, in einem Hypnosezentrum oder auf
dem militärischen Trainingsgelände Tze’elim aufgenommen. Er kreiert eine
fantastische, vermeintlich der Realität entrückte Welt. Jungjin Lee schafft es
mit ihrer besonderen Technik, den so bekannten Landschaften eine neue Ästhetik
einzuhauchen und sie in einem anderen Licht zu präsentieren. Die Orte wirken
generisch und sind es doch wieder nicht, da selbst durch die Verfremdung die
Stacheldrahtrollen oder die Eukalyptusbäume der Region zuordenbar sind.
Fotografisches Neuland
Für eine völlig neue
Bildsprache entschied sich der Amerikaner Fazahl Sheikh. Bekannt vor allem
durch Schwarz-Weiß Porträts wählte Sheikh den Weg der Luftaufnahme, um die
Veränderung der Landschaft in der Negevwüste Israels deutlich zu machen.
Exemplarisch wird in seinen Bildern deutlich, wie unterschiedlich die in der
Negev siedelnden Gruppen in die Landschaft eingreifen. Während die
landwirtschaftliche Nutzung durch die Beduinen nur vom geschulten Auge zu sehen
ist, sind die Felder israelischer Kibbutzim aufgrund maschinell gezogener
schnurgerader Furchen gut zu erkennen. Fasziniert zeigte sich Sheikh vor allem
von den Beduinen: „Die Beduinen haben gelernt in einer fragilen Gegend zu
überleben“. Unerlässliche Ressource um zu verstehen, was Sheiks Bilder zeigen,
war ein in der Ausstellung ausliegendes kleines Booklet mit genauen
geographischen Angaben und kurzen Beschreibungen der Orte.
Die inhaltlich komplexeste
Arbeit stammt von Wendy Ewald. Sie hat dabei mit ihrem über viele Jahre
erprobten Ansatz „Literacy through Photography“ gearbeitet, hinter dem sich
partizipative Fotoworkshops verbergen. Ewald arbeitete dazu mit 14 Gruppen
verschiedener Altersstufen zusammen, darunter Beduinen aus der Negevwüste,
jungen jüdisch-israelischen Rekruten, Drusen im Karmelgebirge und
palästinensischen Frauen im Ost-Jerusalemer Stadtteil Silwan. Beeindruckt
zeigte sich Ewald davon, wie unterschiedlich die einzelnen Gruppen mit dem
Medium Fotografie umgingen und wie stark die unterschiedlichen Lebensumstände
die Bildinhalte beeinflussten. Während die Bilder der Rekruten vom Alltag des
Wehrdienstes erzählen, zeigen die Bilder der Frauen aus Silwan die täglichen
Konfrontationen mit jüdischen Siedlern. Gelungen ist Ewalds
Ausstellungspräsentation, die eine Auswahl von Bildern der einzelnen Gruppen
mit kurzen Texttafeln kombiniert, so dass genau die Tiefe und Komplexität
entsteht, die einigen anderen Arbeiten fehlt.
Zwölf Perspektiven im Dialog
Eine einzigartige
Gelegenheit hinter die Kulissen von „This Place“ zu schauen, bot die
Veranstaltung „12 Perspectives“ am Eröffnungswochenende der Prager Ausstellung.
In Vierer-Gruppen erzählten die beteiligten Fotografen von den Hintergründen
des Projekts und ihren persönlichen Motivationen daran teilzunehmen. Dabei
wurde erneut deutlich, wie unterschiedlich die Interessen und die
Herangehensweisen der Fotografen waren. „Es war der einfachste Ort, an dem ich
je gearbeitet habe“ stellte Wendy Ewald klar. Für Jungjin Lee war es dagegen
das politischste Projekt ihrer Karriere: „Meine Bilder zeigen meine
erschütternden Erfahrungen“. Und Joseph Koudelka, der seine Erfahrungen in
Israel und der Westbank mit dem Leben in Prag hinter dem Eisernen Vorhang
verglich, erzählte, wie er jedes Mal aufatmete, wenn er das Land im Flugzeug
verlassen konnte. Klar wurde auch, dass „This Place“ kein Gemeinschaftsprojekt
war, sondern alle Fotografen individuell an ihren Projekten arbeiteten.
