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Samstag, 12. Mai 2018

Wie die SZ den Fotojournalismus ad absurdum führt

In der Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung ist der Teil "Buch Zwei" sowas wie das Aushängeschild, der Platz für ausführliche Reportagen, die ausgeweitete Seite drei des Wochenendes. In der Ausgabe vom 12. Mai 2018 gibt es dort einen dreiseitigen Artikel von Peter Münch mit dem Titel "Balkan Express". Als Aufmacher dient ein querformatiges, fast über die ganze Seite gezogenes Bild, das eine kleine Parkanlage vor einem Werbeplakat für ein neues Stadtviertel zeigt. Es stammt von der französischen Fotografin Julia Druelle. Der Untertitel ist mit dem Zusatz "Eine Reise in sechs Länder" versehen und unten auf der Seite gibt es eine Karte mit der Reiseroute. Dass Peter Münch als Autor diese Reise angetreten hat, davon ist auszugehen, vor allem, da er den Text anhand der Route gestrickt hat. Ob ihn Julia Druelle begleitete wird nicht geklärt, es lassen sich nur Vermutungen darüber anstellen. Im Folgenden soll dies genauer geklärt werden.



Ein erster Hinweis, dass die beiden vermutlich nicht zusammen auf Tour waren, sind die unterschiedlichen Themen die auf der Bild- und der Textebene angesprochen werden. Sowohl Text und Bild verweisen zwar aus Szenen aus Skopje oder Belgrad, aber bei den konkreten Orten gibt es keine Übereinstimmung. Die auf den Bildern gezeigte Nationalbibliothek in Skopje oder das neue Stadtviertel in Belgrad beispielsweise sind im Text nicht erwähnt. Die Bilder erscheinen vergleichsweise "harmlos" und zeigen Alltagsszenen. Auch die Bildunterschriften geben kaum Hinweise zu dem, was auf den Bildern passiert. Stattdessen stellen Sie eine Art Fortführung der Erzählung des Textes dar. So bleibt ein gewisses Unbehagen, was die Bilder eigentlich erzählen und woher sie stammen.

Die Auflösung bietet eine Recherche im Internet nach der Fotografin Julia Druelle. Bereits der zweite Eintrag in der Suchmaschine Google bringt einen zur Homepage der Fotografin. Und dort findet sich an dritter Stelle ein Portfolio namens "Balkans Chronicles", versehen mit folgendem Hinweis: "A series of pictures illustrating various news events that I covered in the Balkans." Schon das erste Bild des Portfolios ist eine Fotografie aus dem Jahr 2015, die auf der zweiten Seite der SZ-Reportage abgedruckt ist, dort jedoch im Quadrat statt im Querformat. Damit ist immerhin geklärt, dass Julia Druelle nicht mit Peter Münch auf Balkanreise war. Stattdessen zeigt sich hier eine von mir bereits mehrfach beschriebene Praxis der SZ, zur Visualisierung von ausführlichen Textreportagen ältere Bildgeschichten einzusetzen. Die Schwierigkeit besteht für mich darin, dass dies nicht kenntlich gemacht wird.

Es kommt jedoch noch ein weiterer Aspekt hinzu, der den Informationsgehalt der Fotografien von Druelle betrifft. In der Art und Weise, wie die SZ die Bilder einsetzt, fungieren diese als abstrakte Visualisierungen, die außer des Verweises auf den Ort keine Informationen vermitteln und auch nicht vermitteln sollen, denn ansonsten hätte es eine andere Form der Kontextualisierung gegeben. Wie sehr dabei aus dokumentarischen Bildern mit politischem Inhalt platte Visualisierungen im Stil oberflächlicher Reisefotografie werden, zeigt eine genauere Beschäftigung mit dem Aufmacherbild, das ebenfalls Teil des Portfolios auf Druelles Webseite ist. Dort ist das Bild Teil der Serie "Belgrade Waterfront - 'Let's not drown Belgrade'", mit der Druelle über die Proteste im Jahr 2016 gegen das Luxus-Immobilienprojekt "Belgrade Waterfront" erzählt. Auch in deutschen Medien wurde dies thematisiert. Mit dieser Information bekommt das Aufmacherbild eine eminent politische Bedeutung. In der Bildunterschrift der SZ ist daraus jedoch "Die Zukunft ist in Serbien noch eine Kulisse: Überall in Belgrad wird gebaut (links)" geworden. Ein nichtssagende, in schöne Worte gekleidete Bilderunterschrift.

Ein weiteres Beispiel von der zweiten Seite des Artikels zeigt, dass dies kein einmaliger Ausrutscher, sondern Konzept ist. Oben rechts ist dort ein Bild zu sehen, das eine nächtliche Straße in Belgrad mit erleuchtenden Schaufenstern zeigt. Aus der Tür eines Gebäudes, in dem sich ein Kino befindet, tritt eine Frau heraus. "Ein Kino in einer Einkaufsmeile in Belgrad" ist die dazugehörige Bildunterschrift der SZ. Auch hier könnte die Information kaum banaler sein, verglichen mit der zum Bild gehörigen Geschichte. Denn das auf dem Bild gezeigte Kino ist das "Zvezda", das im Jahr 2014 von Kinofans übernommen wurde, nachdem es im Zuge der Privatisierung runtergewirtschaftet war und vor dem Aus stand. Damit erzählt die Geschichte des Kinos etwas über Wirtschafts- und Kulturpolitik in Serbien, thematisiert also genau das, was auch Peter Münchs Interesse ist.

