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Mittwoch, 11. März 2015

„Keiner unterschätzt das Risiko“


Der Konflikt in der Ukraine ist ein zentrales Thema deutscher Medienberichterstattung. Weniger Aufmerksamkeit liegt auf den Arbeitsbedingungen von Journalisten und Fotografen in der Region. Das folgende Interview mit dem n-ost-Fotografen Florian Bachmeier ist ein Gastbeitrag des Magazins Ostpol.

Am 28. Februar 2015 ist nahe Donezk der Fotograf Sergej Nikolaev bei Gefechten ums Leben gekommen. n-ost-Fotograf Florian Bachmeier, selbst oft dort, spricht im Interview mit Stefan Günter und Johannes Sporrer über die Gefahren im Konfliktgebiet. 

Florian Bachmeier in der Nähe von Debaltsewo im Februar / Foto: privat

Du bist als Fotograf häufig im Osten der Ukraine. Zuletzt hast Du kurz nach dem Minsker Abkommen im Februar in den Kriegsgebieten fotografiert, auch für das Netzwerk n-ost. Wie schätzt Du das Risiko für Dich ein?

Florian Bachmeier: Mir ist das Risiko bewusst, aber es gibt gewisse Maßnahmen, es zu minimieren. Auf der Verbindungsstraße nach Debaltsewo war es zum Beispiel wichtig, ständig in Bewegung zu bleiben. Risiko und Gefahr gibt es immer, Krieg ist Krieg, 24 Stunden lang. Oft ist die Lage unübersichtlich und kann sich sehr schnell ändern. Es ist schwierig, den Krieg in der Ostukraine zu dokumentieren.

Welche Schutzmaßnahmen hast Du getroffen?

Bachmeier: Ich hatte das Glück, noch eine schusssichere Weste zu bekommen, die das Ukraine Crisis Media Center an Journalisten verleiht. Leider war es ein sehr schweres, älteres Modell und erleichterte die Arbeit nicht gerade. Es war allerdings nicht wirklich beruhigender, mit Weste und Helm unterwegs zu sein, obwohl sie bei einem Einschlag in der Nähe natürlich lebensrettend sein können, da Brust- und Bauchraum sowie der Kopf vor Schrapnell- oder Granatsplittern einigermaßen geschützt sind.

Gibt es spezielle Versicherungen für die Arbeit in Konfliktgebieten?

Bachmeier: Ich habe eine Versicherung für meine Kameras, aber ich weiß nicht, ob Schäden in einer Konflikt- oder Kriegsregion in der Police aufgeführt sind. Ich habe nach schlechten Erfahrungen mit Versicherungen viel mehr mit dem Gedanken gespielt, alles zu kündigen. Ansonsten habe ich eine normale Lebensversicherung.

Arbeitest du häufiger in Konfliktgebieten?

Bachmeier: Ich habe einige Erfahrung im Umgang mit Bewaffneten, war oft auf dem Maidan in Kiew und zu Beginn des Konflikts für kurze Zeit in Donezk. Mit Kampfhandlungen im eigentlichen Sinn hatte kam ich vorher weniger in Berührung. Ich sehe mich auch nicht als Kriegsfotograf, mir ist vielmehr wichtig, das Leben der Menschen in Kriegsgebieten zu dokumentieren. Ihr Leben in ständiger Angst, wenn rohe Gewalt, Willkür und Ausgeliefertsein zum Normalzustand werden.

Du fotografierst für n-ost sowie für andere Magazine und Zeitungen. Hast Du das Gefühl, dass Deine Arbeit entsprechend honoriert wird?

Bachmeier: Fotografieren ist meine Leidenschaft. Solange ich davon leben kann, werde ich weitermachen. Manchmal, nach längerer Abwesenheit von Zuhause, schaue ich allerdings schon mit Sorge auf den Kontostand. Auch wenn man mitten im Brennpunkt ist und gute Bilder hat, ist man ohnmächtig gegen die Automatismen der Redaktionen der Tagespresse. Manchmal hört man, man wäre zu langsam, zu anders, zu schlecht. Da zweifelt man zwangsläufig an der eigenen Arbeit, umso mehr, wenn bereits gemachte Zusagen nicht eingehalten werden oder einfach aus Bequemlichkeit ein Agenturbild verwendet wird, das mit der tatsächlichen Situation vor Ort gar nichts zu tun hat.

