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Mittwoch, 28. März 2018

Unresolved: Israel/Palästina in neuem Licht


Meinrad Schade ist einer der wichtigsten, zeitgenössischen Dokumentarfotografen der Schweiz. Nachdem er 2015 bereits das viel beachtete Fotobuch "Krieg ohne Krieg" veröffentlichte, mit dem er seine zehnjährigen Recherchen im Kaukasus abschloß, folgte jetzt ein weiteres Buch über seine Arbeit in Israel/Palästina.

"Unresolved" ist wie der vorherige Band im Schweizer Verlag "Scheidegger&Spieß" erschienen. Das Projekt war dabei eine Art Fortsetzung seiner bisherigen Arbeiten.  "Die Situation, wie man sie vor allem in der Westbank findet, ist eigentlich ein perfektes Versuchslabor für den Zustand von Krieg ohne Krieg, wie ich ihn suche", so erzählte er mir 2016 in einem Interview. Mehrere Jahre weilte er in mehrwöchigen Aufenthalten in der Region und bereiste das Land zusammen mit israelischen und palästinensischer Stringern von Norden nach Süden und Westen nach Osten.

 
Der Band erscheint pünktlich zum 70-jährigen Jubiläum der Staatsgründung Israels, die 2018 begangen wird. Gleichzeitig gedenken die Palästinenser zum 70. Mal der Nakba (arabisch für Katastrophe/Unglück), der Vertreibung aus ihren Siedlungsgebieten. Die politische und gesellschaftliche Situation im heutigen Israel, im Westjordanland, im Gazastreifen und auf dem Golan ist seit sieben Jahrzehnten ungelöst, weshalb man gemeinhin auch vom ungelösten israelisch-palästinensischen Konflikt spricht. Schades in den vergangen 5 Jahren fotografierter Fotoessay untersucht, wie sich der Konflikt in der Landschaft und im urbanen Raum niederschlägt und sich symbolhaft im Alltag zeigt. Ausführliche Bildlegenden in Deutsch, Englisch, Hebräisch und Arabisch beleuchten die Hintergründe. Die unterschiedlichen Leserichtungen von Deutsch/Englisch und von Hebräisch/Arabisch machen das Buch von zwei Seiten lesbar.

Meinrad Schade, 1968 in Kreuzlingen geboren, arbeitet seit 2002 als selbstständiger Fotograf. Nach einem Studium der Biologie an der Universität Zürich machte er 1997/98 eine Ausbildung zum Fotografen im Rahmen der Gruppe Autodidaktischer FotografInnen (GAF) in Zürich und 1999/2000 am Medienausbildungszentrum (MAZ) in Luzern. Er wurde unter anderem mit dem Swiss Photo Award (2011) und mit dem ewz.selection-Preis in der Kategorie «Redaktionelle Fotografie» (2011) sowie mit dem n-ost Reportagepreis in der Kategorie «Fotoreportage» (2013). Sein erstes Fotobuch "Krieg ohne Krieg" wurde 2016 mit dem DeutschenFotobuchpreis 2016 in Silber in der Kategorie Konzeptionell-Künstlerischer Fotobildband ausgezeichnet.


Die offizielle Buchpräsentation findet am Freitag den 6. April 2018 um 19 Uhr in der Buchhandlung "Never Stop Reading" in Zürich statt. Mit dabei sind Meinrad Schade, Shelley Berlowitz und Firas Abdelhadi. Moderiert wird der Abend von Nadine Olonetzky vom Verlag Scheidegger & Spiess.


Unresolved
Fotografien und Texte von Meinrad Schade
1. Auflage 2018
Texte in Deutsch / Englisch / Hebräisch / Arabisch
24 x 19.5 cm, Gebunden 188 Seiten, 152 farbige Abbildungen
ISBN 978-3-85881-808-9, 48,- Euro

Montag, 4. Januar 2016

Fokus Palästina

Zurzeit ist in Paris ein spannendes Ausstellungsprojekt zu sehen: die Biennale für Fotografie aus der zeitgenössischen arabischen Welt. An acht Orten, darunter dem Institut du Monde Arabe sowie der Maison Européenne de la Photographie sind die Werke von 50 Fotografen ausgestellt. Einige der Arbeiten stammen von palästinensischen Fotografen oder haben Palästina zum Thema und werfen einen spannenden und unbekannten Blick auf die Region. Diese sollen hier kurz vorgestellt werden.

Der palästinensische Künstler Yazan Khalili beispielsweise zeigt im Institut du Monde Arabe seine Fotoserie „Paysage de l'Obscurité“. Es sind düstere Nachtaufnahmen von Landschaften, die im Dunkeln liegen. Auf einem Bild erstreckt sich dazu am Horizont eine erleuchtete Ebene, auf einem anderen eine hell erleuchtete Straße. Es ist der typische Blick von den Bergen der Westbank hinunter nach Israel zu den urbanen Zentren am Meer. Khalili nimmt hier über die Frage der Beleuchtung die Asymmetrie des israelisch-palästinensischen Konflikts auf Korn.

Amélie Debray - Spectatrices du stade Al-Bireh de Ramallah, Palestine, 2011 © Amélie Debray
Courtesy Galerie du Jour Agnès b, Paris
Dem Thema Fußball in Palästina widmet sich die französische Fotografin Amélie Debray. In einer umfangreichen fotografischen Recherche mit dem Titel „Surface de réparation“ zeigt sie die Fußballbegeisterung des palästinensischen Volkes, egal ob Kinder, Männer oder Frauen. Eine tolle Alltagsbeobachtung zeigt beispielsweise eine Gruppe junger Frauen im Stadium von Al-Bireh bei Ramallah. Freundlich lächelnd blickt eines der Mädchen forsch direkt in die Kamera. Debray hat ein wunderbares Porträt des Alltags in Palästina geschaffen, das sich angenehm aus dem Kanon fotografischer Reportagen über die Region abhebt.