Politische Fallstricke
Obwohl das Projekt
hauptsächlich Israel thematisieren wollte, ist unterschwellig in fast
allen Arbeiten der israelisch-palästinensische
Konflikt präsent. Umso unverständlicher erscheint es, warum alle offiziellen
Texte einen großen Bogen darum machen, dies zu benennen. Was auf den ersten
Blick wie der neutrale Versuch erscheint, die Thematisierung des Konflikts und
vermeintlich politische Definitionen zu vermeiden, folgt auf den zweiten Blick
dem dominanten israelischen Konfliktnarrativ. Charakteristisch dafür ist,
Palästinenser nicht als Palästinenser zu bezeichnen, das Wort Besatzung und
palästinensische Gebiete zu vermeiden sowie Israel nicht innerhalb klar
zuordenbarer politischer Grenzen zu verordnen. So entsteht der Eindruck einer
Region, in der Menschen sich frei bewegen können, individuelle Freiheiten für
alle herrschen und unterschiedliche
Völker nebeneinander existieren. Der kritische Ansatz der Arbeiten von Gilles
Peress, Joseph Koudelka, Fazal Sheikh oder Wendy Ewald wird damit verwässert
und letztlich entpolitisiert.
In der Ausstellung wird
dies an der fehlenden Kontextualisierung einiger Arbeiten deutlich. Die tiefere
Bedeutung, die viele der gezeigten Bilder besitzen, kann sich der Betrachter
damit nicht erschließen. Stephen Shore benutzt zwar Ortsangaben, es fehlen jedoch Hinweise auf
die Region, wo die Bilder entstanden sind. Die Arbeit „Settlement“ von Nick Wapplington
verzichtet gleich ganz auf Bildunterschriften oder Titel und lässt den
Betrachter mit diesem hochkomplexen Thema allein. Ein gutes Beispiel ist auch
das Bild „Judean Hills“ von Frederic Brenner. Es zeigt eine Familie inmitten
einer Schafherde, die sich harmonisch in eine karge Hügellandschaft einpasst.
Weder erfährt man den Namen der Familie noch den genauen Ort. Damit kann auch
die Bedeutung der Inszenierung und die dem Bild innewohnende Symbolik nicht
erkannt und als solches dechiffriert werden. Was bleibt, ist das Bild perfekter
ländlicher Idylle. Nur wer die Region kennt, kann an der Kleidung der
Erwachsenen sowie an den religiösen Symbolen ablesen, dass es sich um
national-religiöse Siedler handelt.
Vernachlässigung lokaler Perspektiven
Gut getan hätte dem Projekt
ein bisschen mehr Bescheidenheit. Wer die Region und die Arbeit lokaler
Fotografen kennt, weiß, dass es keineswegs neue Themen und fotografische
Ansätze sind, die dort verhandelt wurden. Da viele dieser Arbeiten einem
breiten Publikum in Europa jedoch nicht bekannt sind, erscheint es so, als
würde „This Place“ inhaltlich und fotografisch Neuland betreten. Die Arbeiten
israelischer Fotografen wie Miki Kratsman, Shai Kremer, Adi Nes oder Dror Guez
und ihrer palästinensischen Kolleginnen wie Ahlam Shibli oder Rula Halawani haben
eine Reihe der in „This Place“ behandelten Themen bereits aufgegriffen und
ästhetisch überzeugend verhandelt. Schade ist, dass mit dem Argument, nur große
internationale Künstler könnten der Komplexität Israels auf den Grund gehen,
den lokalen Fotografen die Fähigkeit abgesprochen wird, ein ähnliches Projekt
auf die Beine zu stellen. Die Möglichkeit, lokale Fotografen mit einzubeziehen,
wurde vom Projektteam zwar angedacht, dann aber verworfen. Ohne politisch
stärker Position zu beziehen, wäre die Arbeit mit Palästinensern ohnehin nicht
möglich gewesen. Aus diesem Grund werden vermutlich auch alle Bemühungen, die
Ausstellung in der Westbank zu zeigen, scheitern. Position zu beziehen bedeutet
dabei nicht in binäre Denkschemata zu verfallen, sondern politische und soziale
Unterschiede zu benennen und eine Kontextualisierung der eigenen Arbeit
vorzunehmen, damit die Rede vom Verständnis der Komplexität nicht zu einer
Worthülse verkommt.
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