Was motiviert Dich, trotz all der Risiken, in Gebieten wie der Ostukraine zu fotografieren?

Bachmeier: Ich habe festgestellt, dass mein persönliches Bedürfnis nach Information nicht von den Medien gestillt werden kann. Ich habe die Ukraine schon oft bereist und konnte vieles einfach nicht glauben. Seit Beginn des Maidan war ich schon mindestens zehn Mal in der Ukraine. Das Land und die Menschen dort bedeuten mir inzwischen sehr viel. Mir ist es wichtig, das Leid der Menschen in den Kriegsgebieten zu zeigen und so vielleicht auch dazu beitragen, dass mit dem Töten aufgehört wird.

Wie gingen Deine Kollegen in der Nähe des umkämpften Debaltsewo mit den Risiken um?

Bachmeier: Wir waren oft in einer Gruppe von Journalisten unterwegs, in der ich der einzige Fotograf war. Somit hatte ich nicht viel direkten Kontakt zu anderen Fotografen. Von denen, die ich gesehen habe, waren aber viele mit unglaublich gutem Material ausgestattet: leichte, schusssichere Westen, leichte Helme, oft auch Bein- und Armschoner. Zum Teil waren sie viel besser geschützt als die meisten Soldaten. Ich glaube, keiner unterschätzt das Risiko.

Wie gehst Du mit den Eindrücken, Geräuschen und Bildern um, die Dir in solchen Konfliktgebieten täglich begegnen?

Bachmeier: Beschuss war Tag und Nacht zu hören, an der Front wie in den Städten. Nach ein paar Stunden kann man ziemlich genau zuordnen, von wo der Beschuss kommt und um welche Waffengattung es sich handelt. Wir haben Verletztentransporte gesehen, wir haben die Leiche eines jungen Mannes gesehen, der bei einem Raketeneinschlag umkam, wir waren in Bombenkellern, in denen mehrere Familien unter schrecklichen Bedingungen leben müssen. Ich habe Bilder eines anderen Fotografen gesehen, der die Folgen eines Artillerievolltreffers auf ein ukrainisches Armeefahrzeug fotografiert hat: abgetrennte Körperteile, unkenntlich verbrannte Leichen, leuchtend rote Gehirnmasse auf der Ladefläche des zerstörten Lastwagens – unbeschreiblich. Diese Bilder bleiben im Kopf.

Wie war der Kontakt zu den Kämpfern?

Bachmeier: Der Kontakt zu den ukrainischen Soldaten war teilweise sehr gut, besonders zu denen, die an der Front Schanzarbeiten erledigten oder an den Checkpoints Wache hielten. Wir kamen ins Gespräch, und ich wurde herumgeführt. Zu Beginn der vereinbarten Waffenruhe war die Lage allerdings sehr angespannt.

Inwiefern?

Bachmeier: Als wir versuchten, das letzte Wegstück nach Debaltsewo zurückzulegen, wurden wir an der Weiterfahrt gehindert. Trotz der offiziellen Genehmigung des Verteidigungsministeriums blieb uns der Zutritt zu strategisch wichtigen Orten versagt, so dass wir alternative Routen und Wege in und aus den Dörfern vor Debaltsewo suchen mussten.

Wirst Du wieder fahren?

Bachmeier: Im Moment ist noch nichts geplant. Ich will den weiteren Verlauf des Konflikts aber auf jeden Fall weiter dokumentieren.

Die Organisation Reporter ohne Grenzen bietet Informationen zur Sicherheit von Journalisten in Konfliktgebieten sowie eine Versicherung für die Arbeit in Krisengebieten.

Bachmeiers Bildstrecke über Menschen in der Ostukraine und Ihre Lebensbedingungen "Hört uns zu!" auf ostpol.de

"Gesichter des Protests" Strecke über die eskalierenden Proteste in Kiew auf ostpol.de
 

Montag, 15. Oktober 2012

Fotojournalismus – Alles eine Frage der Haltung?