Etwas ratlos lässt den kritischen Betrachter die Arbeit „Gaza: eau miracle“ von Massimo Berruti zurück. Sie ist Teil eines größeren fotografischen Projekts, das der italienische Fotograf für die französische Entwicklungshilfeagentur AFD erarbeitet hat. Die in der Maison Européenne de la Photographie gezeigte Arbeit versammelt Bilder aus dem Gazastreifen, die den Umgang mit der knappen Ressource Wasser und daraus entstehenden Problemen zeigen sollen. Über begleitende Texte ist sie in einen sehr politischen Diskurs eingebettet, der die Wasserknappheit als Folge der israelischen Besatzungspolitik darstellt. So weit so gut.

Leider fokussieren die kontrastreichen Schwarz-Weiß Bilder stark auf Kinder im Gazastreifen und zeigen den Küstenstreifen fast ausschließlich als einen miserablen Ort. Andere Themen die einem zu Wasser in den Sinn kommen. z.B. des unterschiedlichen Gebrauchs von Wasser in der Unter- oder Oberschicht, werden nicht aufgegriffen. Damit steht die Arbeit in einer Tradition von Arbeiten die von internationalen Organisationen finanziert werden und den Fokus ausschließlich auf die Misere richten und damit den Opferstatus der Palästinenser zementieren.

Daneben sind in der Ausstellung im Institut du Monde Arabe Bilder des palästinensischen Fotografen Steve Sabella zu sehen, der mittlerweile in Berlin lebt, sowie von Mohammed Abusal aus dem Gazastreifen. Sabella zeigt seine Serie „38 Days of Re-collection“. Mohammed Abusal dagegen zeigt in seiner Serie „Shambar“ Nachtaufnahmen aus dem Gazastreifen von Orten, die von Generatoren unterschiedlicher Stärke beleuchtet werden und verweist damit auf die Elektrizitätsprobleme im Gazastreifen.

Eine interessante Reflektion in Bezug auf die Rolle der Fotografie im Verhältnis von Unterdrücker und Unterdrückten war in der Ausstellung in einem Statement des palästinensischen Künstlers Yazan Khalili zu lesen: „Der Fotoapparat des Unterdrückten ist die Fortsetzung seines Auges, während der Fotoapparat des Unterdrückers die Fortsetzung seines Geistes ist“.


Zur Biennale ist ein Katalog im Snoeck Verlag (ISBN 978-94-6161-262-5) erschienen. Die Webseite der Biennale stellt darüber hinaus alle beteiligten Künstler einzeln vor. Zur Arbeit von Amélie Debray über Fußball in Palästina ist im Verlag „Les presses du reel“ auch ein umfangreiches Buch erschienen.


Mittwoch, 23. Dezember 2015

Foto-Archive in Israel/Palästina


Der israelisch-palästinensische Konflikt spielt sich nicht nur im alltäglichen Leben der Menschen in der Region ab, sondern auch in der Auseinandersetzung zweier konkurrierender Meta-Narrative bzw. nationaler Erzählungen. Ein wichtiger Pfeiler dieser Narrative ist die kollektive Erinnerung. Eine zentrale Rolle in der kollektiven Erinnerung spielen historische Fotografien und vor allem deren gezielter Einsatz bzw. das gezielte Nutzen zur Untermauerung bestimmter politischer Positionen in der Erinnerung. In diesem Zusammenhang ist eine zentrale Frage, aus welchen Quellen sich die historischen Fotografien speisen und wer heute die Verfügungsgewalt über die Archive und damit die historischen Fotografien hat. 

Es gibt eine ganze Reihe von Archiven mit historischen Fotografien aus der Region, die auch im Internet zugänglich sind. Am besten sortiert und am umfangreichsten sind die Archive zionistischer Organisationen wie der World Zionist Organization (WIZO) oder des jüdischen Nationalfonds (JNF). Dies ist insofern nicht verwunderlich, als dass seit der Gründung dieser Organisationen Fotografen in deren Namen tätig waren, um die Umsetzung des zionistischen Projekts zu dokumentieren. Ein anderes wichtiges und ebenfalls sehr politisches Archiv ist die National Photo Collection, die vom Presseamt der israelischen Regierung, dem Government Press Office (GPO) in Jerusalem verwaltet wird. Neben den Fotografien der Pressefotografen der israelischen Regierungen finden sich hier die Nachlässe bedeutender israelischer Fotografen wie Zoltan Kluger.

Neben den Archiven der zionistischen Organisationen und des israelischen Staates existieren auch umfangreiche private Sammlungen, die ebenfalls online zugänglich sind. Die umfangreichste und bekannteste Sammlung, die vor allem kommerziell genutzt wird, ist unter dem Namen „The Photo House“ bekannt und vermarktet Bilder des Tel Aviver Fotostudios von Rudi Weissenstein. Seit Mitte der 1930er Jahre dokumentierte er das Leben in der Mittelmeermetropole und dem Jishuv. Verschiedene private Fotosammlungen sind auch über die israelische Nationalbibliothek zugänglich.