Die beiden hier im Zusammenhang mit dem veröffentlichten Artikel diskutierten Bildbeispiele zeigen, wo die Risiken und Herausforderungen der im zeitgenössischen Journalismus weit verbreiteten Praxis liegen, einen aktuellen Text eines Reporters mit einer älteren Bildstrecke eines Fotografen oder einer Fotografin zu verbinden. Die ursprünglich aus einer journalistische und dokumentarischen Motivation heraus entstandenen Bilder, die etwas über konkrete Themen und Ereignisse erzählen, werden durch die Neu-Kontextualisierung zu glatter visueller Oberfläche. Letztlich wird damit eine Praxis aufgegriffen, wie sie aus dem Umgang mit der Stock Fotografie bekannt ist. Gleichwohl ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass es durchaus andere Möglichkeiten gegeben hätte. So wäre es durchaus möglich gewesen, die Originalbildunterschriften zu verwenden und die Arbeit von Druelle als parallel zum Text fungierenden Werkkomplex unter dem Originaltitel "Balkans Chronicles" zu rahmen. Dass dies nicht passiert ist, ist auf (bild-)redaktionelle Entscheidungen der Süddeutschen Zeitung zurückzuführen. Es zeigt einmal mehr, wie problematisch der Umgang der SZ mit journalistischen Fotografien ist und wie sehr durch die hier geschilderte Praxis eine Delegitimierung bildjournalistischer Wissensproduktion stattfindet. 

Donnerstag, 23. April 2015

Mediale Inszenierung und Bildpolitik des IS


Dass die Bilder des "Islamischen Staates" so präsent in unseren Medien sind, hängt weniger mit der tatsächlichen Relevanz der dokumentierten Ereignisse zusammen, als vielmehr mit der kurzfristig gedachten Aktualitätslogik der Massenmedien. Einige medienkritische Anmerkungen von Felix Koltermann.

Kaum ein journalistisches Medium – egal ob Tageszeitung, Onlinemedium oder Fernsehsender – hat im vergangenen Jahr auf Bilder des sogenannten "Islamischer Staates" (IS) verzichtet. Verbunden mit den Bildern war die Rhetorik eines vermeintlichen Bilderkrieges, ausgelöst vor allem durch die vom IS verbreiteten Enthauptungsvideos.

Damit verbunden ist die Frage, wie groß die Bedeutung dieser Bilder tatsächlich ist, wo sie ihre eigentliche Wirkmächtigkeit entfalten und wie sie mit politischen Entscheidungen, in der Region politisch oder militärisch zu intervenieren oder dies zu unterlassen, interagieren.

Die meisten Bilder, die uns über den IS erreichen, sind Teil klassischer Kriegspropaganda und wurden vom IS selbst produziert. Viele Bilder zeigen dabei inszenierte Ereignisse, egal ob es um eine Enthauptung vor der Kamera oder das Plattwalzen der Grenzbefestigung zwischen dem Irak und Syrien geht. Es sind sogenannte "Image Operations", Operationen mit Bildern. Es sind Bildakte, die Teil einer ausgeklügelten PR sind, die sich modernster Mittel und vor allem neuer Verbreitungskanäle, wie den sozialen Medien, bedient.

Der komplette Artikel steht auf Qantara.

Montag, 1. September 2014

Reflektionen über Bilder im Web 2.0


Die Erkenntnis, dass Bilder allgegenwärtig und ihre weltweite Verbreitung über das Internet ein Kinderspiel sind, dürfte an dieser Stelle wohl eher ein Allgemeinplatz sein. Angesichts der immer wiederkehrenden Debatten um die Macht der Bilder und deren mögliche Eindämmung, kann dies jedoch nicht oft genug ins Gedächtnis gerufen werden. Was jedoch zu Wünschen übrig lässt, ist eine Ausdifferenzierung der Debatte um Bilder im Internet hinsichtlich ihrer Gebrauchsformen sowie der Akteure, welche sie verbreiten. Dies gilt vor allem dann, wenn Bildern eine herausragende Bedeutung zukommt, wie z.B. bei gewalthaltigen Konflikten und kriegerischen Auseinandersetzungen. Zuletzt war dies wieder einmal am Gaza-Krieg zu beobachten.

Bilder sind wie oben angedeutet, mannigfaltig. Sie sind in journalistischen Medien, in Magazinen und Blogs  zur Illustration, als politisches Statement und Beweise bei NGO’s, als Mobilisierungstool in Facebook und auf anderen Plattformen sowie zum rein privaten Nutzen in sozialen Netzwerken zu finden. Wichtig ist bei der Betrachtung und der Diskussion von Bildern, diese klar nach der Form ihrer Herstellung, ihrer Funktion sowie dem Kontext der Veröffentlichung zu unterscheiden. So ist eine Einteilung in verschiedene Kategorien wie privat, journalistisch, werblich und künstlerisch sicherlich hilfreich. Dabei ist zu beobachten, dass diese Grenzen natürlich immer wieder verschwinden. Die Frage nach der Funktion von Bildern und ihrer Herkunft ist vor allem dann hilfreich, wenn es um öffentlich brisante und vor allem konfliktträchtige Themen geht. So ist es bei der Beurteilung von Bildern von zentraler Bedeutung, ob es um Information und Dokumentation, um PR-Zwecke oder rein Privates geht.