Was unterscheidet den professionellen Fotojournalisten in Zeiten der Allgegenwart von Smart-Phones und Digitalkameras eigentlich vom gewöhnlichen Amateur-Fotografen oder Bildproduzenten? Wenn eines der zentralen Kriterien der Nachrichtenwelt heute die Schnelligkeit ist, die wie auch immer fotografierte Dokumentation eines Ereignisses, wofür braucht es dann noch professionelle Fotojournalisten?

Um es gleich vorwegzusagen: es soll hier nicht um eine Bashing der Fotojournalisten gehen, um einen Abgesang auf ihre Profession. Ich möchte hingegen ein paar Gedanken zu diesem Berufsstand formulieren, die mir wichtig erscheinen um diesen weiterzuentwickeln und als relevantes Berufsfeld zu erhalten. Der Hintergrund dieser Überlegungen liegt in vielen Gesprächen, die ich im vergangenen Jahr im Rahmen der Recherchen für meine Promotion mit Fotojournalisten geführt habe.

Dabei ist es mir wichtig, zuerst den Rahmen meiner Überlegungen zu skizzieren. Vor allem drei Phänomene sind es, die meiner Ansicht nach große Auswirkungen auf den zeitgenössischen Fotojournalismus haben. Zum einen der Siegeszug der Digitalkameras. Digitalkameras haben die Schwelle zum Einstieg in die (semi-)professionelle Fotografie erheblich gesenkt. Anhand der Kameras ist heute oft nicht mehr unterscheidbar, ob wir es mit einem Amateur oder einem Profi zu tun haben. Dazu kommen die Smartphones. Es ist davon auszugehen, dass heute in so gut wie jeder sozialen Situation mindestens eine Person anwesend ist, die ein Handy mit Kamera besitzt. Damit ist es auch möglich, von fast allen sozialen Situationen an Bilder zu kommen. Wenn kein Fotojournalist verfügbar war greifen die Medien auch heute schon auf Bilder von Smartphone-Benutzern zurück, sofern es sich um ein relevantes Ereignis und eine als wichtig empfundene (Bild-)Nachricht handelt. Ein dritter Aspekt ist die Allgegenwart von Bildern. Ob im öffentlichen Raum, in den U-Bahnen oder dem eigenen PC, ob auf dem eigenen Facebook-Profil oder den Flickr-Accounts von Freunden. Bilder sind überall und diese Verfügbarkeit lässt die Wertigkeit von Bildern und das Verständnis für die Notwendigkeit und die Berechtigung, professionell journalistische Bilder zu produzieren sinken.

Die Frage ist, wie das fotojournalistische Gewerbe sich demgegenüber positionieren kann. Denn dass eine Positionierung erfolgen muss, ist sicherlich allen klar, denn nicht umsonst ist das Gerede von der Krise des Marktes in den letzten Jahren nicht gerade weniger geworden. Natürlich ist es dabei wichtig, auf die Qualität einzugehen, auf den Unterschied in der Bildgestaltung und der fotografischen Arbeit von Amateuren und Profis. Denn hier sind unstreitbar Unterschiede zu finden. Und wenn es über das reine dokumentieren von Ereignissen hinaus um Features und Dokumentarfotoprojekte geht, haben natürlich nur noch Profis das Können und das Wissen um diese produzieren zu können. Aber leider ist dies nur ein kleiner Teil des Marktes, und ein Großteil der Bilderflut besteht heute aus tatsächlichen oder vermeintlichen Bildnachrichten, die eben theoretisch auch von Nicht-Profis produziert werden könnten.