Weniger umfangreich und weniger gut sortiert sind Archive auf palästinensischer Seite. Dies hängt zum einen damit zusammen, dass die Fotografie historisch gesehen auf Seiten der Palästinenser eine weniger große Rolle spielte als im zionistischen Projekt und zum anderen damit, dass das Projekt der Errichtung eines palästinensischen Staates bis heute in den Kinderschuhen steckt. Am systematischsten wurde das Leben der Palästinenser von den Fotografen des Hilfswerks der Vereinten Nationen für palästinensische Flüchtlinge (UNRWA) dokumentiert. Seit wenigen Jahren wird deren Archiv systematisch digitalisiert. Einige Werke palästinensischer Fotografen finden sich auch im Archiv der Arab Image Foundation aus dem Libanon. Die in Ramallah ansässige gemeinnützige Organisation Al-Qattan Foundation plant im Rahmen des von zu errichtenden Kunstmuseums auch ein Archiv palästinensischer Fotografie aufzubauen.

Bis heute gibt es nur wenig Forschung über die Bedeutung fotografischer Archive in der kollektiven Erinnerung der Israelis und der Palästinenser sowie die politische Verwertung der Bilder zur Unterstützung des jeweiligen Narrativs. Unbestreitbar ist sicherlich, dass die Archive politisch gelesen werden müssen. In einem der wenigen Aufsätze zum Thema schreibt die israelische Kuratorin Rona Sela über die zionistischen Foto-Archive auf der Plattform Ibraaz: „These archives are not neutral and are connected to a national ideological system that loads them with meaning and a Zionist worldview“. Es besteht insofern ein großes Ungleichgewicht, als dass es auf Seiten der Palästinenser sehr viel weniger umfangreiche Fotografie-Archive gibt. Hier Bedarf es in Zukunft großer Anstrengungen diese aufzubauen.






Montag, 18. Mai 2015

Neue Perspektiven auf Israel/Palästina


Meinrad Schade ist ein Schweizer Fotograf, der seit 2003 an einem Langzeitprojekt unter dem Titel „Krieg ohne Krieg“ arbeitet. Vor allem in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion hat er nach Spuren vor, nach und neben dem Krieg gesucht. Seit 2013 setzt Meinrad Schade sein Projekt in Israel/Palästina fort. Im April war gerade wieder für 4 Wochen in der Region. Am Rande einer Veranstaltung im Rahmen seiner Ausstellung „Krieg ohne Krieg“ im Fotomuseum Winterthur am 5. Mai sprach ich mit ihm über diese neue Etappe seines Projekts.

 
Jericho, Westjordanland, 2014 © Meinrad Schade

FK: Was waren die Gründe, warum Du Dich entschieden hast, das Projekt in Israel/Palästina fortzusetzen?

MS: Die Situation, wie man sie vor allem in der Westbank findet, ist eigentlich ein perfektes Versuchslabor für den Zustand von Krieg ohne Krieg, wie ich ihn suche. Von daher liegt es sehr nahe, dort weiterzumachen. Im ersten Moment hat mich davon abgehalten, dass dies auch andere in der Region schon gemacht haben. Sehr viele gute Fotografen waren schon in der Region. Auch in der Nagorny-Karabach hat man diesen Zustand, aber dort waren ein paar weniger Fotografen. Insofern hadere ich auch immer mal wieder mit der Entscheidung für Israel/Palästina. Aber mir scheint, dass der Ansatz den ich gewählt habe bisher weniger versucht wurde. Vor allem dahingehend, Israel und Palästina als Ganzes zu verstehen und die Grenzen zu verwischen. Deswegen spielen wir in der Ausstellung auch mit diesen Bildpaaren.

FK: Kannst Du ein Beispiel dafür geben?

MS: Auf meiner letzten Reise z. B. habe ich ein Bild einer israelischen Siedlung gemacht, die von der Armee zerstört wurde. Das sieht dann visuell genau gleich aus, wie die Beduinensiedlung in der Negevwüste, die von den Israelis zerstört wurde. Dieses Bild von Zerstörung kommt überall vor. Dies zeigt, dass die Israelis zum Teil auch gegen ihre eigenen Siedler vorgehen.

FK: Besteht bei diesen Gegenüberstellungen nicht auch die Gefahr, Unterschiede zu nivellieren.

MS: Klar, die besteht, das kann nicht leugnen. Aber es hängt ein bisschen vom Umgang damit ab. Ich sage immer, dass ein fotografischer Essay ein hochkomplexes, labiles Gleichgewicht hat. Und ich denke, in diesem Gleichgewicht, in diesen umfangreichen Essays kann und darf sowas stattfinden. Ohne dass völlig ausgleichen zu wollen.

FK: Israel/Palästina wird ja oft aus einer dichotomen Perspektive betrachtet. Entweder man ist für die eine, oder die andere Seite. Wie gehst Du mit dem Thema um?

MS: Ich betrachte Israel/Palästina als spannende Herausforderung für mich. Und diese Zerrissenheit habe ich selbst erlebt. Es wäre viel einfacher, nur in Palästina zu bleiben und sich der vorherrschenden - und auch verständlichen - Abneigung den Israelis gegenüber anzuschließen. Aber genau deswegen möchte ich auch mal zwei Wochen nur in Israel sein. Du merkst dann, wie Deine Wahrnehmung sich verschiebt. Sich dem immer wieder auszusetzen macht es spannend. Die Menschen suhlen sich eben in ihren  Haltungen. Auf Facebook finde ich das so extrem: Schau, was der Böse Israeli wieder gemacht hat. Und die Anderen machen es ja genau gleich, quasi nur spiegelbildlich. Es ist ein Wiederholen der Muster von wie böse der Andere ist.

FK: Gibt es schon Ideen, wie Du die neuen Arbeiten präsentieren willst.

MS: In meinem Kopf denke ich schon wieder an ein Buch. Ein Thema, das ich sehr spannend finde, sind z. B. die unterschiedlichen Narrative. Es wäre denkbar, die Bilder jeweils Israelis und Palästinensern vorzulegen und aufzuzeichnen, was sie dazu sagen. Aber wie gesagt, dass sind nur Ideen.