Gefährlich ist es vor allem dann, wenn Bilder die in den Medien verwendet werden, nicht aus journalistischen Quellen, sondern aus sozialen Netzwerken im Web 2.0. stammen. Hier lässt sich in der Regel nicht überprüfen wer die Quelle eines Bildes ist. Durch wenige Klicks und Likes lassen sich Bilder im Web 2.0 massenhaft verbreiten und die Hemmschwelle Bilder einzustellen ist extrem niedrig. Dies kann natürlich auch mit gefälschten Bildern passieren. Insofern ist es wichtig, eine Unterscheidung zwischen diesen Bildern und jenen aus der fotojournalistischen Berichterstattung zu treffen. Dies gilt insbesondere dann, wenn es um die Darstellung von Kriegen und Konflikten geht.

So ist zum Beispiel die Motivation, die hinter dem Posten der Bilder bei Einzelpersonen steht meist nicht bekannt, es sein denn dass sie sich aus dem Kontext des Posts erschließt. Es ist jedoch davon auszugehen, dass es in der Regel eine völlig andere ist als diejenige professioneller, journalistischer Akteure. Bei privaten Posts kann die Motivation von reinem Interesse, dem Zeigen von Empörung bis hin zum bewussten Aufwiegeln und zur Stimmungsmache reichen. Vor allem letztere stellen dabei die Problembereiche dar. Denn dies sind Zwecke der Bildverbreitung, denen sich der Journalismus sogar entgegen stellen sollte.

Meiner Ansicht nach sind es nicht erst Fälle wie die Ausschreitungen um die Veröffentlichung der Mohammed-Karrikaturen oder den Anti-Muslim Film von Bacile die aufhorchen lassen. In diesen Fällen ist davon auszugehen, dass wir es wohl mit klar orchestrierten Ereignissen zu tun haben. Oft aber sind im Web 2.0 Prozesse zu beobachten, die aus Unbedachtheit entstehen und die sich dann verselbstständigen. Hier stellt sich die Frage nach der Funktion von Bildern in sozialen Netzwerken. Es kann argumentiert werden, dass das Hochladen von Inhalten, von denen auszugehen ist, dass sie von anderen genauso gelesen werden, die Identität einer bestimmten Nutzergruppe in den sozialen Netzwerken stärkt. So bestätigen sich die Nutzer gegenseitig in ihren politischen Meinungen und spielen sich die Bälle zu.

Dies ist dann keine Form des Citizen Journalism sondern das private Nutzen von Kommunikationsmöglichkeiten die durch das Medium gleichzeitig öffentlich oder semi-öffenlicht werden. Soziale Netzwerke verleiten auch deswegen zu Fehlern, da für viele Nutzer nicht klar ist, wo die Grenzen des Privaten und Öffentlichen liegen. Twitter-Nachrichten die für den Austausch innerhalb der Community genutzt werden, werden durch das Retweeten möglicherweise öffentlich. Damit ist es oft unmöglich, die Folgen des eigenen Handelns abzuschätzen. Somit stellt sich die Frage, ob es mit einer reinen Netiquette getan ist oder die User generell nicht ein neues Bewusstsein über mögliche (nicht-intendierte) Konsequenzen des eigenen Handelns brauchen, somit größere Bild- und Medienkompetenz brauchen. Denn in der virtuellen Welt sind Fehler kaum wieder zu korrigieren. Dies würde jedoch bedeuten, Millionen von Nutzern in der konfliktsensitiven und achtsamen Nutzung sozialer Medien zu schulen. Dies ist sicherlich kein Prozess der von heute auf morgen geschehen kann. Er kann seinen Anfang jedoch in der intensiven Förderung von Medienkompetenz in Schule und Ausbildung nehmen.

Eine weitere und aus meiner Sicht tragfähigerer Ansatz für den Moment besteht darin, die klassischen journalistischen Medien als Korrektiv zu nutzen. Denn in der Regel ist in diesen journalistische Kompetenz gepaart mit gesellschaftlichem Verantwortungsbewusstsein vorhanden. Aber auch dort muss in vielen Bereichen eine neue Art des Umgangs mit Bildern und Nachrichten, die aus den sozialen Netzwerken stammen, erst entstehen. Denn die zentrale Fragestellung, wie im Fall des Anti-Muslim auf Youtube ist, ob sie durch die Berichterstattung über das Ereignis nicht neues Öl ins Feuer gießen und die Aufmerksamkeit erst darauf lenken.

Vieles spricht meiner Meinung nach dafür – auch wenn dies im Hype um Neue Medien vielleicht konservativ klingen mag – weiterhin journalistische Medien mit der Auswahl und der Verbreitung von Nachrichten zu betrauen. Journalistische Medien verfügen in der Regel nicht über das Interesse an kurzfristiger Skandalisierung, ausgenommen vielleicht die Yellow-Press. Immerhin sind sie an Codes und Standesrichtlinien gebunden und es gibt Institutionen, die dies überwachen. Der Blogger oder private Facebook-, Flickr und Youtube-Nutzer muss in der Regel keine Konsequenzen für sein Posting fürchten, sofern ihm nicht strafrechtlich relevante Handlungen wie Völkerverhetzung nachgewiesen werden können. Der stete Fluss an Bildern ins und aus dem Netz wird sich damit jedoch auch nicht kontrollieren lassen. Aber vielleicht lassen sich negative Aspekte minimieren und Konflikte, die aus dem unbedachten Nutzen entstehen verhindern oder bewusste Provokationen abmildern.