Der zentrale Unterschied zwischen Amateuren und Profis muss meiner Ansicht nach an der Frage der Haltung festgemacht werden. Oder der Einstellung, wem dieser Begriff besser passt. Einige mögen hier sofort aufschreien, und einen Versuch vermuten, durch die Hintertür die Ideologisierung des Fotojournalismus einzufordern um journalistische Standards aus dem Fenster zu schmeißen. Weit gefehlt. Es geht mir darum zu erörtern, mich welchem Wissen, welcher Reflektion der eigenen Arbeit und gesellschaftlicher Prozesse Fotojournalisten ans Werk gehen sollten. Für den Smart-Phone Besitzer ist es einfach: Sieht er etwas was er interessant findet, drückt er auf den Auslöser. Bildethische Fragen, Einschätzungen zu seiner Rolle etc. müssen ihn nicht tangieren. Er ist Beobachter einer sozialen Situation, die er zufällig dokumentiert. Anders hingegen verhält es sich meiner Ansicht nach mit dem Fotojournalisten. Seine gesellschaftliche Aufgabe, aus welchem Grund auch immer er diese gewählt hat, ist die Produktion von Bildern in einem journalistischen Kontext. Damit verfügt er auch über eine gewisse gesellschaftliche Macht. Er sollte sich, anders als der Smart-Phone Benutzer über die Konsequenzen seines gesellschaftlichen Handelns Gedanken machen. Hier kommt der Punkt der Haltung hinzu. Haltung bedeutet für mich, dass der Fotojournalist sich seiner gesellschaftlichen Verantwortung bewusst ist, dass er die Art und Weise wie und was für Bilder er produziert reflektiert und selbstkritisch ist bezüglich der Rolle von Bildern in der Gesellschaft. Dies ist natürlich besonders relevant für die fotojournalistische Arbeit über Konflikte. Aber es spielt letztlich bei jeder fotografischen Produktion eine Rolle. Deswegen müssen Fotojournalisten über eine große Bildkompetenz verfügen, über Bild-Wissen hinsichtlich der von ihnen bearbeiteten Themen. Warum wird wer in Bildern wie dargestellt muss eine zentrale Fragestellung sein. Dies gilt für die ganze Bandbreite von Themen, sowohl bezüglich des Afrika-Bildes, als auch der fotografischen Darstellung von Geschlechterrollen, wie auch dem Umgang mit gesellschaftlicher Diversität. Journalistische Bilder zu produzieren bedeutet eine Form gesellschaftlicher Macht, da sie im besten Fall gesellschaftliche Diskurse prägen. Insofern brauchen Fotojournalisten eine Haltung, mit die sie bezüglich ihrer Arbeit und ihrer gesellschaftlichen Rolle eine Position beziehen. Damit würden sie sich zentral von Bilder produzierenden Amateur-Fotografen unterscheiden und könnten obendrein fruchtbare Impulse bezüglich einer Neu-Ausrichtung fotojournalistischer Arbeit senden.

Montag, 11. Juni 2012

Shots that bind: Fotojournalisten in Nablus


Auch wenn die Zeiten der zweiten Intifada, mit israelischen Panzern in palästinensischen Städten und Selbstmordattentaten in Israel mittlerweile der Vergangenheit angehören, so ist es doch mehr als interessant sich den Dokumentarfilm „Shots that bind“ der kanadischen Journalisten Kloie Picot anzuschauen. Im Mittelpunkt dieses Filmes aus dem Jahr 2006 stehen palästinensische Fotojournalisten und Kameramänner aus Nablus. Der Film stellt einen interessanten Einblick in die Arbeitsrealitäten dar und zeigt die Schwierigkeit des Lebens und Arbeitens in einer Konfliktregion auf.

Der Trailer des Filmes ist hier zu sehen:



Die einzelnen Teile des Filmes lassen sich über diesen Link anschauen:


Mittwoch, 15. Juni 2011

Photographers in Conflict

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Fotografien werden von Menschen gemacht. Diese allzu simpel klingende Aussage gerät jedoch oft in Vergessenheit. Vor allem dann, wenn wir Pressefotografien in der massenmedialen Berichterstattung betrachten. Die Fotografien erscheinen dort meistens als eine autor- und geschichtslose Referenz an ein vergangenes Ereignis. Informationen darüber, wer diese Bilder produziert hat und was der Entstehungskontext ist, gibt es nur in ganz seltenen Fällen.

Im Jahr 2006 haben die beiden Künstler Goran Galic und Gian-Reto Gredig zu diesem Thema ein Projekt gestartet. Auf dem Fotojournalismus-Festival „Visa pour l´Image“ in Perpignagn baten sie 32 FotojournalistInnen in eine Black Box um sie zu fotografieren und zu interviewen. Heraus gekommen sind großformatige, sachlich distanzierte Portraits vor einem graublauen Hintergrund. Im Profil oder Frontal fotografiert schauen einige den Betrachter an, andere haben den Blick in andere Ecken des Raumes gelenkt. Interessant ist, dass hier diejenigen, die normalerweise das mediale Bild von Krisen- und Kriegen prägen, selbst vor der Kamera stehen. In ausgewählten Interviewausschnitten nehmen die Fotografen darüber hinaus zu verschiedenen Fragen der fotojournalistischen Produktion in Krisen- und Kriegsregionen Stellung. An diesem Projekt beteiligt waren sowohl bekannte Namen der Fotojournalisten-Szene wie Paolo Pellegrin, sowie mehr oder weniger unbekannte Agenturfotografen.



Eine eigene Website zeigt einige der Portraits sowie Interviewausschnitte. Eine Dokumentation in Form einer Zeitung ist bei Kodoji-Press erschienen und kann über die Buchhandlung Walther König bezogen werden. Zuletzt zu sehen war die Ausstellung im FOAM in Amsterdam, in der ebenfalls sehr interessanten Ausstellung „Antiphotojournalism“.

Montag, 6. Juni 2011

Die negierte Urheberschaft oder der verschwundene Autor

Die von mir als BICC-Occasional Paper veröffentlichte Untersuchung der Bildberichterstattung der beiden großen deutschen Tageszeitungen Frankfurter Allgemeine Zeitung und Süddeutsche Zeitung über den Gaza-Krieg brachte auch einige interessante Ergebnisse bezüglich des Umgangs der beiden Medien mit Bildquellen und Agentur-Bildern zum Vorschein, die bisher nicht ausführlich vorgestellt wurden. Wie diese aus einer foto-theoretischen Perspektive sowie vor dem Hintergrund einer politischen Auseinandersetzung über den Konflikt zu interpretieren sind, wird der folgende Artikel aufzeigen, der unter anderem auf Überlegungen von Ariella Azoulay zum Thema fußt.


Der 22 Tage dauernde Gaza-Krieg war ein Ereignis, welches sehr prominent in den deutschen Massenmedien vertreten war. Dabei spielten Bilder in der Berichterstattung eine zentrale Rolle. Zwischen dem 27. Dezember 2008 und dem 19. Januar 2009 wurden in der FAZ 34 und in der SZ 67 Bilder zum Thema Gaza-Krieg publiziert. Besonders interessant ist es dabei, die Herkunft der Bilder genauer zu untersuchen. Dabei zeigte sich, dass bei der FAZ 88% der Bilder von den vier großen Agenturen AFP, AP, DPA und Reuters stammten, bei der SZ 74% der Bilder. Während bei der FAZ kein einziges Bild eines freien Fotografen veröffentlicht wurde, machten diese bei der SZ immerhin 6% der Bilder aus, wobei alle diese Bilder von einer Fotografin stammten.

Was sich hier zuvorderst zeigt, ist die große Dominanz der Bilderdienste der Nachrichtenagenturen, was die tagtägliche News-Photography angeht. In diesem Markt haben freie Fotografen oder kleine Fotografen-Agenturen kaum eine Chance und können nicht mit dem weitverzweigten Netzwerk der Nachrichtenagenturen konkurrieren. Hier sind Parallelen zum allgemeinen Nachrichtenmarkt in der Auslandsberichterstattung zu finden, der eine ähnliche Dominanz der Nachrichtenagenturen aufweist.

Das eigentlich interessante an den veröffentlichten Bildern in der FAZ und der SZ ist jedoch die (Nicht-) Veröffentlichung der Fotografennamen als Hinweis auf die Autorenschaft des Bildes. Nur bei 7% der in den untersuchten Medien zum Thema Gaza-Krieg veröffentlichten Bildern wird der Fotografenname angegeben. Und dies nur in der SZ. Bei allen Bildern der Nachrichtenagenturen ist als Quelle ausschließlich der Name der Agenturen (z.B. AP, AFP, ...) angegeben. Der Fotografenname wird bei keiner der großen Agenturen mit abgedruckt und ist nur bei zwei Bildern kleinerer Agenturen zu finden. Was der Hintergrund dieses Aspekts ist, ob es an der Vermarktungspolitik der Agenturen oder der Veröffentlichungspraxis der Medien liegt, darüber kann an dieser Stelle nur spekuliert werden und ist auch nicht die zentrale Fragestellung des Artikels. Der Fokus soll hier auf der Frage liegen, welche Implikationen die Nicht-Veröffentlichung des Fotografennamens haben kann.

Zuerst ist festzustellen, dass die ausschließliche Benennung der Bilder mit dem Agenturnamen diese entpersonalisiert. Sie wurden scheinbar nicht mehr von einer Person aufgenommen, sondern stehen stellvertretend für eine Agentur. Damit wird eine personale Autorenschaft, deren Charakteristik vor allem in der Subjektivität des fotografischen Akts liegt negiert und das Bild zu einem reinen Träger vermeintlich „neutraler“ Informationen. Agenturen gelten gemeinhin als neutrale übergeordnete Referenzgrößen. Dabei ist das Bild an sich natürlich genau davon weit entfernt. Aber dies ist eine der möglichen Konsequenzen aus der Lektüre der Bildquelle.

Darüber hinaus entsteht über diese Veröffentlichungspraxis ein sehr starkes Branding der Agenturen, in dem die Fotografen als Mitarbeiter hinter dem Markennamen zurückstehen, was für die Agenturen als vorteilhaft anzusehen ist. So wird die schwache Position der Agentur-Fotografen und insbesondere der lokalen Stringer verstärkt, die sich in der Abgabe aller Bildrechte zeigt. Dabei sind die Bilder für die Nachrichtenagenturen vor allem ein kommerzielles Produkt. Sie sind eine Ware auf dem globalen Bildermarkt, in dem die genannten Agenturen die größten Konkurrenten sind und um die wichtigsten Abnehmer konkurrieren. Dabei ist der Nahostkonflikt als zyklisches Nachrichtenzentrum ein sicherer Garant für Bilder und Ereignisse, welche in den Redaktionen internationaler Nachrichtenmedien nachgefragt werden.

Für den Betrachter ist aus dem Agenturkürzel nicht ersichtlich, ob es sich bei dem dahinterstehenden Fotografen bzw. Autor um einen Israeli, einen Palästinenser oder einen internationalen Fotografen handelt. Dies mag in vielen Situationen auch gleichgültig sein. Nichts desto trotz hält es dem Betrachter jedoch entscheidende Informationen über den Entstehungskontext vor. Ob Fotos aus bestimmten Regionen immer vom gleichen Fotografen stammen oder ob ein bestimmtes Bild nur möglich war, weil ein israelischer Fotograf aufgrund seiner Nationalität Zugang zu israelischen Armee-Einheiten hatte und dort „embedded“ war oder ein palästinensischer Fotograf nah an die Hamas herankam: diese und ähnliche Fragen, können nicht beantwortet werden. So bleibt der Einblick in den (medien-) politischen Kontext des Krieges verwehrt. Für den kompletten Zeitraum des Gaza-Krieges war beispielsweise der Gazastreifen für internationale wie israelische Fotografen und Journalisten tabu. Dies heißt also, dass alle Bilder die uns aus dem Gazastreifen erreichten, von palästinensischen Stringern, den lokalen Angestellten der internationalen Agenturen produziert wurden. Das bewusste Verschweigen dieser Information durch die Nichtnennung der Autoren kann zum einen heißen, dass dies bewusst nicht transparent gemacht wird um nicht der Frage nachgehen zu müssen, ob die Bilder aus der Region biased oder unbiased sind. Zum anderen kann hinter der Nichtnennung der Autoren das Verschweigen des Eingeständnisses stehen, das palästinensische Fotografen aus der Region hochwertige Produkte liefern und nicht hinter internationalen Fotografen zurückstehen müssen.

Ariella Azoulay beschreibt in ihrem Buch „The civil contract of photography“, dass zur Fotografie immer drei Element gehören: der Fotograf, der Fotografierte und der Betrachter (Azoulay 2008). Im Moment der Aufnahme wird zwischen dem Fotografen und dem Fotografierten ein von ihr als solcher bezeichneter „civil contract“ geschlossen, der in diesem Moment auch impliziert, dass es irgendwo einen Betrachter gibt. Dieser Vertrag ist jedoch nicht als schriftliches Dokument sondern als unausgesprochene Übereinkunft zu sehen, zumindest was den Fotojournalismus angeht. Für diese Übereinkunft ist also die persönliche Begegnung und Interaktion zwischen dem Fotografen und dem Fotografierten von entscheidender Bedeutung. Durch die Negierung der Autorenschaft wird diese Dimension verschwiegen, da die Übereinkunft eben nicht zwischen dem Fotografierten und der Agentur geschlossen wurde. Die Agentur ist der Mittler, welcher das Produkt vermarktet, nicht mehr und nicht weniger.

Ein Blick in Fachportale im Internet der fotojournalistischen Berufsverbände, wie beispielsweise dem Bildjournalistenblog des DJV (http://bildjournalisten.djv-online.de/) zeigt, dass dies auch dort ein wichtiges Thema ist. So wird in einem Artikel des DJV darauf verwiesen, dass die Nicht-Nennung des Fotografennamens und die ausschließliche Angabe des Agenturnamens einen klaren Verstoß gegen § 13 Urheberrechtsgesetz darstellen (DJV 2011). Die großen deutschen Tageszeitungen scheint dies jedoch nicht zu stören. Die jährliche Untersuchung der DJV zu diesem Thema brachte zum Vorschein, dass nur die FAZ in nur 28,57% der Fälle, die SZ in nur 23,61% der Fälle den richtigen Autor unter die veröffentlichten Pressefotografien setzen (DJV 2010). Umso wichtiger erscheint es, diesem Thema verstärkt Aufmerksamkeit zu widmen und es bezüglich der (medien-) politischen Implikationen, wie hier am Beispiel des Gaza-Krieges, zu diskutieren.



Quelle der in der FAZ und SZ zum Thema Gaza-Krieg zwischen dem 27.12.2008 und dem 19.01.2009 veröffentlichten Pressefotografien


FAZ
SZ
Reuters*
14 (41%)
14 (21%)
AP*
10 (29%)
15 (22%)
AFP*
5 (9%)
10 (15%)
Getty Images*

4 (6%)
DPA*
3 (9%)
11 (16%)
Polaris/Laif*
1 (3%)

Bloomberg*
1 (3%)

UPI/Laif*

1 (1,5%)
Laif*

3 (4,5%)
Katharina Eglau

3 (4,5 %)
Magnum/Agentur Focus*

1 (1,5%)
Gil Yohanan

1 (1,5%)
Jarrar/Apollo/Rapport/Laif

1 (1,5%)
DDP*

1(1,5%)
Face to Face*

1(1,5%)
Jonas Bendiksen/Magnum Photos/Agentur Focus

1(1,5%)
Gesamt
34
67
* Ohne Nennung des Fotografennamens
Quelle: Koltermann 2010


Literatur:

  • Azoulay, Ariella (2008): The civil contract of photography, New York/Cambridge: Zone Books.
  • DJV (2011): Fotografen haben Namen - DJV führt am 14. April Aktion zur Nennung von Urhebern durch, http://bildjournalisten.djv-online.de/?p=534 , Abgerufen am 6. Juni 2011.
  • DJV (2010): Fotografen haben Namen: WELT KOMPAKT siegt, die Ergebnisse en detail, URL: http://bildjournalisten.djv-online.de/?p=505, Abgerufen am 6. Juni 2011. 
  • Koltermann, Felix (2010): Der Gaza-Krieg im Bild, BICC-Occasional Paper, Bonn: BICC.