FK: Herzlichen Dank und weiterhin viel Erfolg für mit Deinem Projekt.


Der erste Teil seines Projekts mit Arbeiten über die Länder der ehemaligen Sowjetunion ist als Fotobuch im Schweizer Verlag Scheidegger&Spieß erschienen. Ein kleiner Film gibt einen ausführlicheren Einblick in dieses Projekt.

Donnerstag, 30. Oktober 2014

Opening Weekend of „This Place“


Last weekend, at the Dox Center for Contemporary Art in Prague, the world premiere of the exhibition „This Place“ was taking place. The project „This Place“ is an international photography project initiated by French Photographer Fréderic Brenner who invited 11 international photographers to participate in a joint project on Israel and the West Bank. These photographers are Wendy Ewald, Martin Kollar, Josef Koudelka, Jungjin Lee, Gilles Peress, Fazal Sheikh, Stephen Shore, Rosalind Solomon, Thomas Struth, Jeff Wall, Nick Waplington and Frederic Brenner himself. Part of the opening weekend were three roundtables with the participating photographers and a guided tour. Below you find some impressions of the weekend. It was an amazing possibility to get a deeper insight into the work of these well know photographers and an interesting and controversial opportunity to get in touch with questions about the visual representation of Israel and the Palestinian Territories. A review in German and maybe in English of the exhibition will follow here and in different media.

Installation view "This Place" Dox Center Prag


Installation view "This Place" Dox Center Prag

The Wall by Joseph Koudelka, "This Place" at Dox Center Prague

Photobooks from "This Place" at Dox Center Prague

Panel discussion with Jungjin Lee and Stephen Shore at Dox Center Prague

Panel discussion with R. Salomon and T.Struth at Dox Center Prague

Frederic Brenner presenting his work at "This Place" at Dox Center Prague

Joseph Koudelka presenting his work at "This Place" at Dox Center Prague

Rosalind Solomon presenting her work at "This Place" at Dox Center Prague


Montag, 1. September 2014

Reflektionen über Bilder im Web 2.0


Die Erkenntnis, dass Bilder allgegenwärtig und ihre weltweite Verbreitung über das Internet ein Kinderspiel sind, dürfte an dieser Stelle wohl eher ein Allgemeinplatz sein. Angesichts der immer wiederkehrenden Debatten um die Macht der Bilder und deren mögliche Eindämmung, kann dies jedoch nicht oft genug ins Gedächtnis gerufen werden. Was jedoch zu Wünschen übrig lässt, ist eine Ausdifferenzierung der Debatte um Bilder im Internet hinsichtlich ihrer Gebrauchsformen sowie der Akteure, welche sie verbreiten. Dies gilt vor allem dann, wenn Bildern eine herausragende Bedeutung zukommt, wie z.B. bei gewalthaltigen Konflikten und kriegerischen Auseinandersetzungen. Zuletzt war dies wieder einmal am Gaza-Krieg zu beobachten.

Bilder sind wie oben angedeutet, mannigfaltig. Sie sind in journalistischen Medien, in Magazinen und Blogs  zur Illustration, als politisches Statement und Beweise bei NGO’s, als Mobilisierungstool in Facebook und auf anderen Plattformen sowie zum rein privaten Nutzen in sozialen Netzwerken zu finden. Wichtig ist bei der Betrachtung und der Diskussion von Bildern, diese klar nach der Form ihrer Herstellung, ihrer Funktion sowie dem Kontext der Veröffentlichung zu unterscheiden. So ist eine Einteilung in verschiedene Kategorien wie privat, journalistisch, werblich und künstlerisch sicherlich hilfreich. Dabei ist zu beobachten, dass diese Grenzen natürlich immer wieder verschwinden. Die Frage nach der Funktion von Bildern und ihrer Herkunft ist vor allem dann hilfreich, wenn es um öffentlich brisante und vor allem konfliktträchtige Themen geht. So ist es bei der Beurteilung von Bildern von zentraler Bedeutung, ob es um Information und Dokumentation, um PR-Zwecke oder rein Privates geht.

Gefährlich ist es vor allem dann, wenn Bilder die in den Medien verwendet werden, nicht aus journalistischen Quellen, sondern aus sozialen Netzwerken im Web 2.0. stammen. Hier lässt sich in der Regel nicht überprüfen wer die Quelle eines Bildes ist. Durch wenige Klicks und Likes lassen sich Bilder im Web 2.0 massenhaft verbreiten und die Hemmschwelle Bilder einzustellen ist extrem niedrig. Dies kann natürlich auch mit gefälschten Bildern passieren. Insofern ist es wichtig, eine Unterscheidung zwischen diesen Bildern und jenen aus der fotojournalistischen Berichterstattung zu treffen. Dies gilt insbesondere dann, wenn es um die Darstellung von Kriegen und Konflikten geht.

So ist zum Beispiel die Motivation, die hinter dem Posten der Bilder bei Einzelpersonen steht meist nicht bekannt, es sein denn dass sie sich aus dem Kontext des Posts erschließt. Es ist jedoch davon auszugehen, dass es in der Regel eine völlig andere ist als diejenige professioneller, journalistischer Akteure. Bei privaten Posts kann die Motivation von reinem Interesse, dem Zeigen von Empörung bis hin zum bewussten Aufwiegeln und zur Stimmungsmache reichen. Vor allem letztere stellen dabei die Problembereiche dar. Denn dies sind Zwecke der Bildverbreitung, denen sich der Journalismus sogar entgegen stellen sollte.

