Posts mit dem Label Bilderkrieg werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Bilderkrieg werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 11. Juni 2015

Bilder vom Krieg - Zwischen Berichterstattung und Propaganda

Am 17. Juni werde ich um 18 Uhr im Haus der Kirchlichen Dienste in Hannover einen Vortrag zum Thema „Bilder vom Krieg – Zwischen Berichterstattung Propaganda halten“. Die Veranstaltung ist Teil der aktuellen Veranstaltungsreihe „Einbildung oder Abbildung – wie wir die Welt sehen“ des ELM-Büros für internationale kirchliche Zusammenarbeit. Hier folgt der Ankündigungstext:

„Syrien, Sudan, Ukraine, Libyen, Irak, Zentralafrikanische Republik ... – die Liste der Krisen- und Kriegsschauplätze der letzten Jahre ist leider viel zu lang. Doch Bilder vom Krieg schrecken uns immer nur für kurze Zeit auf, bis die nächste Krise die Medien vereinnahmt. Immer komplexer werden kriegerische Auseinandersetzungen in ihren Ursachen, Auswirkungen und Befriedungsstrategien. Auffallend ist, dass der Ruf nach militärischen Interventionen im bundesdeutschen Diskurs zunimmt und darin eine vermeintliche Lösung gesucht wird. An diesem Abend möchten wir beleuchten, wie Medienberichterstattung und Bilder die Wahrnehmung in Deutschland von militärischen Konflikten, politischen und wirtschaftlichen Krisen beeinflussen. Dabei geht es um die Wirkmächtigkeit von Bildern, also auch um Bildpropaganda und Bilderkrieg, in dem Bilder als Waffen einsetzt werden. Welche Art von Berichterstattung und Bild wäre notwendig, um die zivile Konfliktbearbeitung und frühzeitiges bzw. nachhaltiges Engagement in den Fokus zu rücken? Welche Alternativen gibt es aus der Medien- und Friedenspädagogik und wie funktioniert beispielsweise konfliktsensitive Berichterstattung?“

Vortrag und Gespräch mit Felix Koltermann

Mittwoch 17. Juni 2015, 18 Uhr
Haus kirchlicher Dienste,  Archivstraße 3, 30169 Hannover

Anmeldungen:
Büro für internationale kirchliche Zusammenarbeit
Nicole Bock: n.bock@elm-mission.net, Telefon 0511 1215-293

Weitere Infos unter: http://www.kirchliche-dienste.de/Aktuelles/krieg

Donnerstag, 23. April 2015

Mediale Inszenierung und Bildpolitik des IS


Dass die Bilder des "Islamischen Staates" so präsent in unseren Medien sind, hängt weniger mit der tatsächlichen Relevanz der dokumentierten Ereignisse zusammen, als vielmehr mit der kurzfristig gedachten Aktualitätslogik der Massenmedien. Einige medienkritische Anmerkungen von Felix Koltermann.

Kaum ein journalistisches Medium – egal ob Tageszeitung, Onlinemedium oder Fernsehsender – hat im vergangenen Jahr auf Bilder des sogenannten "Islamischer Staates" (IS) verzichtet. Verbunden mit den Bildern war die Rhetorik eines vermeintlichen Bilderkrieges, ausgelöst vor allem durch die vom IS verbreiteten Enthauptungsvideos.

Damit verbunden ist die Frage, wie groß die Bedeutung dieser Bilder tatsächlich ist, wo sie ihre eigentliche Wirkmächtigkeit entfalten und wie sie mit politischen Entscheidungen, in der Region politisch oder militärisch zu intervenieren oder dies zu unterlassen, interagieren.

Die meisten Bilder, die uns über den IS erreichen, sind Teil klassischer Kriegspropaganda und wurden vom IS selbst produziert. Viele Bilder zeigen dabei inszenierte Ereignisse, egal ob es um eine Enthauptung vor der Kamera oder das Plattwalzen der Grenzbefestigung zwischen dem Irak und Syrien geht. Es sind sogenannte "Image Operations", Operationen mit Bildern. Es sind Bildakte, die Teil einer ausgeklügelten PR sind, die sich modernster Mittel und vor allem neuer Verbreitungskanäle, wie den sozialen Medien, bedient.

Der komplette Artikel steht auf Qantara.

