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Montag, 16. Juli 2018

"Kuratitis" in der Fotografie

Zweifelsohne: Fotografien und fotografische Werke brauchen in den allermeisten Fällen einen zusätzlichen Text. Sei es um Hintergrundinformationen zu Autor und Werk zu geben oder über Bildunterschriften den Kontext einzelner Fotografie herzustellen. Aber was sich zur Zeit an Textproduktion über Fotografie vor allem auf Festivals beobachten lässt, ist schon erstaunlich. Selten habe ich so viele frei schwafelnde und unnötig interpretierende Texte gelesen, die nicht nur den gezeigten Arbeiten nicht gerecht werden, sondern auch thematisch in die Irre führen. Bei meinem Besuch des Festivals "Phototriennale" in Hamburg wurde mir dies bei der Ausstellung "Control" in der Hamburger Kunsthalle wieder eindrücklich vor Augen geführt.

Ausstellungsansicht von "Control" aus der Hamburger Kunsthalle

Eine der dort gezeigten Arbeiten ist das Triptychon "Monney" von Annette Kelm. Die drei Fotografien zeigen Ein-Dollarnoten auf einem einfarbigen Hintergrund, die im ersten Bild das Wort "Monney" formen, was sich in den beiden anderen Bildern auflöst bis nur ein Haufen Dollarnoten übrig ist. Laut dem dazugehörigen Text regt die Arbeit "zu einem grundsätzlichen Nachdenken über die Lesbarkeit der Fotografie und die Grenzen der Darstellbarkeit von komplexeren Zusammenhängen wie etwa dem von Geld und Kontrolle an". Mir ist völlig schleierhaft geblieben, inwiefern das Triptychon die Lesbarkeit der Fotografie thematisiert und den Aspekt der Kontrolle aufzeigt.

Ebenfalls in der Ausstellung zu sehen ist der fünf Bilder umfassende Zyklus "Presidency" von Thomas Demand aus dem Jahr 2008. Demand ist einer der Lieblinge zeitgenössischer Kunstausstellungen und wird immer dann zu Rate gezogen, wenn es darum geht, das Verhältnis von Realität und Fiktion zu thematisieren. Thomas Demand baut Ereignisse und Schauplätze der Politik, wie in diesem Fall das Oval Office des amerikanischen Präsidenten, als lebensgroße Papp- und Papiermodelle nach, die er dann fotografiert. Während der begleitende Text richtig und nachvollziehbar darauf verweist, dass Demand "die Inszenierung von Macht" dokumentiert, verliert er sich gleich darauf im Spekulativen in dem er der Arbeit bescheinigt, sie demonstriere, "dass wir uns durch das Abbilden mit der Täuschung begnügen".

Es verwundert insofern nicht, dass ich mich hier auf Texte einer Gruppenausstellung innerhalb eines Festivals beziehe, sind diese doch Teil von zwei weiteren zu problematisierenden Phänomenen: der "Kuratitis" in der Fotografie und der neuen Eventkultur der Fotofestivals. Da Gruppenausstellungen und Festivals meist eine thematische Klammer haben, können die Kurator_innen hier zu Höchstform auflaufen, ist es doch ihre Aufgabe, über die Texte in den Ausstellungen die Bezüge zwischen den einzelnen Werken herzustellen. Dass die eigentlichen fotografischen Arbeiten dabei oft in völlig verschiedenen kuratorischen Projekten mit zum Teil gegensätzlichen Thematiken auftauchen: geschenkt.

Und wenn wie im Juni dieses Jahres mit der Phototriennale in Hamburg, dem F/Stop in Leipzig, dem LUMIX Festival in Hannover und dem RAY in Frankfurt gleich vier große Festival in Deutschland parallel laufen, dann kann dies eben nur dadurch funktionieren, dass alle versuchen, einen maximal individuellen Charakter herauszustreichen und als singuläres Event wahrgenommen zu werden. Dafür sind dann die Kurator_innen gefragt, die so prägnante wie nichtssagende Themen wie "Extreme" (RAY), "Zerrissene Gesellschaft" (F/Stop) oder "Breaking Point" (Phototriennale) wählen.

Richtig böse sein kann man den Kurator_innen dabei jedoch nicht, sind sie doch selbst in den Logiken eines neoliberalen Kunstmarktes gefangen, in dem nicht nur die Künstler_innen sondern auch die Kurator_innen dazu verdammt sind, als maximal individualisierte Subjekte zu fungieren, um innerhalb der Aufmerksamkeitsökonomie wahrgenommen zu werden. Die Festivals sind Teil dieses Phänomens und stehen darüber hinaus für eine Kulturpolitik und -produktion als Teil einer Eventkultur, bei der das künstlerische und kuratorische Prekariatat unter maximalem Aufwand innerhalb kürzester Zeit größtmögliche Aufmerksamkeit generieren muss, um dann schnell an den nächsten Ort weiterzuziehen. Da wünscht man sich doch ein bisschen mehr Bescheidenheit.


Freitag, 23. März 2018

Conferences on Photography and Conflict in 2018


Recently several Conference Invitations and Call for Papers for Conferences dealing with photography and conflict as well as photojournalism in a wider sense have been published. Already in May there will be an interesting conference on 'Pictures of War: The Still Image in Conflict since 1945' organized by the Manchester School of Art. Marcel Reyes-Cortez organises in September the 2nd International Conference on Photographyin Academic Research dealing with 'Images in Post-Truth Era' at Birkbek College in London. The International Association of Photography and Theory published the Call for the 5thInternational Conference of Photography and Theory dealing with 'Photographies and Conflict: Archiving and Consuming Images of Strife'and taking place in Novembre 2018 in Nicosia.