Meiner Ansicht nach sind es nicht erst Fälle wie die Ausschreitungen um die Veröffentlichung der Mohammed-Karrikaturen oder den Anti-Muslim Film von Bacile die aufhorchen lassen. In diesen Fällen ist davon auszugehen, dass wir es wohl mit klar orchestrierten Ereignissen zu tun haben. Oft aber sind im Web 2.0 Prozesse zu beobachten, die aus Unbedachtheit entstehen und die sich dann verselbstständigen. Hier stellt sich die Frage nach der Funktion von Bildern in sozialen Netzwerken. Es kann argumentiert werden, dass das Hochladen von Inhalten, von denen auszugehen ist, dass sie von anderen genauso gelesen werden, die Identität einer bestimmten Nutzergruppe in den sozialen Netzwerken stärkt. So bestätigen sich die Nutzer gegenseitig in ihren politischen Meinungen und spielen sich die Bälle zu.

Dies ist dann keine Form des Citizen Journalism sondern das private Nutzen von Kommunikationsmöglichkeiten die durch das Medium gleichzeitig öffentlich oder semi-öffenlicht werden. Soziale Netzwerke verleiten auch deswegen zu Fehlern, da für viele Nutzer nicht klar ist, wo die Grenzen des Privaten und Öffentlichen liegen. Twitter-Nachrichten die für den Austausch innerhalb der Community genutzt werden, werden durch das Retweeten möglicherweise öffentlich. Damit ist es oft unmöglich, die Folgen des eigenen Handelns abzuschätzen. Somit stellt sich die Frage, ob es mit einer reinen Netiquette getan ist oder die User generell nicht ein neues Bewusstsein über mögliche (nicht-intendierte) Konsequenzen des eigenen Handelns brauchen, somit größere Bild- und Medienkompetenz brauchen. Denn in der virtuellen Welt sind Fehler kaum wieder zu korrigieren. Dies würde jedoch bedeuten, Millionen von Nutzern in der konfliktsensitiven und achtsamen Nutzung sozialer Medien zu schulen. Dies ist sicherlich kein Prozess der von heute auf morgen geschehen kann. Er kann seinen Anfang jedoch in der intensiven Förderung von Medienkompetenz in Schule und Ausbildung nehmen.

Eine weitere und aus meiner Sicht tragfähigerer Ansatz für den Moment besteht darin, die klassischen journalistischen Medien als Korrektiv zu nutzen. Denn in der Regel ist in diesen journalistische Kompetenz gepaart mit gesellschaftlichem Verantwortungsbewusstsein vorhanden. Aber auch dort muss in vielen Bereichen eine neue Art des Umgangs mit Bildern und Nachrichten, die aus den sozialen Netzwerken stammen, erst entstehen. Denn die zentrale Fragestellung, wie im Fall des Anti-Muslim auf Youtube ist, ob sie durch die Berichterstattung über das Ereignis nicht neues Öl ins Feuer gießen und die Aufmerksamkeit erst darauf lenken.

Vieles spricht meiner Meinung nach dafür – auch wenn dies im Hype um Neue Medien vielleicht konservativ klingen mag – weiterhin journalistische Medien mit der Auswahl und der Verbreitung von Nachrichten zu betrauen. Journalistische Medien verfügen in der Regel nicht über das Interesse an kurzfristiger Skandalisierung, ausgenommen vielleicht die Yellow-Press. Immerhin sind sie an Codes und Standesrichtlinien gebunden und es gibt Institutionen, die dies überwachen. Der Blogger oder private Facebook-, Flickr und Youtube-Nutzer muss in der Regel keine Konsequenzen für sein Posting fürchten, sofern ihm nicht strafrechtlich relevante Handlungen wie Völkerverhetzung nachgewiesen werden können. Der stete Fluss an Bildern ins und aus dem Netz wird sich damit jedoch auch nicht kontrollieren lassen. Aber vielleicht lassen sich negative Aspekte minimieren und Konflikte, die aus dem unbedachten Nutzen entstehen verhindern oder bewusste Provokationen abmildern.

Montag, 14. Juli 2014

Seminar "Fotografie im Konflikt"


Update: Das Seminar ist ausgebucht! Eine Neuauflage ist für den Herbst geplant.

Der israelisch-palästinensische Konflikt ist einer der am längsten schwelenden internationalen Konflikte. Dabei macht der Konflikt vor allem durch eine oft stereotypisierte Bildberichterstattung von sich reden. Das Seminar „Fotografie im Konflikt - Der israelisch-palästinensische Konflikt im Blick des Fotojournalismus“ nähert sich diesem Thema systematisch an und schlüsselt die Produktions- und Publikationsbedingungen des Fotojournalismus in der Region auf. Es richtet sich an Menschen, die sich für die Fotografie als journalistisches Medium interessieren und die den Nahostkonflikt und seine mediale Darstellung analysieren und verstehen möchten. 


Die Teilnehmer_innen lernen dabei die relevanten Akteure des Bildermarktes und die Vielfalt fotojournalistischer Ansätze kennen. Sie verfügen am Ende über die Fähigkeit zur kritischen Lektüre von Bildern. Ziel des partizipativ angelegten Seminars ist die Vermittlung eines kritischen und reflektierten Umgangs mit Bildmaterial aus Krisenregionen. Geleitet wird der Workshop vom Berliner Kommunikationswissenschaftler und Nahostexperten Felix Koltermann, als Gast ist der Fotograf Kai Wiedenhöfer eingeladen.

Die Teilnahme ist kostenlos. Eine Anmeldung ist unbedingt erforderlich!