Donnerstag, 29. Mai 2014

Images as weapons of war

W. J. T. Mitchell is an American art historian at the University of Chicago and one of the most important scholars of visual culture and iconology. Among his most important books are "Cloning Terror: The War of Images, 9/11 to the Present" (2011) and "What do Pictures Want? The Lives and Loves of Images" (2005). For the online magazine Qantara I spoke to him about the relationship between images and war.

Felix Koltermann: I would like to start by looking at the concept of "image operations". Could you explain what this is?


W. J. T. Mitchell: "Image operations" mainly exist in the theatre of war and in medical imaging. Usually the purpose of medical imaging is to heal. The purpose of image operations in the theatre of war, on the other hand, is to inflict or cause damage and to use images as instruments of war and propaganda or to reveal crime. So what is at stake here in a general way is the instrumental use of images.


Read the whole interview online at Qantara


Samstag, 19. April 2014

Image Operations


Ende vergangener Woche fand in Berlin die internationale Tagung „Image Operations“ statt. Kuratiert wurde sie von Charlotte Klonk vom Berliner Exzellenzcluster der HU „Bild – Wissen – Gestaltung“ und Jens Eder von der Universität Mannheim und fand im privaten Berliner „Institute for Cultural Inquiry“ auf dem Pfefferberg statt. In einem spannenden Programm wurde eine Vielzahl von Themenbereichen des zeitgenössischen Bilddiskurses angesprochen. Nach zwei eher Theorie bezogenen Einleitungen der Bildwissenschaftler Tom Mitchell und Marie-José Mondzain standen die beiden ersten Tage vor allem im Kennzeichen einer stark empirisch gestützten Diskussion um das Verhältnis von Bildern und Krieg.

Der Stockholmer Medienwissenschaftler Christian Christensen machte das von Wikileaks veröffentliche Video der Ermordung eines Reuters-Fotografen im Irak durch Soldaten eines amerikanischen Kampfhubschraubers zum zentralen Punkt seines Vortrags. Das unter dem Namen „Collateral Murder“ bekannte Video machte exemplarisch deutlich, wie groß die Gefahr für Bildproduzenten in zeitgenössischen Kriegen ist. Für Christensen zeigt sich an diesem Video, wie wichtig das Material von Whistleblowern für Anti-Kriegs-Aktivisten sein kann. Mit der Offenlegung eines Mords übernahm das Video, eigentlich vom Militär zur Dokumentation angefertigt, eine Funktion die normalerweise dem Journalismus obliegt. Aber gerade im Irak-Krieg zeigte sich der us-amerikanische Journalismus zu weiten Teilen als Komplize us-amerikanischer Geopolitik.

Im Anschluss referierte der deutsche Medienwissenschaftler Tom Holert über die Bedeutung von Bildern im Drohnenkrieg. In einem hochinformativen Vortrag zeichnete er nach, wie die Bilder von Drohnen exemplarisch die asymmetrische Machtausübung im zeitgenössischen Krieg deutlich machen. Dabei ist der zunehmende Einsatz von Drohnen nicht nur ein Erfolg der „revolution in military affairs“ sondern auch Teil eines neoliberalen outsourcens und kostenreduzierens über das Einsparen von Personal. Bilder sind für Drohnen insofern von Bedeutung, als dass deren Steuerung nur mit Hilfe von Kameras möglich ist.

Den Abschluss des ersten Tages bildete eine aufschlussreiche Diskussion des amerikanischen Künstlers Trevor Paglen mit der Frankfurter Kunsthistorikerin Isabelle Graw. Paglen fungiert als Wissenschaftler mit umfangreichen Forschungs- und Recherchevorhaben der seine Ergebnisse entweder in Form von Texten oder künstlerischen Arbeiten präsentiert. Bekannt geworden ist er durch seine fotografische Dokumentation von Spuren des Nicht-Sichtbaren in der Politik. So fotografierte er geheime amerikanische Militärstützpunkte in der Wüste ebenso wie den Weg militärischer Satelliten am Himmel. Dabei greift er interessanterweise für viele seiner Projekte auf den Begriff der Landschaft zurück. Seine fotografische Umsetzung, meist in großformatigen Arbeiten, hat dabei tatsächlich Anleihen an klassische Landschaftsmalerei.