Donnerstag, 29. Mai 2014

Images as weapons of war

W. J. T. Mitchell is an American art historian at the University of Chicago and one of the most important scholars of visual culture and iconology. Among his most important books are "Cloning Terror: The War of Images, 9/11 to the Present" (2011) and "What do Pictures Want? The Lives and Loves of Images" (2005). For the online magazine Qantara I spoke to him about the relationship between images and war.

Felix Koltermann: I would like to start by looking at the concept of "image operations". Could you explain what this is?


W. J. T. Mitchell: "Image operations" mainly exist in the theatre of war and in medical imaging. Usually the purpose of medical imaging is to heal. The purpose of image operations in the theatre of war, on the other hand, is to inflict or cause damage and to use images as instruments of war and propaganda or to reveal crime. So what is at stake here in a general way is the instrumental use of images.


Read the whole interview online at Qantara


Samstag, 19. April 2014

Image Operations


Ende vergangener Woche fand in Berlin die internationale Tagung „Image Operations“ statt. Kuratiert wurde sie von Charlotte Klonk vom Berliner Exzellenzcluster der HU „Bild – Wissen – Gestaltung“ und Jens Eder von der Universität Mannheim und fand im privaten Berliner „Institute for Cultural Inquiry“ auf dem Pfefferberg statt. In einem spannenden Programm wurde eine Vielzahl von Themenbereichen des zeitgenössischen Bilddiskurses angesprochen. Nach zwei eher Theorie bezogenen Einleitungen der Bildwissenschaftler Tom Mitchell und Marie-José Mondzain standen die beiden ersten Tage vor allem im Kennzeichen einer stark empirisch gestützten Diskussion um das Verhältnis von Bildern und Krieg.

Der Stockholmer Medienwissenschaftler Christian Christensen machte das von Wikileaks veröffentliche Video der Ermordung eines Reuters-Fotografen im Irak durch Soldaten eines amerikanischen Kampfhubschraubers zum zentralen Punkt seines Vortrags. Das unter dem Namen „Collateral Murder“ bekannte Video machte exemplarisch deutlich, wie groß die Gefahr für Bildproduzenten in zeitgenössischen Kriegen ist. Für Christensen zeigt sich an diesem Video, wie wichtig das Material von Whistleblowern für Anti-Kriegs-Aktivisten sein kann. Mit der Offenlegung eines Mords übernahm das Video, eigentlich vom Militär zur Dokumentation angefertigt, eine Funktion die normalerweise dem Journalismus obliegt. Aber gerade im Irak-Krieg zeigte sich der us-amerikanische Journalismus zu weiten Teilen als Komplize us-amerikanischer Geopolitik.

Im Anschluss referierte der deutsche Medienwissenschaftler Tom Holert über die Bedeutung von Bildern im Drohnenkrieg. In einem hochinformativen Vortrag zeichnete er nach, wie die Bilder von Drohnen exemplarisch die asymmetrische Machtausübung im zeitgenössischen Krieg deutlich machen. Dabei ist der zunehmende Einsatz von Drohnen nicht nur ein Erfolg der „revolution in military affairs“ sondern auch Teil eines neoliberalen outsourcens und kostenreduzierens über das Einsparen von Personal. Bilder sind für Drohnen insofern von Bedeutung, als dass deren Steuerung nur mit Hilfe von Kameras möglich ist.

Den Abschluss des ersten Tages bildete eine aufschlussreiche Diskussion des amerikanischen Künstlers Trevor Paglen mit der Frankfurter Kunsthistorikerin Isabelle Graw. Paglen fungiert als Wissenschaftler mit umfangreichen Forschungs- und Recherchevorhaben der seine Ergebnisse entweder in Form von Texten oder künstlerischen Arbeiten präsentiert. Bekannt geworden ist er durch seine fotografische Dokumentation von Spuren des Nicht-Sichtbaren in der Politik. So fotografierte er geheime amerikanische Militärstützpunkte in der Wüste ebenso wie den Weg militärischer Satelliten am Himmel. Dabei greift er interessanterweise für viele seiner Projekte auf den Begriff der Landschaft zurück. Seine fotografische Umsetzung, meist in großformatigen Arbeiten, hat dabei tatsächlich Anleihen an klassische Landschaftsmalerei.

Am Freitagmorgen hielt die Berliner Kunsthistorikerin Verena Straub einen interessanten Vortrag über das Bild weiblicher Selbstmordattentäterinnen in Märtyrer Videos. Sie zeichnete die Geschichte des Selbstmordattentats als Mittel des politischen Kampfs mit Hilfe von Videostills seit den 80er Jahren nach. Dabei legte sie den Schwerpunkt auf die visuelle Darstellung weiblicher Selbstmordattentäterinnen in der 2. Intifada. Sie wies nach, wie in den Videos auch eine Kritik an dominanten Geschlechterrollen zu finden ist.