Seminarzeiten
Freitag 26.9.14, 18 bis 20 Uhr
Samstag 27.9.14, 10 bis 18.30 Uhr
Sonntag 28.9.14, 10 bis 13.30 Uhr

Veranstaltungsort:
Bildungswerk Berlin der Heinrich-Böll-Stiftung
Raum: Seminarraum
10967 Berlin, Kottbusser Damm 72
Nähe U-Bahnhof Hermannplatz

Mittwoch, 18. Juni 2014

Die Mauer im Niemandsland


Wie unterschiedlich die politische Situation in Israel und den palästinensischen Gebieten in Kunstausstellungen reflektiert wird und auf welche Metaphern dabei zurückgegriffen wird, zeigen zwei Ausstellungen die zur Zeit in Jerusalem und Ramallah zu sehen sind. Die Ausstellung „No Man’s Land“ im Jerusalem Artist House zeigt Arbeiten israelischer und internationaler Künstler, die Ausstellung „Keep an Eye on the Wall“ im Deutsch-Französischen Kulturzentrum in Ramallah dagegen Arbeiten palästinensischer und eines deutschen Fotografen. Während „No Mans Land“ eher allgemein auf den Begriff des Niemandslands rekuriert und von allen Seiten betrachtet, bezieht sich „Keep an Eye on the Wall“ direkt auf die israelische Sperranlage als Objekt künstlerischer Auseinandersetzung.

Blick in die Ausstellung in Ramallah

 Die in Jerusalem zu sehende Ausstellung „No Man’s land“ wurde von Marie Shek kurariert und zeigt 9 Arbeiten, darunter Installationen, Malerei, Fotografie und Videoarbeiten, die auf unterschiedliche Art und Weise Grenzräume und Übergänge thematisieren, mal mehr, mal weniger politisch. Interessant aufgrund ihrer politischen Positionierung sind vor allem die gezeigten Foto- und Videoarbeiten, insbesondere diejenigen, die sich auf den lokalen Kontext beziehen. Der israelische Künstler Assaf Shoshsan z.B. zeigt einen 8-minütigen Film auf dem aus einer festen Kameraposition ein Beduinenzelt gefilmt wird, in dass immer mehr Menschen strömen, ohne dieses wieder zu verlassen und thematisiert damit den vom israelischen Staat erzwungenen Stop der Wanderungsbewegungen der Beduinen. Der israelische Fotograf Ohad Matalon hat ebenfalls im Süden Israels in der Negevwüste geheime israelische Militäreinrichtungen fotografiert, die als als Schwarz-Weiß Negativbild digital an die Wand projiziert werden. Der Charakter des Verbotenen wird hier durch die Ästhetik des Negativbildes verstärkt. Großformatige Prints der israelischen Künstlerin Ariane Littmann zeigen Bilder aus einer Fabrik in der Schutzausrüstung für die US-Truppen im Irak gefertigt wurde. Hinter einem orangenem Vorhang, welcher der Arbeit die Farbigkeit gibt, beobachtete sie einen Schweißer der an geheimen Rüstungsprojekten arbeitete.

Gemeinsam ist diesen Arbeiten, dass sie sehr konzeptionell ausgerichtet sind und die politische Botschaft sich erst durch den Text  erschließt. Kritik an den herrschenden Verhältnissen in Israel wird nur über Umwege geäußert. Schade ist, dass das Thema Niemandsland in seiner direkten Bedeutung nicht thematisiert wird. Denn gerade die Grenzregionen zwischen Israel und dem Gazastreifen oder die von der Sperranlage geschaffenen, sogenannten „Seamzones“ hätten sich dafür hervorragend geeignet. So ist Niemandsland ein gutes Beispiel für eine vergeistigte, konzeptionelle Ausstellungskultur, wie sie nicht nur in Israel Gang und Gebe ist. Das Politische verschwindet hier im Subtext. Somit richten sie auch keinen Schaden an, schockieren nicht und stehen auf gewisser Weise für die Entpolitisierung der israelischen Gesellschaft und die Ausblendung des Konflikts mit den Palästinensern.

Einen ganz anderen Ansatz wählt die Ausstellung „Keep an Eye on the Wall“. Aus dem gleichnamigen, bei Saqi Books in London erschienenen Buch, wählten die Kuratoren Sandra Monac und Monica Santos die als Masasam firmieren 5 Arbeiten aus, vier palästinensische, eine deutsche. Der aus Gaza stammende und in Frankreich lebende Künstler Taysir Batniji zeigt direkt gegenüber dem Eingang der Galerie in einem zu einer Seite offenen Raum eine Wandinstallation mit Bilder von Graffitis auf den Wänden in Gaza. An den Außenseiten des Kubus sind drei Bilder von Kai Wiedenhöfer der Mauer zwischen Israel und der Westbank im Panoramaformat zu finden. An den beiden Stirnseiten der Galerie finden sich Bilder der jungen palästinensischen Künstlerin Raeda Sadeh, in denen sie sich methaporisch mit der Mauer beschäftigt. Berührend ist vor allem ihr inszeniertes Porträt eines weiblichen Engels vor der Mauer. Zwei weitere Arbeiten, die die Außenwände zieren, sind eine Serie der Jerusalemer Fotografin Rula Halawani mit Bildern von Toren in der Sperranlage rund um Jerusalem mit der sie auf die Parallelität zu den Stadttoren Jerusalems hinweist, Titel „Gates of Heaven“, sowie Arbeiten aus der Serie „Disturbia and Metamorphosis“ des in Berlin lebenden Künstlers aus Ost-Jerusalem Steve Sabella.