Am Freitagmorgen hielt die Berliner Kunsthistorikerin Verena Straub einen interessanten Vortrag über das Bild weiblicher Selbstmordattentäterinnen in Märtyrer Videos. Sie zeichnete die Geschichte des Selbstmordattentats als Mittel des politischen Kampfs mit Hilfe von Videostills seit den 80er Jahren nach. Dabei legte sie den Schwerpunkt auf die visuelle Darstellung weiblicher Selbstmordattentäterinnen in der 2. Intifada. Sie wies nach, wie in den Videos auch eine Kritik an dominanten Geschlechterrollen zu finden ist.

Unglaublich reichhaltig war auch die Präsentation der amerikanischen Anthropologin Zeynep Gürsel. Sie hat in den letzten Jahren die Nachrichtenfotografie ausgehend von zentralen Institutionen wie der Nachrichtenagentur AFP, dem World Press Photo Award oder dem Festival Visa Pour L’Image untersucht. Als teilnehmende Beobachterin nahm sie an unzähligen Auswahlprozessen und Workshops teil. Dabei konnte sie aufzeigen, wie sehr der Fotojournalismus auf binäre Kodierungen angewiesen ist um seine Botschaften rüberzubringen und als ein politisches Projekt gelesen werden muss. Ihre Beobachtungen eines Workshops mit jungen türkischen Fotografen mit ihren amerikanischen Mentoren machten deutlich, wie sehr die Suche nach Themen und Bildern von westlichen Stereotypen und Exotismus geprägt sind.

Aufschlussreich war, wie sehr die Vorträge von einer unkritischen Übernahme der Bilderkriegthese geprägt waren. Mehrere Vortragende rekurierten darauf in ihren Einleitungen als so etwas wie das Bonmot. Dass ist schade, bringt der Begriff doch eine ganze Reihe von problematischen Entwicklungen mit sich. Diese zu aufzuschlüsseln und zu diskutieren wäre das Thema einer eigenen Tagung.


Interessante Links:

Montag, 17. März 2014

Über das fotografische Erzählen vom Krieg


Vom 20.-22. Februar fanden im Berliner Haus der Kulturen der Welt die Thementage „Krieg erzählen“ statt. Im Vordergrund stand die Auseinandersetzung mit dem Paradox über ein soziales Phänomen wie den Krieg zu erzählen, das als „unbeschreiblich“ gilt und menschliches Fassungsvermögen übersteigt. Eingeladen waren Kriegsberichterstatter, Fotografen, Wissenschaftler und Menschenrechtler. Eines der Querschnittsthemen, das sich durch die Tagung zog, war die Frage nach den Möglichkeiten Krieg mit Hilfe der Fotografie in Bildern zu erzählen. So gab es am Freitagnachmittag und am Samstagmorgen mehrere Diskussionen in denen Wissenschaftler und Fotografen dem Thema in Dialogen auf den Grund gingen.

Die Lüche zwischen den Bildern

Den Anfang machten am Freitagnachmittag der Berliner Fotojournalist Sebastian Bolesch und der Kieler Kunsthistoriker Gerhard Paul zum Thema „Die Lücke zwischen den Bildern“. Sie versuchten der Frage auf den Grund zu gehen, wie der moderne Krieg in (fotografischen) Bildern umgesetzt werden kann. Kündigten Bolesch und Paul zu Beginn noch an, gleichberechtigt in einen Dialog zu treten, so übernahm Paul mit der Zeit das Zepter und forderte Bolesch mit seinen Thesen zu den Bilderkriegen heraus. Paul, der nach eigener Aussage noch nie in einem Kriegsgebiet gewesen ist, stellte grundsätzlich in Frage ob es möglich ist, Krieg bildnerisch darzustellen. In den von ihm präsentierten Bildbeispielen wies er immer wieder auf Manipulationen durch Medien und Fotografen hin. Er sprach davon, dass der Medienkonsument als Betrachter vorgeführt und betrogen werde und illustrierte dies zum Beispiel an der wohl bekanntesten Fotografie des Vietnamkriegs von Nick Ut eines nackten Mädchens. Bolesch oblag es, diesem sehr schwarz gezeichneten Verständnis visueller Kommunikation, seine Erfahrungen aus der Praxis entgegenzusetzen. Bolesch wies darauf hin, dass Bilder aus Kriegsregionen immerhin kleine Fenster in die Wirklichkeit seien, durch deren Masse sich ein nachvollziehbares Bild ergeben könne. Paul argumentierte, dass Fotografien für ihn keine Abbilder von Wirklichkeit sondern Waren auf dem Markt seien, worauf Bolesch konterte, dass dies im Kapitalismus für so gut wie jedes Produkt gelte, die Fotografie ebenso wie die wissenschaftliche Arbeit. Unklar blieb bis zum Schluss, was die Zielrichtung von Pauls Medienkritik ist, wenn er die Qualität der Kriegsfotografie an dem Anspruch misst, Krieg in seiner Komplexität nachvollziehbar machen zu können. Es gibt wohl kaum eine Repräsentationsform die diesem gerecht wird.