Samstag, 17. März 2018

Aus zwei mach drei - Glossar und Literatur


Nachdem im zweijährigen Rhythmus jeweils neue Bände von "Fotografie und Konflikt" erschienen sind, war es Anfang 2018 Zeit für die dritte Ausgabe. Damit ist "Fotografie und Konflikt" zu einer regelmäßig erscheinenden Reihe geworden. Dieses Mal geht es um das Thema Glossar und Literatur. Hier der Klappentext zum Buch:

"Wie jeder andere gesellschaftliche Bereich auch, verfügen der Fotojournalismus und die Kriegsfotografie über eine Vielzahl von Begrifflichkeiten, die meist nur Insidern bekannt sind. In diesem Band werden die wichtigsten Begriffe kurz und prägnant erläutert. Darüber hinaus finden sich Hinweise auf Einsteigerliteratur sowie eine Übersicht der wichtigsten Institutionen sowie interessanter Webseiten zum Thema".


Das Buch hat 76 Seiten und kostet 5,90 Euro (ISBN: 9783746056364). Es ist über den normalen Buchhandel oder direkt über Books On Demand zu beziehen. Über diesen Link ist das Buch direkt bei mir bestellbar.

Sonntag, 8. Oktober 2017

Vom Ursprung und der Zirkulation der Bilder


In der massenmedialen Kommunikation zirkulieren Unmengen von Bildern in den unterschiedlichsten Kontexten, ohne dass in der Regel für den Betrachter die dahinter stehenden Produktionsroutinen sichtbar werden würden. Damit verbunden sind Fragen danach, warum welche Ereignisse welche Bedeutung bekommen und wie diese bildnerisch dargestellt werden. Der Versuch, diesem in Form einer medienreflexiven Ausstellung auf den Grund zu gehen, haben Mitglieder der Gruppe Migrant Image Research Group unternommen.

Die Arbeit des Kollektivs, ist im Rahmen der Biennale für aktuelle Fotografie in der Rhein-Neckar-Region als Teil der von Florian Ebner kuratierten Ausstellung "Was sagt die Einstellung über die Einstellung?" zu sehen. Hinter der Migrant Image Research Group verbergen sich verschiedene Fotografen wie Armin Linke und Jan Wenzel sowie Wissenschaftler wie Estelle Blaschke die unter Federführung von Anne König und Armin Linke kritisch die Prozesse der Bildkommunikation über die sogenannte "Flüchtlingskrise" untersuchen. Ein Großteil des Recherchematerials wurde im Rahmen eines von Armin Linke geleiteten Forschungsprojekts an der HfG Karlsruhe vor sieben Jahren zusammengetragen.

Für die unter dem Titel "Lampedusa – Bildgeschichten am Rande Europas" laufende Ausstellungsbeteiligung im Mannheimer Zephyr hat sich die Gruppe auf Vorschlag des Spector Verlags ästhetisch für das Format der Graphic Novel bzw. der Zeichnung entschieden. So finden sich an den Wänden gezeichnete und mit Sprechblasen versehene Gesprächsszenen verschiedener Akteure wie NGO-Mitarbeiter, Fotografen und Bildredakteure, die ihr eigenes Arbeiten in Bezug auf das Thema reflektieren. Ergänzt wird dies durch zahlreiche Videos, in denen einzelne Akteure ausführlich Stellung nehmen.

 
Teil der Graphic Novel von Emilie Josso

Ausgangspunkt einer von Emilie Josso als Graphic Novel übersetzten Reflexion ist ein Bild des italienischen Fotografen Giuliio Piscitelli, das eine Gruppen von Menschen zeigt, die einen Sandhügel hintergehen. Dazu finden sich Kommentare wie "Ich mag dieses Bild, weil es das ikonische, stereotype Bild des Flüchtlings verschiebt" oder "Ich sag es mal provokant: Wenn wir einen Teil der Kleidung ändern würden, könnte es aussehen wie ein Werbefoto". Ähnlich finden sie viele weitere Kommentare unterschiedlicher Akteure. In den Videos hingegen kommt bspw. ausführlich der italienische, auf Lampedusa lebende Fotojournalist Maurizio Seminara oder der ägyptische Bildredakteur Hani Mustafa der Wochenzeitung Al-Ahram Weekly zu Wort.

Was die Ausstellung leistet, ist der medialen über Bild und Text vermittelten Erzählung über Migration nach Europa eine neue oder besser gesagt andere Erzählung gegenüberzustellen. Diese ist auf den ersten Blick informativ und zeigt Hintergründe und Paradoxien des Prozesses der Bildkommunikation auf, ohne dabei belehrend zu wirken. Gleichwohl schafft es das Projekt nicht wirklich, die in den Medien ablaufenden Prozesse schlüssig zu erklären. Vermutlich war dies auch nicht das Ziel des Projektes. Für den Herbst hat die Gruppe eine vom Fonds TURN der Kulturstiftung des Bundes geförderte Veröffentlichung bei Spector Books geplant (ISBN 978-3959051736, 280 Seiten, 28 Euro). Dabei soll es sich um eine ausgeweitete Graphic Novel zur Reflexion des bildnerischen Umgangs mit Lampedusa und dem Thema Migration handeln. Man darf darauf gespannt sein.

Aus der graphischen Reflexion von Emilie Jondo in der Mannheimer Ausstellung



Ähnliche Beispiele wie die Videos aus der Austellung, finden sich auf dem VIMEO-Kanal der Gruppe. Dort sind auch mehrere Gespräche mit dem schon erwähnten Fotojournalist Maurizio Seminara zu sehen.

Maurizio Seminara (02) – Photo Journalist on Lampedusa from Migrant Image Research Group on Vimeo.

Montag, 18. September 2017

Ein einfacher und gefälliger Blick auf die Geschichte

Die iranisch-amerikanische Künstlerin Shirin Neshat ist eine wichtige Größe auf dem internationalen Kunstmarkt und hat ihre Arbeiten auf fast allen wichtigen internationalen Kunstfestivals gezeigt, wie z.B. der Biennale in Venedig. Zurzeit sind ihre Arbeiten in einer großen Retrospektive in der Tübinger Kunsthalle zu sehen. Darunter ist auch einer ihrer wichtigsten fotografischen Werkkomplexe, die Serie "Book of Kings".

Der Ursprung der Serie, der 2012 zum ersten Mal öffentlich gezeigt wurde, geht auf das Jahr 2010 zurück und war von der grünen Revolution im Iran und dem arabischen Frühling inspiriert. "Book of Kings" ist eine dreiteilige, inszenierte Porträtserie. In New York fotografierte Neshat aus dem Iran und der arabischen Welt stammende Menschen vor einem schwarzen Hintergrund. Die Porträtierten teilt Sie dabei in drei Gruppen ein: Patrioten, Schurken und Massen. Die Einteilung folgt dabei nicht persönlichen Merkmalen der Porträtierten, sondern einer willkürlichen Zuordnung der Künstlerin. Der Titel ist an das Nationalepos Shahnameh (The Book of Kings) des iranischen Dichters Abū ʾl-Qāsim Firdausī aus dem 10. Jahrhundert angelehnt.

Blick auf die Präsentation von "Book of Kings" in der Tübinger Ausstellung


 

Laut Neshat handelt es sich bei den drei Gruppen um "diejenigen, die die Macht bekämpfen, diejenigen, die die Macht innehaben, und diejenigen, die einfach unbeteiligte Zuschauer sind". Zahlenmäßig stellen die Massen die größte Gruppe dar. Die Menschen werden im Kopfporträt dargestellt. Die zweitgrößte Gruppe sind die Patrioten, im Brustporträt fotografiert und mit Hand auf dem Herz. Die kleinste Gruppe sind die Schurken, bestehend aus drei Ganzkörperporträts im mehr als lebensgroßem Format. Während sich bei den Massen und Patrioten Textzeilen auf dem Gesicht der Porträtierten befinden, zieren die Körper der Schurken Kriegsszenen aus historischen Zeichnungen.

In ihrer Bildsprache knüpft Neshat an ihre frühen Arbeiten an, vor allem die Serie "Woman of Allah", mit der sie in den 1990er Jahren internationalen Bekanntheitsgrad erlangte. Die persischen Schriftzeichen wirken damals wie heute ornamental und sind für die nicht des Persischen mächtigen Besucher nichts als eine schöne Oberfläche. Die Bilder von "The Book of Kings" wirken einfach und gefällig und wie ein billiger Abklatsch ihrer frühen Arbeit. Dies liegt nicht nur an der Bildsprache, sondern auch an der wahllosen Zuordnung der Porträtierten zu den drei Gruppen. Weder erfährt man, was Schurken, Patrioten oder Massen ausmacht, geschweige denn, ob jemand sowohl der einen wie der anderen Gruppe zugeordnet werden kann.

Blick auf die Präsentation von "Book of Kings" in der Tübinger Ausstellung


Die Texte könnten darauf vielleicht eine Antwort geben. Aber da diese in Persisch gehalten sind und weder die Künstlerin noch die Kuratoren es für nötig erachten, diese zu übersetzen, ist das Wissen darum, dass es sich um Texte von Autoren und Autorinnen, die im Iran unterdrückt werden, sowie um Briefe von Aktivisten der Grünen Bewegung aus dem Gefängnis handelt, nichts als eine Plattitüde. Was sich hier exemplarisch zeigt, ist was passiert, wenn eine Künstlerin wie Neshat die eigene Formensprache immer wieder aufleben lässt und thematisch in genau der Nische verbleibt, mit der sie groß geworden ist, die aber gleichzeitig auf Dauer die Gefahr birgt, vereinfachten Klischees zu erliegen, was sich in Tübingen gut beobachten lässt. Die Komplexität historischer Prozesse, die Zerrissenheit von Menschen in politischen Umbruchssituationen, all diese Themen verschwinden hinter der von orientalistischer Ornamentik überladenen Oberfläche.

Die Ausstellung "Shirin Neshat – Frauen in Gesellschaft" ist noch bis zum 29. Oktober in der Kunsthalle Tübingen zu sehen. Es gibt ein umfangreiches Begleitprogramm, das sich inhaltlich vor allem mit der Situation von Frauen im Nahen und Mittleren Osten sowie der Fotografie und der Kunst der Region befasst.


Montag, 26. Juni 2017

"Das rechte Bild zur rechten Zeit"


Die akademische Ausbildung von Fotografen und Fotografinnen hat in Deutschland eine lange Tradition. Eine der ersten Hochschulen, die Anfang der 1970er Jahre den Studienschwerpunkt Foto-Design anbot, war die Fachhochschule Dortmund. Zu einer ähnlichen Zeit entstanden in Deutschland auch neue Journalistikstudiengänge, unter anderem an der TU Dortmund. Im Gespräch mit Felix Koltermann für das BFF Magazin reflektieren mit Prof. Dr. Claus Eurich, seit 1976 Kommunikationswissenschaftler an der TU Dortmund sowie Prof. Kai Jünemann, seit 2015 Professor für Werbefotografie an der FH Dortmund, zwei Generationen von Hochschullehrern die Bedingungen zeitgenössischer Fotografieausbildung.



FK: Der Markt ist überfüllt, Amateure machen den Profis in vielen Bereichen Konkurrenz, es gibt die Rede von der "Bilderflut". Warum soll man in dieser Situation noch Fotografen ausbilden?

KJ: Genau aus dem Grund wahrscheinlich. Weil wir mehr Bilder brauchen und mehr Bilder nutzen als vorher und deshalb verstärkt Lernen müssen, diese Bilder zu lesen und zu bestimmen um eine bessere Bildkompetenz zu entwickeln. Ich finde es erschreckend, wie schnell teilweise von ambitionierten Amateuren, aber auch von Studierenden und Profis, Bilder auf den Markt geschmissen werden, ohne sich wirklich Gedanken darüber zu machen. Ich bin mir auch nicht sicher, ob der Markt wirklich kleiner geworden ist oder einfach breiter in die Masse geht und dadurch bestimmte Auftragsvolumen kleiner geworden sind.

CE: Es gibt da eine Parallelität zur Diskussion im Journalismus. Wir haben auch da eine Grenzverschiebung dessen was professioneller Journalismus ist und was es, verbreitet durch die sozialen Netzwerke, an "Informationsschrott" auf dem Markt gibt. Für die Nutzer und Nutzerinnern wird es dabei immer schwieriger zu unterscheiden, was Qualität ist und was nicht. Als professionelle Ausbilder – und das ist glaube ich im Bereich der Fotografie ähnlich – erinnert uns das daran, uns noch mehr auf die Qualitätsstandards zu besinnen. Wir müssen uns davor hüten, mit dem Strom zu schwimmen und Stück für Stück nachzugeben, nur weil es scheinbar eingefordert wird.

Das vollständige Interview ist im BFF Magazin #7 "Perspective Snapshots" zu lesen, das im Buchhandel oder direkt beim Berufsverband Freie Fotografie und Filmgestalter erhältlich ist.

Donnerstag, 22. Juni 2017

Von der Fotografie als Protest


Der israelisch-palästinensische Konflikt ist nicht nur einer der am längsten schwelenden internationalen Konflikte, er ist auch ein – häufig sehr umstrittenes – Thema der Nachrichten, insbesondere wenn es um Bilder geht. Oft geht es dabei um die Frage, wo Dokumentation aufhört und wo Aktivismus beginnt, wie subjektiv die Fotografen sein dürfen und ob Bilder manipuliert wurden. Einen klaren Punkt in dieser Debatte setzt das Buch "Activestills – Photography as Protest in Israel/Palestine".



Wie der Titel schon verrät, ordnet das im englischen Verlag Pluto Press erschienene Buch die Arbeit des Fotografenkollektivs "Activestills" als eine Form des Protests ein. Dies ist insofern geschickt, als dass damit zum einen ein klares Branding vorgenommen wird, zum anderen bestimmte Fragestellungen bzgl. des Verhältnisses von Subjektivität und Objektivität der Fotografen geschickt umgangen werden. Was die Fotografen des Kollektivs verbindet, ist ihre politische Vision. Angelegt ist dies schon im Gründungsgedanken der Gruppe, die sich im Jahr 2005 rund um die Dokumentation der Protest des palästinensischen Dorfes Bi'lin gegen den Bau der Sperranlage gebildet hat.
 
Im Laufe der 12 Jahre gab es wachsende Konstellationen des Kollektivs. Heute besteht es aus 10 internationalen, israelischen und palästinensischen Fotografen. Verändert hat sich der Fokus der Arbeit, der weg von den wöchentlichen Demonstrationen in der Westbank hin zu sozialen Themen und Kämpfen in Israel sowie zu anderen politischen Themen in Bezug zum israelischen Besatzungsregime ging. Auch die Arbeit des Kollektivs hat sich professionalisiert, bspw. über ein sehr umfangreiches Online-Archiv, ohne dass das Kollektiv sich damit in Richtung einer Foto-Agentur mit Vermarktungszielen entwickelt hätte. So ist die Nähe zu den sozialen Bewegungen und dem zivilen Widerstand ist geblieben, wenn nicht gar durch langjährige gemeinsame Praxis gewachsen.

Das mit 320 Seiten sehr umfangreiche Buch wurde aus Anlass des 10-jährigen Bestehens des Kollektivs publiziert. Auch wenn es viele Fotografien beinhaltet, ist es kein klassisches Fotobuch. Es ist in zwei Teile gegliedert, "Active" und "Stills". In beiden Teilen finden sich zu Beginn eher akademisch zu nennende Texte von versierten Autoren wie Ariella Azoulay, Vered Maimon, Meir Wigoder oder Simon Faulkner über Themen wie das Verhältnis von Protest und Fotografie, alternative Medien und fotografische Archive. Im ersten Teil gibt es dann je einseitige Statements von Aktivisten zur Arbeit des Kollektivs, während der zweite Teil die einzelnen Mitglieder des Kollektivs zu Wort kommen lässt.

Ein Beispiel für die Zirkulation der Bilder von Activestills innerhalb der politischen Bewegungen in der Region.

© Activestills


Innerhalb der publizistischen Landschaft zum Thema Fotografie und Israel/Palästina ist das Buch eine erfrischende Publikation. Geschickt führt es eine Vielzahl von akademischen und politischen Stimmen zusammen und zeichnet auf eindrückliche Weise die Bedeutung des Kollektivs für die sozialen Bewegungen der Region und den zivilen Widerstand gegen die israelische Besatzungspolitik nach. Toll ist zu sehen, wie in diesem Buch Kommentare von Vertretern der verschiedensten Bevölkerungsgruppen der Region Seite an Seite stehen und damit aufzeigen, dass ein gemeinsamer politischer Kampf möglich ist.

Vered Maimon/Shiraz Greenbaum: Activestills – Photography as Protest, London: Pluto Press, 320 Seite, ISBN: 978-0745336695, 24 Euro.

Webseite des Kollektivs: www.activestills.org


Freitag, 16. Juni 2017

Vortrag "Fotoreporter im Konflikt"


Auf Einladung der Offenen Fachhochschule der FH Dortmund habe ich am 28. April 2017 über das Thema "Fotoreporter im Konflikt - Der internationale Fotojournalismus in Israel/Palästina" referiert. Der Vortrag fand am Fachbereich Design statt und war gleichzeitig die Vorstellung meiner im transcript Verlag erschienenen Dissertation. Hier findet sich der Vortrag in voller Länger zum Anschauen.


Dienstag, 9. Mai 2017

Symposium "Images in Conflict"


Der Hannoveraner Studiengang "Fotojournalismus und Dokumentarfotografie" richtet am 17. und 18. Mai ein Symposium zum Thema "Images in Conflict" aus. Ziel des Symposiums ist es, in einen Austausch über zeitgenössische Praktiken über Bilder aus Konfliktregionen zu treten. Dabei treffen Expert_innen aus Theorie und Praxis aufeinander um in einen Diskurs über visuelle Zeugenschaft und emotionale Überzeugungskraft zu treten. Gäste sind unter anderem Geert van Kesteren, Dr. Vera Brandner, Prof. Adam Bromberg, Philipp Müller, Stephen Mayes, Santiago Lyon  und andere. Ich werde dort aus einer Akteursperspektive über den internationalen Fotojournalismus in Israel/Palästina sprechen Parallel zum Symposium wird in der "GAF – Galerie in der Eisfabrik" in Hannover eine Ausstellung zum Thema mit Arbeiten von Christoph Bangert, Edmund Clark, Harun Farocki, Ziyah Gafić, und anderen eröffnet.

Hier ein Auszug aus der Ankündigung der Veranstalter_innen:

"Bilder im Konflikt: fotografische und filmische Bilder von Krisen- und Konfliktsituationen verändern sich in Ästhetik und Gebrauchsweisen – und geraten damit selbst ins Visier. Zum einen haben sich im Zuge der digitalen Entwicklungen die BildproduzentInnen und Distributionskanäle von Bildern vervielfältigt. Das erweitert Perspektiven und ermöglicht neue Erzählformen. Zum anderen geht damit eine Erschütterung des klassischen bildjournalistischen Selbstverständnisses einher. Die Konkurrenz der visuellen Strategien sucht das Affektpotential der Bilder zu steigern. Zugleich wird hinterfragt, inwieweit Fotografien noch als Zeugnisse wirken können. Sie bewegen sich im Spannungsfeld von Wahrheitsansprüchen zwischen Authentizität, Objektivität und Propaganda. Ihre Kontextualisierungen und Rahmungen stellen Bedeutungen her – und erfordern Reflexion".

Veranstaltungsort des Symposiums ist das Auditorium in der Hochschule Hannover, Expo Plaza 2, 30539 Hannover. Die Vorträge finden teils in englischer (e), teils in deutscher (d) Sprache statt. Ein Dolmetscherservice wird auf vorherige Anfrage angeboten. Der Eintritt ist frei. Um Anmeldung per email unter: image-matters@hs-hannover.de wird gebeten. Das komplette Programm findet sich auf der Webseite "Images Matter" die in Zukunft als Onlineplattform zu Thema ausgebaut werden soll.

Donnerstag, 23. März 2017

Neues Buch "Fotoreporter im Konflikt"


Im März 2017 ist im Bielefelder Transcript-Verlag meine an der Universität Erfurt verfasste Dissertation unter dem Titel "Fotoreporter im Konflikt – Der internationale Fotojournalismus in Israel/Palästina" erschienen. Damit findet das Rechercheprojekt über die Akteure und Strukturen des internationalen Fotojournalismus in der Region, das auch für die Gründung dieses Projekt Pate stand, einen ersten Abschluss.


Hier noch der Ankündigungstext des Verlags bzw. der Klappentext zum Buch:

"Das Handeln von Fotojournalisten in Konflikten stellt einen bisher wenig beachteten Teilbereich des Auslands- und Konfliktjournalismus dar. Felix Koltermann wirft erstmals in Form einer vergleichenden Kommunikatorstudie einen differenzierten Blick auf journalistisches Handeln internationaler, israelischer und palästinensischer Fotoreporter in Israel/Palästina. Ausgehend von 40 qualitativen Interviews arbeitet er Unterschiede in den Routinen und Praktiken der Nachrichten- und Dokumentarfotografie heraus und rekonstruiert den Einfluss des israelischen Besatzungsregimes auf die Akteure und Strukturen des internationalen Fotojournalismus in der Region".

Erscheinungstermin 03/2017, 458 Seiten, ISBN 978-3-8376-3694-9, 49,99 Euro
http://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-3694-9/fotoreporter-im-konflikt
Unter diesem Link gibt es eine Leseprobe zum runterladen, die das Inhaltsverzeichnis und die Einleitung des Buches umfasst.

Mittwoch, 12. Oktober 2016

Eine neue Art der Kriegsfotografie


Der deutsche Fotograf Christoph Bangert fotografierte in Krisenländern wie Afghanistan, Pakistan und dem Irak. 2014 hat er mit seinem Fotoband "War Porn" für Aufsehen gesorgt. Darin zeigte der deutsche Fotograf Bilder, die den meisten Redaktionen zu drastisch waren, um sie zu veröffentlichen. Jetzt hat Bangert im Frühsommer mit einem zweiten Fotobuch nachgelegt.

Die Badische Zeitung schreibt folgendes über das neue Buch:

"Der Kölner Fotograf Christoph Bangert liebt abstruse Bilder. Bangert, der als Kriegsreporter im Auftrag der New York Times, des Stern und der Neuen Zürcher Zeitung in den Spannungsgebieten des nahen Ostens, im Irak oder in Afghanistan unterwegs war, fand an den Schauplätzen der Gewalt auch allerlei Kurioses."


Bei Spiegel Online wird der Band folgendermaßen kommentiert:

"Es gibt keine guten Seiten von Krieg, erst recht keine lustigen. Keine Pointe. Doch so einfach lässt sich das Narrativ nicht in Gut und Böse teilen, nicht in Täter und Opfer, und auch nicht in Leid und Glück. Trotz des Horrors gehören auch absurde Momente zur Realität der Soldaten im Irak und in Afghanistan"


In einem Text der Deutschen Presse-Agentur der in verschiedenen Tageszeitungen wie die Welt oder Augsburger Allgemeine veröffentlicht wurde heißt es:

"Mit seinen Bildern ruft er sich auch selbst vergessene Momente zurück in Erinnerung. Und sorgt dafür, dass sie auch von anderen erinnert werden. Sein Wunsch: Die Bilder irgendwann im Irak auszustellen, eine Party zu feiern, wenn dort das normale Leben wieder Überhand gewinnt. «Denn nirgendwo ist immer Krieg.»"


Über das Betrachten von Bangerts Bildern im Fotobuch sagt Sigrid Fischer in Corso beim Deutschlandfunk:

"hello camel" ist ein Ergebnis dieses Abenteuertrips von Christoph Bangert, so heißt sein neuer Fotoband, im Kehrer Verlag erschienen, sehr schön gestaltetes Buch mit tollem Einband. Und, ja, die Fotos dort zu sehen ist noch mal ein ganz anderer Effekt als sie im Internet zu sehen, da hat man natürlich auch Fotos, auf Ihrer Seite, aber das kann man nicht vergleichen."



Auf die Frage von Hendrik Haßel in einem Interview mit der Wochenzeitung "Freitag" wie er zum Begriff des Kriegsfotografen stehe, antwortete Christoph Bangert:

"Wenn man von Kriegsfotografen spricht, wird es sehr schnell emotional. Man wird dann zum Helden gemacht, der die Welt rettet und Kriege beendet. Das finde ich völlig überzogen."


Ein weiteres aufschlußreiches Interview mit Christoph Bangert führte Gesa Ufer für Deutschlandradio Kultur.


Ausstellung zu "Hello Camel"

Parallel zum Erscheinen des Buches war im Juni diesen Jahres zum ersten Mal auch eine Ausstellung mit Bangerts Bildern in der Freelens Galerie Hamburg zu sehen. Im September/Oktober war die Ausstellung in Bangerts Heimatstadt Köln zu Gast, ab Mitte Oktober ist sie im Kunstmuseum Singen zu sehen. Weitere Ausstellungstermine finden sich auf der Homepage von Christoph Bangert.


Das Hamburger Abendblatt führte folgendermaßen in die Ausstellung ein:

"Krieg ist schmutzig, blutig, bedeutet unvorstellbares Leid. Zuletzt erregte der Fotojournalist Christoph Bangert Aufsehen mit seiner Fotoserie "War Porn" (Kriegsporno), in der Gewalt, Tod und Zerstörung sehr präsent waren. In der Galerie Freelens ist nun eine andere, distanziertere Art seiner Kriegsfotografie zu sehen."


Der NDR hob in seiner Rezension eher auf das Umfeld der Präsentation und die Stimmung während der Vernissage ab und stellte dies in Zusammenhang mit dem Ausstellungsthema:

"Er will den Krieg so zeigen, wie wir ihn nicht zu sehen kriegen. Das absurdeste Bild des Abends war dann doch die Szenerie selbst. Menschen, die sich bei einem Glas Wein und angeregten Gesprächen Bilder von Menschen anschauen, die mit dem Krieg weiterleben. Auch das zählt zur Realität des Krieges, dass wir das Glück haben, ihn aus der Ferne zu betrachten, statt selbst zu erleben."


Eine ausführliche Bildergalerie zu "Hello Camel" hat der WDR veröffentlicht. Dort lässt sich gut ein Eindruck von Bangerts Fotografie erhalten. Erschienen ist das Buch wie bereits der Vorgänger "War Porn" im Kehrer Verlag (ISBN: 978-3-86828-683-0, 39,90 Euro). Bei Interesse ist das Buch auch direkt bei Christoph Bangert zu beziehen.

Dienstag, 4. Oktober 2016

Ein Rückblick auf WarOnWall


Dieser Tage geht die Ausstellung WarOnWall auf der Berliner East Side Gallery zu Ende, einem der letzten erhaltenen Teilstücke der Berliner Mauer. Damit hat der Berliner Fotograf Kai Wiedenhöfer nach seinem Projekt "WallOnWall" erneut in beeindruckender Weise den öffentlicher Raum der Hauptstadt mit dokumentarischer Fotografie bespielt und dem Syrienkrieg ein visuelles Denkmal gesetzt. Das Projekt bekam in den vergangenen Monaten ein relativ breites Medienecho, auf das an dieser Stell der Blick gelenkt werden soll.



Meine Rezension der Ausstellung im Neuen Deutschland startet mit den Worten: 

"Es ist schon beeindruckend: auf 360 Metern hat der Berliner Dokumentarfotograf Kai Wiedenhöfer das zur Spree weisende Reststück der Berliner Mauer an der East Side Gallery in Friedrichshain mit Bildern aus dem Syrienkrieg bestückt."

Über die Zielsetzung der Ausstellung und Kai Wiedenhöfers Motivation schrieb ich auf Qantara.de:

"Kai Wiedenhöfer will die Medienkonsumenten mit einem anderen Bild aus Syrien konfrontieren, wie sie es aus der alltäglichen Berichterstattung nicht gewohnt sind und ihre klassischen Sehgewohnheiten herausfordern"

In der Süddeutschen Zeitung schreibt Hannah Beitz über den Ort der Ausstellung:

"Eine verstörende Wirkung haben diese Bilder gerade an diesem Ort im Berliner Ausgehviertel Friedrichshain, den Touristen für leicht verdauliche Portionen deutscher Geschichte gepaart mit friedlicher Kiffer-Idylle an der Spree besuchen."

Sabine Vogel schrieb in der Berliner Zeitung über die Wirkung von Wiedenhöfers Bildern:

"Sie sind ein Appell: Denn Krieg, Geschichte, Politik sind keine Naturkatastrophen oder göttliche Strafen, alles ist menschengemacht kann durch politische Maßnahmen geändert werden".

Auf Al Jazeera Online beschäftigt sich Gouri Sharma mit der Beziehung der Ausstellung zur Geschichte Berlins:

"The images are not dissimilar to what Berlin would have looked like after World War II - a link Wiedenhofer mentions - and could help put the conflict in context for a European audience."

Im Teckbote, der Zeitungs aus Wiedenhöfers Heimatregion schreibt Katja Eisenhardt:

"Es geschehen Dinge, mit denen wir umgehen müssen. Wir leben in keiner Isolation“, sagt der Fotograf. Auch er persönlich habe durch die unmittelbare Konfrontation gelernt, wieder das mehr zu schätzen, was man eigentlich hat – sei es materiell oder die Freiheit selbst."


Ein spannender Videobeitrag der gut die visuellen Eindrücke eines Besuchs Open-Air Ausstellung wiedergibt stammt von Christina-Maria Küfner (DW). Und einen schönen Audiobeitrag zum Besuch an der Westsidegallery gibt es beim Inforadio des RBB.
Ein weiterer kurzer Videobeitrag der Druckerei, die die riesigen Plakate zur Verfügung stellte, gibt einen tollen visuellen Eindruck der Dimension der Ausstellung.


Verbunden mit der Ausstellung läuft auch eine Spendenkampagne für die von Kai Wiedenhöfer porträtierten Opfer des Syrienkriegs in Kooperation mit der Stern-Stiftung. Der Katalog zur Ausstellung ist im Verlag Kettler unter dem Titel „Syrian Collateral“ erschienen (ISBN: 978-3-86206-588-2, 25 Euro). Auf der Projektwebseite www.waronwall.org sind die Bilder ebenfalls zugänglich.

Freitag, 9. September 2016

Fotografie und Fotojournalismus in Frankreich


Trotz der globalen bzw. transnationalen Ausrichtung des Fotojournalismus hat das Gewerbe nationale Besonderheiten, vor allem was die jeweiligen Organisationen sowie spezifische Medien angeht. Meinen Recherchen beim Besuch Anfang des Monats auf dem französischen Fotofestival "Visa pour l'Image" in Perpignan möchte ich zum Anlass nehmen, den Blick auf den Fotojournalismus in Frankreich zu richten und einige Magazine, Organisationen und Festivals vorzustellen. 
 



Aufgrund der großen Frustration angesichts der zunehmenden Prekarisierung im Fotojournalismus und der Untätigkeit der französischen Politik dieser gegenüber, veröffentlichten verschiedene französische Organisationen auf dem diesjährigen Festival in Perpignan das Manifest "5 ans, 3 ministres, 0 mesures". Dort fordern sie unter anderem einen Mindestlohn für Freelancer, einen Verhaltenskodex für Redaktionen zum Umgang mit Fotografen sowie eine Verbesserung der Vertragsbedingungen. Das Manifest folgte auf einen Report zum Zustand des Fotojournalismus in Frankreich, der im vergangenen Jahr veröffentlicht wurde.

Der von der Organisation SCAM veröffentliche Bericht "Photojournaliste: Une profession sacrifié" beinhaltet einige interessante Informationen. So wurde darin grundsätzlich erst einmal davon ausgegangen, dass nicht der Fotojournalismus, sondern das Businessmodell des Fotojournalismus in der Krise steckt. Als Ursachen wurden vor allem die Ökonomisierung der Branche und die Bestrebungen zur Gewinnmaximierung der Verlagseigentümer genannt.

Interessant im Report sind bspw. auch die Zahlen zu den französischen Fotoreportern die über einen Presseausweis verfügen. Zwischen 2001 und 2014 ist ihre Zahl von 1457 auf 816 zurückgegangen. Der Hintergrund sind die strengen und veralteten Regeln zum Erhalt eines Presseausweises die verlangen, dass die Fotoreporter über 50% ihres Einkommens mit Publikationen in der französischen Presse verdienen. Anders als in Deutschland bekommen damit auch Werbe- und Porträtfotografen keine Presseausweise. Die Regeln zum Erhalt des Presseausweises den Realitäten anzupassen und z.B. auch das Arbeiten für ausländische Medien oder den Erhalt von Stipendien anzuerkennen, ist ebenfalls eine Forderung der Unterzeichner des Manifests.

Französische Standesorganisationen

Die Unterzeichner des Manifestes geben auch einen guten Überblick über die wichtigsten Standesorganisationen der Fotografie in Frankreich. Als Initiator trat die Organisation SCAM auf, die ähnlich wie die VG Bildkunst in Deutschland als Rechteverwerter auftritt. Dies gilt auch für die Organisation SAIF. Während die SAIF stärker bildorientiert ist, liegen die Wurzeln der SCAM eher in der Verwertung von Textrechten. Über die Öffnung hin zu Multimedia ist jedoch auch der Bereich Bild dazugekommen. Auch drei Fotografen- bzw. Journalistengewerkschaften waren dabei, die UPP, die SNJ sowie die SNJ-CGT.

Die "Union desPhotographs Professionell" (UPP) ist die größte französische Fotografenorganisation, die alle Arten von Fotografen vertritt, vom Fotojournalismus, die Kunst bis hin zum Handwerk. Fotojournalisten machen jedoch nur einen kleinen Teil ihrer Mitglieder aus. Ähnliches gilt für die beiden Journalistengewerkschaften Société Nationale des Journalistes (SNJ) sowie die Untergruppe Journalismus der CGT. Nicht zu den Unterzeichnern gehörte der französische Freelancerverband Freelens. Der Verband, der ein Namensvetter der deutschen Organisation Freelens ist, dümpelt jedoch in der Bedeutungslosigkeit vor sich hin, da er nie eine kritische Masse von Mitgliedern erreichte.

Der französische Bildermarkt

Der größte und wichtigste Akteur auf dem französischen Bildermarkt ist der Bilderdienst der staatlichen Nachrichtenagentur Agence France Presse (AFP). Weitere wichtige Bild- und Fotografenagenturen sind SIPA Press, Agence Vu und Cosmos. Im Zuge der Konzentrationsbewegungen auf dem Bildermarkt sind in den letzten Jahren jedoch auch einige Agenturen wie bspw. Gamma vom Markt verschwunden bzw. wurden in andere Agenturen integriert. Eine recht neue Agentur, die in den Händen von Fotografen ist, nennt sich MYOP und war auch in Perpignan präsent. Zunehmend an Bedeutung gewinnen kleinere Kollektive von Fotografien wie Fractures oder Bob Photolab. Als reine Vermarktungsplattform ist Divergence Images angetreten.

Ähnlich wie Deutschland hat auch Frankreich eine lange Tradition von Nachrichtenmagazinen, die bis heute eine wichtige Plattform des Fotojournalismus darstellen. Unschlagbar und geschichtsprägend war das von von 1928 bis 1940 erschienene Magazin VU. Als Sponsor des Festivals trat das Magazin Paris Match auf, dass jedoch sehr stark Boulevard orientiert ist. Klassische Nachrichtenmagazine sind L'Express und Le Point sowie das etwas kleinere Regards. Wöchentliche Magazinbeilagen haben auch die Tageszeitungen Le Figaro und Le Monde. Unter den Tageszeitungen haben vor allem Le Monde, Le Figaro und Libération eine wichtige Bedeutung für den französischen Fotojournalismus.

Die bekannteste Fotozeitschrift ist "Photo", die jedoch keinen besonderen Fotojournalismusschwerpunkt hat. Den wichtigsten Platz innerhalb der unabhängigen Fotomagazinszene nimmt "6 mois" ein, das, wie der Name es erraten lässt, halbjährlich erscheint und schwerpunktmäßig die Fotografie einzelner Länder vorstellt. Ursprünglich nur auf französisch erscheinend hat sich "L'Oeil de la Photographie" (Das Auge der Fotografie) zu einer internationalen Onlineplattform für Fotografie in Französisch, Englisch und Chinesisch entwickelt.

Fotofestivals in Frankreich

Frankreich hat eine ganze Reihe von Festivals, die sich dem Fotojournalismus widmen. Das wohl bekannteste ist das in Perpignan stattfindende Festival "Visa pour l'Image", dessen Ausrichtung die Nachrichtenfotografie ist. Neben einem guten Dutzend Ausstellungen internationaler Fotografen gibt es Portfolioreviews, Diskussionsrunden, Fotografenvorträge und abendliche Projektionen. Stärker künstlerisch und dokumentarisch gibt sich das Festival Rencontres D'Arles, dessen Schwerpunktwoche im Juli eines jeden Jahres ist. Der Prix Bayeux-Calvados für Kriegskorrespondenten ist ebenfalls mit Ausstellungen zur Kriegsfotografie verbunden. Der wichtigste Ort für den fotografischen Kunstmarkt ist die Messe Paris Photo. Ende 2015 fand in Paris zum ersten Mal die "Biennale de Photo du monde Arabe" statt, die im kommenden Jahr ihre Fortsetzung finden wird. Zu einem der wichtigsten Awards hat sich innerhalb weniger Jahre der Prix Carmignac gemausert.

Nicht fehlen sollen an dieser Stelle auch einige kurze Hinweise auf Fotografiemuseen in Frankreich. Das bekannteste ist die "Maison Européenne de la Photographie" in Paris, die immer wieder auch große Dokumentarfotografieausstellungen auf den Weg bringt. Daneben gibt es kleinere Museen über das ganze Land verteilt, wie bspw. die Galeria "Chatea d'Eau" in Toulouse, das "Théatre de la Photographie et de l'image" in Nizza oder die "Maison de la Photographie" in Lille. In Perpignan hat sich im vergangenen Jahr das "Centre International du Photojournalisme" gegründet, das ein Online-Archiv aufbaut und im Winter zwei Ausstellungen sowie eine Dauerausstellung zeigt.

Dieser Artikel ist ein kleiner Einstieg in den Fotojournalismus in Frankreich. Gerne nehme ich Kommentare und Ergänzungen entgegen, auch über die Kommentarfunktion. Diejenigen, die mir auf Twitter folgen, können dort die Liste "Photojournalism in France" abonnieren. Eine Einführung in das Berufsbild Fotojournalist aus französischer Sicht bietet der Band "Etre photojournaliste aujourd'hui" aus dem Verlag Eyrolles.