 

Donnerstag, 19. Mai 2011

Miki Kratsman: All about us


Vom 6. März bis zum 17. April 2011 war in den Räumen der Ursula-Blickle-Stiftung in Kraichstal-Wörrisheim bei Karlsruhe die Ausstellung „All about us“ des israelischen Fotografen Miki Kratsman zu sehen. Die Ausstellung war kuratiert von Nicolaus Schaffhausen vom Witte de With Center for Contemporary Art in Den Haag und war die erste Einzelausstellung von Miki Kratsman in Deutschland. Bisher waren seine Arbeiten in verschiedenen Ausstellungen zum Thema Israel und Nahostkonflikt zu sehen, so unter anderem bei „Dateline:Israel“ im Jüdischen Museum in Berlin.


„All about us“ ist das aktuellste Foto-Projekt von Miki Kratsman und setzt sich mit den Beduinen in den sogenannten „Unrecognized Villages“ in der israelischen Negev-Wüste auseinander. Für einen Monat verlegte Kratsman seinen Lebensmittelpunkt in die Region. Herausgekommen sind Portraits der Bewohner des Dorfes Al-Araqib sowie Aufnahmen der dortigen urbanen Räume.

Die Ausstellungspräsentation in der Ursula-Blickle-Stiftung zeigte ein sparsame Hängung, in der die Portraits und Landschaftsaufnahmen in großformatigen Drucken mit weißem Rand rahmenlos präsentiert wurden. Damit konnte ihnen eine direkte und ungeteilte Aufmerksamkeit zu Teil werden. Jedoch war die Präsentation etwas zu „arty“ um es neudeutsch auszudrücken. Ausser einem kurzen Text am Eingang gab es keinerlei Informationen zu den Bildern. Damit wurden sie aus ihrem Entstehungskontext gerissen und waren für den Betrachter nicht zuordbar. Es hätte zumindest bei den Portraits der Angabe des Alters, des Namens und des Aufnahmeortes bedurft um die Personen einordnen zu können, wie es auch im Katalog geschehen ist. In der Ausstellung werden die Portraits so ihres dokumentarischen Charakters beraubt und haben als künstlerische Werke nur noch sich selbst als Referenzpunkt.

Eine weitere Frage, die sich stellt, ist ob trotz der gesellschaftskritischen Herangehensweise Kratsmans sich hinter den Bilder nicht ein klassischer orientalistischer Blick verbirgt. Natürlich ist es ihm zu verdanken, dieses wichtige Thema fotografisch-künstlerisch zu bearbeiten. Durch die Wahl der Mittel wie des Schwarz/Weiß als Medium nimmt er den Fotografierten jedoch jede Individualität und Identität. Sie werden zwar als würdevolle Einzelpersonen präsentiert, erscheinen jedoch eher in der Opferrolle. Somit zementiert sich hier – wahrscheinlich ungewollt – dass hierarchische Verhältnis zwischen der jüdischen Mehrheits-Bevölkerung in Israel und ihrer arabischen Minderheit. Trotz aller Ästhetik fallen auch die Landschaftsbilder in diese Kategorie, zeigen sie doch fast nur Ruinen.

Dass auch ein anderer Zugang zum Thema möglich ist, zeigt die Arbeit des israelischen Fotografen und Künstlers Tal Adler. In seinem Projekt „Unrecognized“ aus dem Jahr 2006 entwickelte er gemeinsam mit den Dorfbewohnern Bilder, die für einige dieser „Unrecognized Villages“ stehen. Dabei wird eine Vielschichtigkeit und Tiefe deutlich, die sich vor allem in der Vielfalt der Orte, der Porträtierten sowie der Verwendung von Farbbildern zeigt und damit sehr viel stärker einen würdevollen Blick zulässt.

Eine Ausführliche Diskussion des Projektes „All about us“ und des Kataloges ist zur Zeit in Arbeit und wird in Kürze hier zu sehen sein.