Was kostet erzählen?

Das Panel „Was kostet erzählen?“ am Samstagmittag widmete sich der Frage nach den Kosten fotojournalistischer Berichterstattung sowie dem Verhältnis von NGO`s und Fotografen im Feld. Moderiert vom Historiker Valentin Groebner diskutierten die Fotojournalisten Michael Kamber und Marcel Mettelsiefen sowie Kattrin Lempp, die bei Ärzte Ohne Grenzen e.V. die Öffentlichkeitsarbeit leitet. Es wurde schnell deutlich, dass es verschiedene Dimensionen der Kostenfrage für Einsätze in Krisenregionen gibt. So geht es einmal um die Sicherheitsausrüstung. Dazu kommen Ausgaben für Unterkunft, für Fahrer und Dolmetscher. Diese Kosten variieren, je nach Region und je nach Eskalationsstufe des Konflikts. Marcel Mettelsiefen erzählte, dass entsandte Fotojournalisten in der Regel nicht selbst über die Ausrüstung wie kugelsichere Westen etc. verfügten, da diese meist vom Auftraggeber gestellt wird. Deutlich wurde die Asymmetrie  zwischen Fotografen mit Redaktionsauftrag und Freelancern, die alle Kosten selbst tragen und in eine finanzielle Vorlage treten müssen. Vor allem Michael Kamber machte die moralische Verantwortung der Medien gegenüber den Freelancern deutlich. Marcel Mettelsiefen wies darauf hin dass sich die Kosten schnell auf 1.000 Dollar pro Tag summieren können wenn ein Auto, Fahrer und Dolmetscher nötig sind. Deutlich wurde dass seit der Medienkrise immer mehr dieser Kosten auf den Fotografen als Produzenten abgewälzt werden. Auf eine weitere Veränderung wies Michael Kamber hin: Er kritisierte, dass immer mehr junge, unerfahrene Fotoreporter als Freelancer ins Feld ziehen und deren Bilder zum Dumpingpreis von den Redaktionen aufgekauft würden. Dies sei vor allem in Lybien und in Syrien zu beobachten gewesen und habe unter anderem mit der guten Erreichbarkeit zu geringen Kosten von Europa aus zu tun.

Vor allem ausgehend von den Beiträgen Lempps wurden die verschiedenen Konzeptionen von Sicherheit deutlich. So wies sie darauf hin, dass für Ärzte ohne Grenzen als Organisation der humanitären Hilfe Akzeptanz der wichtigste Faktor für die Sicherheit des eigenen Personals sei und sie in der Regel nicht auf kugelsichere Westen und Sicherheitspersonal zurückgreifen würden. Auch wenn Marcel Mettelsiefen sich bemüßigt fühlte zu ergänzen, dass auch für Journalisten gute Netzwerke und die Akzeptanz in der lokalen Bevölkerung die beste Sicherheit seien, so wurde doch deutlich dass Fotografen heute in vielen Kriegsregionen im Einsatz sind, in denen der Einsatz von physischen Schutzmitteln zwingend notwendig ist. Vor allem die von den USA geführten Kriege im Irak und in Afghanistan sind hier Paradebeispiele, insbesondere aufgrund der hohen Anzahl von Journalisten die „embedded“ gearbeitet haben. Deutlich wurde des Weiteren, wie wichtig die Kooperation von NGO’s und Fotografen im Feld heute ist. Schon in der Veranstaltung zum Thema „Wer entscheidet?“ hatte die Vize-Direktorin von Human Rights Watch Carroll Bogert darauf hingewiesen, dass die Produktion von Bildmaterial für ihre Organisation sehr wichtig sei und dass dazu zum Teil immense Ressourcen aufgewendet werden müssen. Dabei hat dieses Verhältnis viele Facetten wie Lempp und Mettelsiefen ausführten. So sind die NGO’s ein wichtiger Ansprechpartner für Journalisten da diese über eine gute Infrastruktur verfügen und Zugänge ins Feld ermöglichen. Darüber hinaus verfügen internationale NGO’s heute über eigene Budgets für multimediale Produktionen und werden zunehmend als Auftraggeber für Journalisten und Fotografen interessant. Kattrin Lempp wies darauf hin, dass die Bedeutung der NGO’s als Informationsquelle aus Krisenregionen auch durch den Wegfall fester Korrespondentenstellen gestiegen sei. Das Problem daran sei jedoch, dass vor allem humanitäre Organisationen aufgrund ihrer Verpflichtung zur Neutralität keine politischen Kommentare abgeben dürften und somit nicht die journalistische Arbeit ersetzen könnten.

Von Bildern und Gegenbildern

In ein sehr intensives Zweiergespräch über „Bilder und Gegenbilder“ tauchten der Kunsthistoriker Peter Geimer und der Fotograf Marcel Mettelsiefen am frühen Samstagnachmittag ein. Erstaunlich war dabei das „Bild“ welches Peter Geimer von der zeitgenössischen Kriegsfotografie zeichnete und mit Beispielen aus der Pressefotografie und dem World Press Photo Award untermalte und den „Gegenbildern“ die Marcel Mettelsiefen entwickelte. Während Geimer das Bild des heroischen Kriegsfotografen und Abenteurers à la Robert Capa nachzeichnete, lehnte Mettelsiefen den Begriff Kriegsfotograf an sich für seine Arbeit ab, um sich stattdessen als Fotojournalist zu verorten, der immer wieder auch aus Kriegs- und Krisenregionen berichtet. Auch in vielen anderen Panels war deutlich geworden dass die als „Kriegsreporter“ eingeladenen Journalisten dieses Label in der Regel ablehnen. Mettelsiefen wies darüber hinaus auf die Unterscheidung in unterschiedlichen Formate wie Nachrichtenfotografie und Dokumentarfotografie hin, die jeweils anderen Gesetzmäßigkeiten folgen und andere Ergebnisse produzieren. Schon am Vortag war beim Gespräch zwischen Gerhard Paul und Sebastian Bolesch deutlich geworden, wie sehr Kriegsfotografie in seiner analytischen Betrachtung auf Einzelbilder aus der Nachrichtenfotografie reduziert wird und davon ausgehend Schlüsse auf das ganze Gewerbe gezogen werden. Geimer vernetzte Bildbeispiele mit Artikelzitaten und Ausschnitten aus einem Interview mit dem Fotografen Luc Delahaye zu einem kritischen Bilddiskurs. So sprach er in Bezug auf das bekannte Gewinnerbild des World Press Photo 2012 von Samuel Aranda, das eine tief verschleierten jemenitischen Frau zeigt die den halbnackten Körper ihres Sohnes in den Armen hält, den Whitening-Vorwurf an: Der hohe Kontrast in Bildern haben zur Folge, dass die Hautfarbe der Menschen oft hell erscheine, obwohl dies in der Realität nicht der Fall sei und damit westliche Sehgewohnheiten bedient würden. Anhand seines Kunduz Projektes schilderte Marcel Mettelsiefen, wie inszenierte Porträts eine Alternative Erzählform sein können und wie das Zeigen seines Projektes im Kunstkontext andere Formen des Auseinandersetzung außerhalb des journalistischen Rahmens erlaubt hätte. Er zeigte Verständnis dafür, wenn Fotografen versucht sind, den journalistischen Kontext zu verlassen und sich der Kunst zuzuwenden.
 
Schieflagen des Bilddiskurses

Eines der Ziele der Diskussionen zum Thema Fotografie und Krieg war laut der Kuratorin der Thementage Carolin Emcke, verschiedene Disziplinen miteinander in Dialog zu bringen: in diesem Fall namentlich die Fotografen aus der Praxis und ihre Arbeit analysierende (Kunst-) Wissenschaftler. An vielen Stellen hatte man den Eindruck, als müssten vor allem die Praktiker den Wissenschaftlern erst einmal erklären, was sie denn bei der Arbeit im Feld überhaupt machen. Deutlich wurde dabei, dass Wissenschaftler wie Gerhard Paul oder Peter Geimer die veröffentlichten Bilder als Produkte analysieren und nur über wenig Kenntnis des Produktionskontextes und –alltages sowie der Distribution verfügen. Genau dies führte eine (kunsthistorische) Analyse von Bildern an vielen Stellen ad absurdum. Denn die Fragen, welche die kunsthistorische Forschung interessieren, haben für die Praxis nur wenig Bedeutung und die Fragen die den Fotografen auf den Nägeln brennen, sind für die Wissenschaft oft banal. Darüber hinaus sind Fotografen oft mit dem Totschlagargumente des Manipulationsvorwurfs an ihr Gewerbe konfrontiert. Dies ist schade und deutet auf das allzu oft elitäre und abgehobene Gebaren wissenschaftlicher Bildanalyse hin. Denn wozu dient diese wenn sie nicht in der Lage ist, mit der Praxis in Dialog zu treten: nichts anderem als einem selbst referentiellen Wissenschaftsdiskurs. In seiner Eröffnungsrede zu den Thementagen sprach der Kurator des Haus der Kulturen der Welt Bernd M. Scherer von der Notwendigkeit, eine neue „Grammatik des Sehens“ zu entwickeln. Wie schwierig dies ist und welche Gräben dafür zwischen Produzenten, Konsumenten und Wissenschaftlern zu überwinden sind, dies wurde auf der Konferenz mehr als deutlich. Vor allem bezogen auf die Fotografie ist dabei die Frage nach der „agency“ zentral: Wer hat das Mandat über Fotografie zu sprechen und die Grundzüge einer Grammatik des Sehens zu schreiben: Die Fotografierten, die Fotografen, die Konsumenten oder die Bildwissenschaftler? Dass es nicht ausreicht Fotografen und Wissenschaftler an einen Tisch zu setzen ist bei den Thementagen deutlich geworden. Trotz allem gab es viele erkenntnisreiche Momente und es bleibt eine wichtige Aufgabe, weiter nach Formen und Formaten zu suchen, wie die verschiedenen Milieus miteinander ins Gespräch kommen können.


Montag, 19. November 2012

Gaza: Krieg im Web 2.0?

Seit dem Beginn der Eskalation des Konflikts im Nahen Osten zwischen der israelischen Regierung und der Hamas ist der Verlauf der Auseinandersetzung im Web 2.0 auch zunehmend im Fokus von Blogbeiträgen und Artikeln. So zeichnete John Mason den Verlauf des Konflikts auf der Foto-Plattform Instagram nach. In einem Kommentar auf „The Daily Beast“ ging Ali Gharib auf Twitter-Nachrichten über den Krieg und die Involvierung von Journalisten ein.

Was in der vor allem über Twitter ausgetragenen Auseinandersetzung über den Konflikt zu beobachten ist, ist ein Kampf um die Deutungshoheit des Konflikts und seiner aktuellen Eskalation. Diejenigen, die hier in die Auseinandersetzung eingestiegen sind, sind die direkten Konflikt-Parteien wie die israelische Armee IDF und pro-israelische Gruppen sowie der Hamas nahestehende Gruppen. Zu beobachten ist ein Kampf um die Narrative. Das besondere an der Auseinandersetzung im Web 2.0 ist, das auf diese Art und Weise die Nachrichten und damit die Auseinandersetzung direkt das Publikum erreichen und die Auseinandersetzung nicht mehr gefiltert über die Presse ausgetragen wird. Die Gruppen versuchen, die öffentliche Meinung über die neuen Medien direkt zu beeinflussen, ohne den Umweg über die Presse nehmen zu müssen. Dies ist eine dramatische Wende und verlagert die Auseinandersetzung in die Weiten des Internets.

Was wegfällt ist die Funktion des Journalismus und seiner Medien, die Informationen zu kontextualisieren und einzuordnen, Hintergrundinformationen zu liefern und verschiedene Meinungen zu Wort kommen zu lassen. Auch eine Lösungsorientierung wie sie der konfliktsensitive Journalismus fordert, ist hier nicht Teil der Auseinandersetzung. Besonders drastisch wird dies am Verbreiten von Bildern ziviler Opfer sichtbar. Beide Seiten nutzen diese Bilder, um Emotionen auf ihre Seite zu ziehen und mit der „Beweiskraft“ des Bildes die Legitimität des eigenen Handelns bzw. die Illegitimität des Handelns des anderen zu untermauern. Was wegfällt ist eine Kontextualisierung und Einordnung der Bilder in das Konfliktgeschehen. Als relevante Information werden diese Bilder somit fast wertlos, da sie nur als reine Bestätigung von Faktischen – dieser Mensch auf dem Bild wurde verwundet – dienen.

Im Zusammenhang mit der Diskussion dieses Phänomens poppt in der Diskussion immer wieder der Begriff des Bilder-Krieges oder Medien-Krieges auf. Meiner Ansicht nach ist es nicht problematisch diesen Begriff zu verwenden. Ein Mal in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen und als Fakt akzeptiert, liefert der Begriff des „Bilder-Kriegs“ z.B. der IDF die Legitimation, Hamas nahestehende Sender zu bombardieren. Insofern ist der Gebrauch dieses Begriffes im Interesse der Konflikt-Parteien und sollte von daher von den Medien und Wissenschaftlern tunlichst gemieden werden. Die tatsächlichen Kriegshandlungen werden immer noch mit Waffen von den Konflikt-Parteien verübt. Was in den Medien und über die Medien stattfinden, ist hingegen eine Auseinandersetzung über die Deutungshoheit des Konflikts und der Geschehnisse. Diese kritisch hin auf ihre Qualität, die Einhaltung journalistischer Standards und eine Konfliktsensitivität zu überprüfen, sollte sich die Kommunikationswissenschaft zur Aufgabe machen.

Dienstag, 2. Oktober 2012

Wie die PR-Logik die Diskussion über Bilder von Kriegen und Konflikten überlagert


Gedanken zu einem zentralen Feld der Diskussion um Kriege und Konflikte, ihre visuelle Darstellung und das vermeintliche Aufkommen von Bilder-Kriegen im 20. Jahrhundert.

Im Grunde ist es doch eine simple Gleichung: Wenn ich moralisch einwandfrei und integer handele, dann muss ich Bilder, welche die Konsequenzen dieses Handelns zeigen nicht fürchten. Oder? Soweit so gut. Warum ist dann in der Diskussion über Bilder von Kriegen und Konflikten immer wieder die Rede davon, dass Bilder Waffen in den Händen des Gegners sein können, dass der Zugang zu den militärischen Auseinandersetzungen beschränkt werden muss? Lassen wir mal die Bilder, welche von terroristischen Gruppierungen inszeniert werden weg, und widmen uns den Kriegen der westlichen Mächte im letzten Jahrzehnt, dem Irak-Krieg, dem Afghanistan-Krieg oder dem Gaza-Krieg. Was haben die US-Army, die israelische Armee, oder die NATO-Verbündeten zu fürchten, wenn Bilder von Opfern ihrer Kriege gezeigt werden? Wenn der Einsatz gerechtfertigt ist, wenn den beteiligten Nationen und den Familien der Angehörigen die Risiken und Gefahren bewusst sind, werden sie doch auch sicher mit den Opfern von Kriegen umgehen können. Oder? Und falls nicht, werden sie vielleicht den Krieg in Frage stellen, seine Logik und seine (menschlichen) Kosten und Alternativen fordern. Aber wäre das so schlimm? Genau das ist es, was die Militärs fürchten. Deshalb, deklarieren sie Bilder zu Waffen, da es ihre Logik der militärischen Konfliktlösung in Gefahr bringen könnte. Und aus der Perspektive einer Public-Relation Kampagne, die heute immer Teil moderner Feldzüge ist, erscheint es natürlich ebenfalls verheerend, wenn Bilder die negativen Folgen des Handelns eines Akteurs zeigt, von dem eigentlich ein moralisch-integres Image kreiert werden soll. Aber sind (Foto-) Journalisten, die dieses Image in Frage ziehen, die durch ihre Bilder und Berichterstattung ein anderes Bild zeichnen, gleich Feinde? Muss ich sie von Schlachtfeld verbannen? In keinem Fall. Sie decken auf, was Alltag des Krieges und seine Konsequenzen sind. Nicht die Bilder töten, sondern die Waffen und der Alltag des Krieges. Die Informationen  der Journalisten sind wichtig, damit sich die Menschen ein Bild machen und eine Meinung bilden können. Bilder als Waffen zu bezeichnen, dient ausschließlich den Interessen der militärischen und den sie mandatierenden Akteure und sollte weder in den journalistischen noch in den alltäglichen Sprachgebrauch übergehen.