Bei „Keep an Eye on the Wall“ fragt man sich, warum hier zum wiederholten Mal die Mauer bzw. die Sperranlage als Referenz für die künstlerische Auseinandersetzung herhalten muss. Visuell gesehen bringt dies nur wenig Neues. Vermutlich erklärt es sich daraus, dass die Initiatoren des Projekts aus Europa kommen. Was hier zu beobachten ist, ist dass die Verbindung künstlerischer Produktion in und über die palästinensischen Gebiete sich mit der Nutzung eines visuellen Klischees verbindet. Dies ist schade, zeigt doch gerade die Arbeit von Raeda Sadeh, wie die Mauer zwar Referenzpunkt ist, aber auch zu einer sehr viel tiefgründigeren Auseinandersetzung führen kann. Fragt sich, ob auch lokale Kuratoren die Mauer in den Vordergrund gestellt hätten. Zu begrüßen ist, dass dank des Goethe-Instituts dieses Projekt in die Westbank getragen wurde und damit auch eine Auseinandersetzung über dieses mit palästinensischen Künstlern und Kuratoren ermöglicht wird.

 Weitere Infos:


Montag, 24. März 2014

Symbol Tahrir


Der „arabische Frühling“ und die Revolution in Ägypten haben den Tahrir Platz im Zentrum von Kairo zu einem Symbol werden lassen. Sowohl in Bildern wie in Texten zur ägyptischen Revolution und den politischen Entwicklungen bis heute, als auch in den politischen Kämpfen vor Ort, ist der Platz omnipräsent. Darüber hinaus ist der Tahrir-Platz auch das verbindende Element zweier Kunstbücher bzw. Ausstellungskataloge die diesen Winter erschienen sind. Dies ist zum einen der Ausstellungskatalog „Kairo.  Offene Stadt“ und zum anderen das Kunstbuch „Beyond Tahrir“.

Cover Kairo. Offene Stadt

Das von Florian Ebner und Constanze Wicke kuratierte Projekte „Kairo. Offene Stadt“ war eine Ausstellung, die in den Jahren 2012 und 2013 auf verschiedenen Festivals und in Museen in Deutschland zu sehen war. Im Herbst 2013 ist dazu auch ein umfangreicher Katalog bei Spector Books aus Leipzig erschienen. „Kairo. Offene Stadt“ hat die Auseinandersetzung mit dem Bildarchiv der Revolution zum Ziel. Umfangreiche Bilderkollektionen ägyptischen Fotojournalisten, von ägyptischen Bürgerjournalisten und Videokollektiven sowie lokalen und internationalen professionellen Fotografen werden einander gegenübergestellt. Ergänzt wird dies durch ein Archiv von Twitter-Nachrichten über die Revolution und künstlerische Arbeiten die sich mit historischen Archivbildern beschäftigen. So entsteht ein vielschichtiges und komplexes Bild der Ereignisse in Ägypten und ihrer medialen Repräsentation. Der Katalog bekommt inhaltliche Tiefe durch verschiedene hochinteressante Essays, wie dem Text „Wenn sehen heißt dazuzugehören“ der ägyptisch-libanesischen Künstlerin Lara Baladi.

Cover Beyond Tahrir - UdK Bremen

Ebenfalls mit der ägyptischen Revolution beschäftige sich das von Professor Andrea Rauschenbusch betreute Projekt „Beyond Tahrir“ der Universität der Künste in Bremen. In Kooperation mit der Helwan University in Kairo trafen sich finanziert vom Deutschen Akademischen Austauschdienst Studierende aus Bremen und Kairo im Jahr 2013 zu einer Summerschool mit zwei je 17-tägigen Workshopphasen in beiden Städten. Ausgangspunkt war die künstlerische und fotografische Beschäftigung mit der Revolution in Ägypten. Der auf 500 Exemplare limitierte Katalog stellt das Konzept der Summerschool, die beteiligten Künstler und die Arbeiten vor. Er gibt einen guten Überblick über unterschiedliche Formen der künstlerischen Auseinandersetzung die von persönlichen und biografisch geprägten Arbeiten bis hin zu konzeptionell-dokumentarischen Ansätzen reichen.

Montag, 27. Januar 2014

Archivierte Geschichte


Von November 2013 bis Ende Januar 2014 zeigte die Al-Ma’mal Foundation in Ost-Jerusalem die Ausstellung „The Long Journey“. Sie ist Teil der Aufarbeitung des Bildarchivs der United Nations Relief and Works Agency for Palestine Refugees in the Near East (UNRWA). Die Ausstellung war in den neurenovierten Räumen der Organisation in einem alten Fabrikgebäude in der Jerusalem Altstadt zu sehen. Zum ersten Mal wurden damit Teile des umfangreichen Bildarchivs der UNRWA der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. 




Es ist ein Gang in die Geschichte den man mit dem Besuch der Ausstellung antritt. Eine Reise in die Geschichte der palästinensischen Flüchtlinge und damit auch in die Geschichte des Israelisch-Palästinensischen Konflikts. Zu sehen ist eine Seite des Konflikts, welche in historischen Bildern über den Konflikt eher selten zu sehen ist vor allem was den ersten israelisch-arabischen Krieg und seine Folgen für die Palästinenser angeht. Umso wichtiger sind die Aufarbeitung der Bild-Archive der UNRWA und diese Ausstellung.

Auf zwei Etagen ist in der Ausstellung eine Mischung aus großformatigen Bildern an den Wänden und Fotobüchern zu sehen. Die Kuratoren der Ausstellung haben Fotobücher zu 10 Themenblöcken zusammengestellt, die auf einfachen Holztischen in der Mitte der Räume präsentiert werden. Die Blöcke sind entweder nach Themen wie z.B. Berufsausbildung und Gesundheitsversorgung oder nach Bildtypen wie Gesten, Warten, etc. geclustert. Die Bilder an den Wänden dagegen folgen keiner erkennbaren inhaltlichen Ordnung. Alle Bilder, sowohl in den Büchern als auch an den Wänden, sind mit der Archivnummer gekennzeichnet sowie mit den Informationen die dazu hintergelegt wurden. Die Bildinformationen zeichnen sich damit durch eine große Sachlichkeit aus. Es sind ausnahmslos Schwarz-Weiß Fotografien zu sehen. Im Vordergrund stehen die 50er, 60er und 70er Jahre.