Unglaublich reichhaltig war auch die Präsentation der amerikanischen Anthropologin Zeynep Gürsel. Sie hat in den letzten Jahren die Nachrichtenfotografie ausgehend von zentralen Institutionen wie der Nachrichtenagentur AFP, dem World Press Photo Award oder dem Festival Visa Pour L’Image untersucht. Als teilnehmende Beobachterin nahm sie an unzähligen Auswahlprozessen und Workshops teil. Dabei konnte sie aufzeigen, wie sehr der Fotojournalismus auf binäre Kodierungen angewiesen ist um seine Botschaften rüberzubringen und als ein politisches Projekt gelesen werden muss. Ihre Beobachtungen eines Workshops mit jungen türkischen Fotografen mit ihren amerikanischen Mentoren machten deutlich, wie sehr die Suche nach Themen und Bildern von westlichen Stereotypen und Exotismus geprägt sind.

Aufschlussreich war, wie sehr die Vorträge von einer unkritischen Übernahme der Bilderkriegthese geprägt waren. Mehrere Vortragende rekurierten darauf in ihren Einleitungen als so etwas wie das Bonmot. Dass ist schade, bringt der Begriff doch eine ganze Reihe von problematischen Entwicklungen mit sich. Diese zu aufzuschlüsseln und zu diskutieren wäre das Thema einer eigenen Tagung.


Interessante Links:

Montag, 17. März 2014

Über das fotografische Erzählen vom Krieg


Vom 20.-22. Februar fanden im Berliner Haus der Kulturen der Welt die Thementage „Krieg erzählen“ statt. Im Vordergrund stand die Auseinandersetzung mit dem Paradox über ein soziales Phänomen wie den Krieg zu erzählen, das als „unbeschreiblich“ gilt und menschliches Fassungsvermögen übersteigt. Eingeladen waren Kriegsberichterstatter, Fotografen, Wissenschaftler und Menschenrechtler. Eines der Querschnittsthemen, das sich durch die Tagung zog, war die Frage nach den Möglichkeiten Krieg mit Hilfe der Fotografie in Bildern zu erzählen. So gab es am Freitagnachmittag und am Samstagmorgen mehrere Diskussionen in denen Wissenschaftler und Fotografen dem Thema in Dialogen auf den Grund gingen.

Die Lüche zwischen den Bildern

Den Anfang machten am Freitagnachmittag der Berliner Fotojournalist Sebastian Bolesch und der Kieler Kunsthistoriker Gerhard Paul zum Thema „Die Lücke zwischen den Bildern“. Sie versuchten der Frage auf den Grund zu gehen, wie der moderne Krieg in (fotografischen) Bildern umgesetzt werden kann. Kündigten Bolesch und Paul zu Beginn noch an, gleichberechtigt in einen Dialog zu treten, so übernahm Paul mit der Zeit das Zepter und forderte Bolesch mit seinen Thesen zu den Bilderkriegen heraus. Paul, der nach eigener Aussage noch nie in einem Kriegsgebiet gewesen ist, stellte grundsätzlich in Frage ob es möglich ist, Krieg bildnerisch darzustellen. In den von ihm präsentierten Bildbeispielen wies er immer wieder auf Manipulationen durch Medien und Fotografen hin. Er sprach davon, dass der Medienkonsument als Betrachter vorgeführt und betrogen werde und illustrierte dies zum Beispiel an der wohl bekanntesten Fotografie des Vietnamkriegs von Nick Ut eines nackten Mädchens. Bolesch oblag es, diesem sehr schwarz gezeichneten Verständnis visueller Kommunikation, seine Erfahrungen aus der Praxis entgegenzusetzen. Bolesch wies darauf hin, dass Bilder aus Kriegsregionen immerhin kleine Fenster in die Wirklichkeit seien, durch deren Masse sich ein nachvollziehbares Bild ergeben könne. Paul argumentierte, dass Fotografien für ihn keine Abbilder von Wirklichkeit sondern Waren auf dem Markt seien, worauf Bolesch konterte, dass dies im Kapitalismus für so gut wie jedes Produkt gelte, die Fotografie ebenso wie die wissenschaftliche Arbeit. Unklar blieb bis zum Schluss, was die Zielrichtung von Pauls Medienkritik ist, wenn er die Qualität der Kriegsfotografie an dem Anspruch misst, Krieg in seiner Komplexität nachvollziehbar machen zu können. Es gibt wohl kaum eine Repräsentationsform die diesem gerecht wird.

Was kostet erzählen?

Das Panel „Was kostet erzählen?“ am Samstagmittag widmete sich der Frage nach den Kosten fotojournalistischer Berichterstattung sowie dem Verhältnis von NGO`s und Fotografen im Feld. Moderiert vom Historiker Valentin Groebner diskutierten die Fotojournalisten Michael Kamber und Marcel Mettelsiefen sowie Kattrin Lempp, die bei Ärzte Ohne Grenzen e.V. die Öffentlichkeitsarbeit leitet. Es wurde schnell deutlich, dass es verschiedene Dimensionen der Kostenfrage für Einsätze in Krisenregionen gibt. So geht es einmal um die Sicherheitsausrüstung. Dazu kommen Ausgaben für Unterkunft, für Fahrer und Dolmetscher. Diese Kosten variieren, je nach Region und je nach Eskalationsstufe des Konflikts. Marcel Mettelsiefen erzählte, dass entsandte Fotojournalisten in der Regel nicht selbst über die Ausrüstung wie kugelsichere Westen etc. verfügten, da diese meist vom Auftraggeber gestellt wird. Deutlich wurde die Asymmetrie  zwischen Fotografen mit Redaktionsauftrag und Freelancern, die alle Kosten selbst tragen und in eine finanzielle Vorlage treten müssen. Vor allem Michael Kamber machte die moralische Verantwortung der Medien gegenüber den Freelancern deutlich. Marcel Mettelsiefen wies darauf hin dass sich die Kosten schnell auf 1.000 Dollar pro Tag summieren können wenn ein Auto, Fahrer und Dolmetscher nötig sind. Deutlich wurde dass seit der Medienkrise immer mehr dieser Kosten auf den Fotografen als Produzenten abgewälzt werden. Auf eine weitere Veränderung wies Michael Kamber hin: Er kritisierte, dass immer mehr junge, unerfahrene Fotoreporter als Freelancer ins Feld ziehen und deren Bilder zum Dumpingpreis von den Redaktionen aufgekauft würden. Dies sei vor allem in Lybien und in Syrien zu beobachten gewesen und habe unter anderem mit der guten Erreichbarkeit zu geringen Kosten von Europa aus zu tun.

Vor allem ausgehend von den Beiträgen Lempps wurden die verschiedenen Konzeptionen von Sicherheit deutlich. So wies sie darauf hin, dass für Ärzte ohne Grenzen als Organisation der humanitären Hilfe Akzeptanz der wichtigste Faktor für die Sicherheit des eigenen Personals sei und sie in der Regel nicht auf kugelsichere Westen und Sicherheitspersonal zurückgreifen würden. Auch wenn Marcel Mettelsiefen sich bemüßigt fühlte zu ergänzen, dass auch für Journalisten gute Netzwerke und die Akzeptanz in der lokalen Bevölkerung die beste Sicherheit seien, so wurde doch deutlich dass Fotografen heute in vielen Kriegsregionen im Einsatz sind, in denen der Einsatz von physischen Schutzmitteln zwingend notwendig ist. Vor allem die von den USA geführten Kriege im Irak und in Afghanistan sind hier Paradebeispiele, insbesondere aufgrund der hohen Anzahl von Journalisten die „embedded“ gearbeitet haben. Deutlich wurde des Weiteren, wie wichtig die Kooperation von NGO’s und Fotografen im Feld heute ist. Schon in der Veranstaltung zum Thema „Wer entscheidet?“ hatte die Vize-Direktorin von Human Rights Watch Carroll Bogert darauf hingewiesen, dass die Produktion von Bildmaterial für ihre Organisation sehr wichtig sei und dass dazu zum Teil immense Ressourcen aufgewendet werden müssen. Dabei hat dieses Verhältnis viele Facetten wie Lempp und Mettelsiefen ausführten. So sind die NGO’s ein wichtiger Ansprechpartner für Journalisten da diese über eine gute Infrastruktur verfügen und Zugänge ins Feld ermöglichen. Darüber hinaus verfügen internationale NGO’s heute über eigene Budgets für multimediale Produktionen und werden zunehmend als Auftraggeber für Journalisten und Fotografen interessant. Kattrin Lempp wies darauf hin, dass die Bedeutung der NGO’s als Informationsquelle aus Krisenregionen auch durch den Wegfall fester Korrespondentenstellen gestiegen sei. Das Problem daran sei jedoch, dass vor allem humanitäre Organisationen aufgrund ihrer Verpflichtung zur Neutralität keine politischen Kommentare abgeben dürften und somit nicht die journalistische Arbeit ersetzen könnten.

Von Bildern und Gegenbildern

In ein sehr intensives Zweiergespräch über „Bilder und Gegenbilder“ tauchten der Kunsthistoriker Peter Geimer und der Fotograf Marcel Mettelsiefen am frühen Samstagnachmittag ein. Erstaunlich war dabei das „Bild“ welches Peter Geimer von der zeitgenössischen Kriegsfotografie zeichnete und mit Beispielen aus der Pressefotografie und dem World Press Photo Award untermalte und den „Gegenbildern“ die Marcel Mettelsiefen entwickelte. Während Geimer das Bild des heroischen Kriegsfotografen und Abenteurers à la Robert Capa nachzeichnete, lehnte Mettelsiefen den Begriff Kriegsfotograf an sich für seine Arbeit ab, um sich stattdessen als Fotojournalist zu verorten, der immer wieder auch aus Kriegs- und Krisenregionen berichtet. Auch in vielen anderen Panels war deutlich geworden dass die als „Kriegsreporter“ eingeladenen Journalisten dieses Label in der Regel ablehnen. Mettelsiefen wies darüber hinaus auf die Unterscheidung in unterschiedlichen Formate wie Nachrichtenfotografie und Dokumentarfotografie hin, die jeweils anderen Gesetzmäßigkeiten folgen und andere Ergebnisse produzieren. Schon am Vortag war beim Gespräch zwischen Gerhard Paul und Sebastian Bolesch deutlich geworden, wie sehr Kriegsfotografie in seiner analytischen Betrachtung auf Einzelbilder aus der Nachrichtenfotografie reduziert wird und davon ausgehend Schlüsse auf das ganze Gewerbe gezogen werden. Geimer vernetzte Bildbeispiele mit Artikelzitaten und Ausschnitten aus einem Interview mit dem Fotografen Luc Delahaye zu einem kritischen Bilddiskurs. So sprach er in Bezug auf das bekannte Gewinnerbild des World Press Photo 2012 von Samuel Aranda, das eine tief verschleierten jemenitischen Frau zeigt die den halbnackten Körper ihres Sohnes in den Armen hält, den Whitening-Vorwurf an: Der hohe Kontrast in Bildern haben zur Folge, dass die Hautfarbe der Menschen oft hell erscheine, obwohl dies in der Realität nicht der Fall sei und damit westliche Sehgewohnheiten bedient würden. Anhand seines Kunduz Projektes schilderte Marcel Mettelsiefen, wie inszenierte Porträts eine Alternative Erzählform sein können und wie das Zeigen seines Projektes im Kunstkontext andere Formen des Auseinandersetzung außerhalb des journalistischen Rahmens erlaubt hätte. Er zeigte Verständnis dafür, wenn Fotografen versucht sind, den journalistischen Kontext zu verlassen und sich der Kunst zuzuwenden.
 
Schieflagen des Bilddiskurses

Eines der Ziele der Diskussionen zum Thema Fotografie und Krieg war laut der Kuratorin der Thementage Carolin Emcke, verschiedene Disziplinen miteinander in Dialog zu bringen: in diesem Fall namentlich die Fotografen aus der Praxis und ihre Arbeit analysierende (Kunst-) Wissenschaftler. An vielen Stellen hatte man den Eindruck, als müssten vor allem die Praktiker den Wissenschaftlern erst einmal erklären, was sie denn bei der Arbeit im Feld überhaupt machen. Deutlich wurde dabei, dass Wissenschaftler wie Gerhard Paul oder Peter Geimer die veröffentlichten Bilder als Produkte analysieren und nur über wenig Kenntnis des Produktionskontextes und –alltages sowie der Distribution verfügen. Genau dies führte eine (kunsthistorische) Analyse von Bildern an vielen Stellen ad absurdum. Denn die Fragen, welche die kunsthistorische Forschung interessieren, haben für die Praxis nur wenig Bedeutung und die Fragen die den Fotografen auf den Nägeln brennen, sind für die Wissenschaft oft banal. Darüber hinaus sind Fotografen oft mit dem Totschlagargumente des Manipulationsvorwurfs an ihr Gewerbe konfrontiert. Dies ist schade und deutet auf das allzu oft elitäre und abgehobene Gebaren wissenschaftlicher Bildanalyse hin. Denn wozu dient diese wenn sie nicht in der Lage ist, mit der Praxis in Dialog zu treten: nichts anderem als einem selbst referentiellen Wissenschaftsdiskurs. In seiner Eröffnungsrede zu den Thementagen sprach der Kurator des Haus der Kulturen der Welt Bernd M. Scherer von der Notwendigkeit, eine neue „Grammatik des Sehens“ zu entwickeln. Wie schwierig dies ist und welche Gräben dafür zwischen Produzenten, Konsumenten und Wissenschaftlern zu überwinden sind, dies wurde auf der Konferenz mehr als deutlich. Vor allem bezogen auf die Fotografie ist dabei die Frage nach der „agency“ zentral: Wer hat das Mandat über Fotografie zu sprechen und die Grundzüge einer Grammatik des Sehens zu schreiben: Die Fotografierten, die Fotografen, die Konsumenten oder die Bildwissenschaftler? Dass es nicht ausreicht Fotografen und Wissenschaftler an einen Tisch zu setzen ist bei den Thementagen deutlich geworden. Trotz allem gab es viele erkenntnisreiche Momente und es bleibt eine wichtige Aufgabe, weiter nach Formen und Formaten zu suchen, wie die verschiedenen Milieus miteinander ins Gespräch kommen können.


Dienstag, 25. Februar 2014

Berlin im Zeichen des Bilddiskurses II


Nachdem am vergangenen Samstag im Berliner Haus der Kulturen der Welt die Thementage „Krieg erzählen“ zu Ende gingen, wo es mehrere Veranstaltungen zum Thema Fotografie gab, kündigen sich schon die nächsten Veranstaltungen an, die den Bilddiskurs in der Hauptstadt fortführen.

Am Donnerstag den 27. Februar wird es um 19 Uhr in der IFA-Galerie ein Gespräch über die aktuelle Ausstellung „Blickverhältnisse“ geben. Die Ausstellung fragt nach der Rolle der Fotografie in der kolonialen Vergangenheit Brasiliens und stellt historische Aufnahmen aus dem 19. Jahrhundert des aus Berlin emigrierten Fotografen Alberto Hentschel den Arbeiten der zeitgenössischer Fotografen Eustáquio Neves und Luciana Gama gegenüber.

„Das Ausstellungsgespräch lädt ein, gemeinsam die Blickverhältnisse im Spannungsfeld fotografischer Bildproduktion und Repräsentation zu untersuchen: Wer zeigt auf wen, mit welcher Absicht und zu wessen Vorteil? Was wird in den Aufnahmen sichtbar und was bleibt außerhalb des Blickfelds? Im Spiegel der Bildwelten Alberto Henschels werden Strategien des (Un-)Sichtbarmachens, des Sich-Entziehens und -Aneignens als Möglichkeiten einer widerständigen Bildpraxis diskutiert“. (Anküdnigungstext)

Etwa zwei Wochen später wird am 12. März es in der Akademie der Künste eine Podiumsdiskussion zum Thema „Indexschwindel – Was von Bildern bleibt. Foto, Film, Game.“ stattfinden. Eingeladen sind die Medienwissenschaftler Jan Distelmeyer, Winfried Gerling, Britta Neitzel sowie der Filmemacher Romuald Karmakar. Im Vordergrund der Veranstaltung wird die Frage nach den Bild-Politiken der unterschiedlichen Medien stehen und es wird nach dem Status des Bildes unter digitalen Bedingungen gefragt werden.

„Ein Versprechen der Fotografie und auch des Films ist lange an ihre Indexikalität gebunden worden, ­ an ihre Fähigkeit, Realität aufzunehmen und auf ihre Weise wiederzugeben. Auch wenn diese Spur in die Wirklichkeit immer eine gestaltete gewesen ist, blieb das Spurhafte dieser Bildtypen Teil ihres gesellschaftlichen Stellenwerts. Dies scheint sich mit digitaler Technik radikal geändert zu haben“. (Veranstaltungsankündigung)

Der Abend verspricht spannende Schnittstellen zwischen Fotografie, Film und Videospiel aufzudecken. Die Diskussion ist Teil der Reihe „Schwindel der Wirklichkeit“ die seit November 2013 in der Akademie der Künste stattfindet.


Donnerstag, 20. Februar 2014

Berlin im Zeichen des Bilddiskurses


In den kommenden zwei Wochen finden in Berlin gleich zwei hochkarätig besetzte Konferenzen statt, die sich der Fotografie und dem Bilddiskurs widmen. Vom 20.-22. Februar finden im Haus der Kulturen der Welt (HKW) am Spreeufer die Thementage „Krieg erzählen“ statt. Vom 6.-8. März veranstaltet die Deutsche Photographische Gesellschaft (DGPh) das internationale Symposium „Missing Links & Forschungslücken“.

„Wie lässt sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts vom Krieg erzählen? (...) Wie können Texte, Bilder und Filme extreme Erfahrungen im Krieg vermitteln? Zu welchem Preis? Warum misslingen objektivierende Berichte so oft, und warum wählen so viele Berichterstatter subjektive Perspektiven?“ (Aus dem Programmflyer des HKW)

Die Frage nach der Darstellbarkeit von Krieg ist eines der zentralen Themen der von Carolin Emcke und Valentin Groebner kuratierten Konferenz „Krieg erzählen“. Auch wenn es dort nicht Schwerpunktmäßig um die Fotografie geht, so spielt diese doch eine zentrale Rolle auf den verschiedenen Panels. Den Anfang macht am Donnerstag den 20. Januar das Screening des Dokumentarfilms „Restrepo“ des Fotojournalisten Tim Hetherington. Tim Hetherington hat traurige Berühmtheit erlangt weil er 2011 in Lybien bei der Arbeit ums Leben kam. Am Freitag den 21. Februar gibt es zwei thematische Schwerpunkte zum Thema „Wie erzählen“. Der Fotograf Sebastian Bolesch und der Historiker Gerhard Paul beschäftigen sich mit der Lücke zwischen den Bildern, der Kunsthistoriker Peter Geimer und der Fotograf Marcel Mettelsiefen erörtern die Frage von Bild und Gegen-Bild. Weitere Themen die auf der Konferenz erörtert werden sind die Grenzen des Erzählens, Fragen von Scham und Schuld, die Sicherheit von Kriegsberichterstattern und die Perspektive von Zeugen.

„Wo liegen die weißen Flecken auf der Landkarte der Photographiegeschichte? Welches sind die einerseits heute dringend erscheinenden Desiderate und andererseits geeignete neue Ansätze, um der Photographieforschung neue Richtungen zu eröffnen? Welche Wendepunkte gab es in der 175-jährigen Geschichte der Photographie wirklich? Und wie ist der als so tiefgreifend empfundene Wandel des Mediums seit der Digitalisierung aus historischer Perspektive einzuordnen und zu bewerten? Wo gab und gibt es in der Geschichte des Mediums Photographie „Missing Links“, die Neuorientierungen, aber auch Sackgassen und „Fehlentwicklungen“ aufzeigen und erklären können?“ (Aus der Ankündigung der DGPh)

Das Symposium „Missing Links & Forschungslücken“ der DGPh steht ganz im Zeichen des historischen und akademischen Diskurses über das Medium Fotografie. So steht in der Keynote von Wolfgang Kemp unter dem Titel „Kontingenz und Koinzidenz: Photographen lieben Lücken“ am Donnerstag den 6. März der Bilddiskurs aus übergeordneter Perspektive im Fokus. Der Freitagmorgen steht im Zeichen der Fotografiegeschichte. Am Freitagnachmittag lenkt Michael Biedowicz von der ZEIT den Blick auf „Die Wa(h)re Photographie - über die Arbeit mit Bildern im Journalismus“. Seinen Abschluss findet der Freitag mit einer interessant besetzten Podiumsdiskussion zum Thema „ Photographie als Handels- und Sammelgut“. Das Symposium endet am Samstag den 8. März mit einem Potpourri aus Themen die von der Medizinphotographie über das Ende der analogen Fotografie bis zum Sofortbild reichen.

Somit verspricht Berlin in den nächsten Wochen ein spannendes Feld für die praktische wie wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Fotografie zu werden. Einmal mehr zeigt sich damit die Bedeutung des Mediums als Kulturgut sowie als Standortfaktor in der Hauptstadt und Kulturmetropole.