Bei der Betrachtung der Bilder ist natürlich zu berücksichtigen, dass es sich bei vielen der gezeigten Bilder eher um klassische Public-Relations-Bilder handelt: Bilder, die von der UNRWA in Auftrag gegeben worden sind um ihre Arbeit zu dokumentieren. Darüber hinaus erzählen Sie als historische Dokumente immer noch genug um über diesen Umstand hinwegsehen zu können. Wichtig ist er vielmehr zur Einordnung und zur Interpretation des gezeigten Bildkanons. So sind auf vielen Bildern die Projekte der UNRWA zu sehen, von der schulischen Bildung, über Berufsausbildung bis hin zur Gesundheitsversorgung.

Dass die Bilder jedoch auch als zeithistorische Dokumente fungieren zeigt zum Beispiel ein Bild aus einem Flüchtlingslager. Sicherlich mit dem Ziel aufgenommen, die UNRWA-Aktivitäten zu dokumentieren, die sich an neuen Zelten und einer organisierten Lagerstruktur zeigen, ist gleichzeitig auch der elende Lageralltag zu sehen. Im Winter aufgenommen zeigt das Bild die schlammigen Wege zwischen den Zelten und die typische Situation geflohener Menschen. Bei den Bildern heutiger palästinensischer Flüchtlingslager mit richtigen Häusern aus Stein und Beton mutet dies weit weg an.

Eine schöne Ergänzung zu den ausgestellten Fotografien sind mehrere kurze Filme die im Rahmen der Ausstellung gezeigt wurden. Sie zeigen die Arbeit mit dem UNRWA-Archiv. Einige von Ihnen gehen der Geschichte einzelner Bilder nach. Der ehemalige UNRWA Fotograf George Nehmeh macht sich im Gazasteifen auf die Suche nach den Protagonisten einzelner Bilder und sucht diese Jahrzehnte später für ein Gespräch auf. Gezeigt werden zutiefst menschliche Begegnungen und einen interessanten Umgang mit der eigenen Geschichte ohne an irgendeiner Stelle in anti-israelische Ressentiments zu verfallen.

Die Ausstellung kann als ein Gegengewicht zum jüdisch-zionistischen Narrativ des Israelisch-Palästinensischen Konflikts gelesen werden. Dieses zeigt sich oft in historischen Abhandlungen über Israel wie im Fotobuch „ 50 Jahre Israel in Magnum-Photographien“. Auch die historischen Bilder über die Staatsgründung und den Staatsaufbau die sich immer wieder in Fotografieausstellungen finden, blenden oft die Vertreibung von Palästinensern aus. Trotz allem können die in Jerusalem gezeigten Bilder nicht gegen die ikonischen Qualitäten des israelischen Bildkanons ankommen, der sich exemplarisch an Bildern wie dem Hissen der Flagge oder des ersten Besuchs israelischer Soldaten an der Klagemauer in Ost-Jerusalem 1967 zeigt. Dass durch die Digitalisierung des UNRWA-Archivs die Bilder der palästinensischen Flüchtlinge als zeithistorische Dokumente der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, ist trotz allem ein wichtiger Schritt.


 
 
Weiterführende Literatur und Informationen:

http://147.237.72.31/topsrch/defaulte.htm (Israel National Photo Collection)
http://www.fai.org.lb/Home.aspx (Arab Image Foundation)
Fienbork, Matthias (1998): 50 Jahre Israel in Magnum-Photographien, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.

Dienstag, 14. Mai 2013

Linksammlung zur Paul Hansen Kontroverse

Im folgenden eine Zusammenstellung von Internetlinks, die die Diskussion um das World Press Photo des Jahres 2012 des schwedischen Fotojournalisten Paul Hansen dokumentieren. Besonders interessant ist, wie in der Zuspitzung der Auseinandersetzung und neuer Vorwürde in dieser Woche das Thema zunehmend politisiert wird. Vor allem aus den Reihen pro-israelischer Medienaktivisten wird die, bisher nicht bewiesene, These der "Manipulation" verbreitet, die sich nicht mehr nur noch auf die digitale Postproduktion sondern die Entstehung des Bildes selbst bezieht.

Ankündigung von World Press Photo zur Verleihung des Preises für das Bild des Jahres 2012 an Paul Hansen:

Artikel des British Journal of Photography über das Siegerbild von Paul Hansen:

Kommentar auf diesem Blog zur Bildästhetik von Paul Hansens Bild:

Interessanter Kommentar über die Frage, welche Rolle die digitale Nachbearbeitung für den Wahrheitsgehalt des Bildes spielt:

Englischer Artikel auf Spiegel Online über die digitale Bildbearbeitung von Paul Hansen:

Hintergrundinformationen von Matthias Krug vom Spiegel zum Bild von Paul Hansen:

Artikel des Technologieblogs Extremetech der Paul Hansen Manipulation und Fälschung vorwirft:

Blogbeitrag auf Designboom der den Vorwurf von Extremetech aufgreift:

Argumentation des Bloggers Tom Leininger gegen die Manipulationsthese:

Onlinezeitung Times of Israel stellt Bezug zwischen Hansen und "Pallywood" Vorwurf her:

Kommentar auf dem Blog A Photo Editor:

Aktuelle Ankündigung von World Press Photo das Bild erneut untersuchen zu lassen: