Mittwoch, 18. Juni 2014

Die Mauer im Niemandsland


Wie unterschiedlich die politische Situation in Israel und den palästinensischen Gebieten in Kunstausstellungen reflektiert wird und auf welche Metaphern dabei zurückgegriffen wird, zeigen zwei Ausstellungen die zur Zeit in Jerusalem und Ramallah zu sehen sind. Die Ausstellung „No Man’s Land“ im Jerusalem Artist House zeigt Arbeiten israelischer und internationaler Künstler, die Ausstellung „Keep an Eye on the Wall“ im Deutsch-Französischen Kulturzentrum in Ramallah dagegen Arbeiten palästinensischer und eines deutschen Fotografen. Während „No Mans Land“ eher allgemein auf den Begriff des Niemandslands rekuriert und von allen Seiten betrachtet, bezieht sich „Keep an Eye on the Wall“ direkt auf die israelische Sperranlage als Objekt künstlerischer Auseinandersetzung.

Blick in die Ausstellung in Ramallah

 Die in Jerusalem zu sehende Ausstellung „No Man’s land“ wurde von Marie Shek kurariert und zeigt 9 Arbeiten, darunter Installationen, Malerei, Fotografie und Videoarbeiten, die auf unterschiedliche Art und Weise Grenzräume und Übergänge thematisieren, mal mehr, mal weniger politisch. Interessant aufgrund ihrer politischen Positionierung sind vor allem die gezeigten Foto- und Videoarbeiten, insbesondere diejenigen, die sich auf den lokalen Kontext beziehen. Der israelische Künstler Assaf Shoshsan z.B. zeigt einen 8-minütigen Film auf dem aus einer festen Kameraposition ein Beduinenzelt gefilmt wird, in dass immer mehr Menschen strömen, ohne dieses wieder zu verlassen und thematisiert damit den vom israelischen Staat erzwungenen Stop der Wanderungsbewegungen der Beduinen. Der israelische Fotograf Ohad Matalon hat ebenfalls im Süden Israels in der Negevwüste geheime israelische Militäreinrichtungen fotografiert, die als als Schwarz-Weiß Negativbild digital an die Wand projiziert werden. Der Charakter des Verbotenen wird hier durch die Ästhetik des Negativbildes verstärkt. Großformatige Prints der israelischen Künstlerin Ariane Littmann zeigen Bilder aus einer Fabrik in der Schutzausrüstung für die US-Truppen im Irak gefertigt wurde. Hinter einem orangenem Vorhang, welcher der Arbeit die Farbigkeit gibt, beobachtete sie einen Schweißer der an geheimen Rüstungsprojekten arbeitete.

Gemeinsam ist diesen Arbeiten, dass sie sehr konzeptionell ausgerichtet sind und die politische Botschaft sich erst durch den Text  erschließt. Kritik an den herrschenden Verhältnissen in Israel wird nur über Umwege geäußert. Schade ist, dass das Thema Niemandsland in seiner direkten Bedeutung nicht thematisiert wird. Denn gerade die Grenzregionen zwischen Israel und dem Gazastreifen oder die von der Sperranlage geschaffenen, sogenannten „Seamzones“ hätten sich dafür hervorragend geeignet. So ist Niemandsland ein gutes Beispiel für eine vergeistigte, konzeptionelle Ausstellungskultur, wie sie nicht nur in Israel Gang und Gebe ist. Das Politische verschwindet hier im Subtext. Somit richten sie auch keinen Schaden an, schockieren nicht und stehen auf gewisser Weise für die Entpolitisierung der israelischen Gesellschaft und die Ausblendung des Konflikts mit den Palästinensern.

Einen ganz anderen Ansatz wählt die Ausstellung „Keep an Eye on the Wall“. Aus dem gleichnamigen, bei Saqi Books in London erschienenen Buch, wählten die Kuratoren Sandra Monac und Monica Santos die als Masasam firmieren 5 Arbeiten aus, vier palästinensische, eine deutsche. Der aus Gaza stammende und in Frankreich lebende Künstler Taysir Batniji zeigt direkt gegenüber dem Eingang der Galerie in einem zu einer Seite offenen Raum eine Wandinstallation mit Bilder von Graffitis auf den Wänden in Gaza. An den Außenseiten des Kubus sind drei Bilder von Kai Wiedenhöfer der Mauer zwischen Israel und der Westbank im Panoramaformat zu finden. An den beiden Stirnseiten der Galerie finden sich Bilder der jungen palästinensischen Künstlerin Raeda Sadeh, in denen sie sich methaporisch mit der Mauer beschäftigt. Berührend ist vor allem ihr inszeniertes Porträt eines weiblichen Engels vor der Mauer. Zwei weitere Arbeiten, die die Außenwände zieren, sind eine Serie der Jerusalemer Fotografin Rula Halawani mit Bildern von Toren in der Sperranlage rund um Jerusalem mit der sie auf die Parallelität zu den Stadttoren Jerusalems hinweist, Titel „Gates of Heaven“, sowie Arbeiten aus der Serie „Disturbia and Metamorphosis“ des in Berlin lebenden Künstlers aus Ost-Jerusalem Steve Sabella.

Bei „Keep an Eye on the Wall“ fragt man sich, warum hier zum wiederholten Mal die Mauer bzw. die Sperranlage als Referenz für die künstlerische Auseinandersetzung herhalten muss. Visuell gesehen bringt dies nur wenig Neues. Vermutlich erklärt es sich daraus, dass die Initiatoren des Projekts aus Europa kommen. Was hier zu beobachten ist, ist dass die Verbindung künstlerischer Produktion in und über die palästinensischen Gebiete sich mit der Nutzung eines visuellen Klischees verbindet. Dies ist schade, zeigt doch gerade die Arbeit von Raeda Sadeh, wie die Mauer zwar Referenzpunkt ist, aber auch zu einer sehr viel tiefgründigeren Auseinandersetzung führen kann. Fragt sich, ob auch lokale Kuratoren die Mauer in den Vordergrund gestellt hätten. Zu begrüßen ist, dass dank des Goethe-Instituts dieses Projekt in die Westbank getragen wurde und damit auch eine Auseinandersetzung über dieses mit palästinensischen Künstlern und Kuratoren ermöglicht wird.

 Weitere Infos:


Montag, 16. Juni 2014

Essay „Fotografisches Sehen“


„Offenen und sehenden Auges naturräumliche und städtische Landschaften auf sich wirken zu lassen, stellt mehr Fragen, als es Antworten gibt. Aber es ist auch eine höchst aufschlussreiche Tätigkeit, einmal begonnen, verändert sich der Blick auf die Welt dauerhaft: und dann überall, also auch zu Hause“.

Der in der Reihe „Kleine Texte“ beim Berliner Verlag Aphorisma erschienene Band „Fotografisches Sehen“ ist eine Reflektion über die Frage, wie das fotografische Betrachten der Landschaft und urbaner Räume unseren Blick auf die Welt verändert. Fotografisches Sehen ist gleichzeitig ein visueller Streifzug sowie eine literarische Beschreibung einer Reise durch die Landschaft in Israel und der Westbank.

Das Buch ist als Kleiner Text Nr. 56 bei Aphorisma erschienen (36 Seiten, 8 Abbildungen). Das Heft kostet 5 Euro und ist beim Verlag oder im Buchhandel zu beziehen (ISBN: 978-3-86575-556-8).




Dienstag, 3. Juni 2014

Vom Nutzen der Bilder


Am 23.&24. Mai fand am Fachbereich Design der FH Dortmund das Symposium „Vom Nutzen der Bilder – Zur Fotografie und ihren Gebrauchsweisen“ statt. Das Symposium wurde von einem studentischen Team unter der Leitung der Dortmunder Fotografieprofessorin Susanne Brügger organisiert. Gleichzeitig mit der Veranstaltung wurde die zweite Nummer des neuen Fotografiemagazins des Fachbereichs „Cahiers“ veröffentlicht. Mit dem Symposium knüpft die FH Dortmund an eine alte Tradition studentisch organisierter Tagungen und Wettbewerbe zum Thema Fotografie an, die in den letzten Jahren etwas eingeschlafen war. Zu Beginn des neuen Jahrtausends lockten z.B. die studentischen „Focus-Awards“ im Zweijahresrhythmus das Fachpublikum nach Dortmund.

Die Organisatoren der Konferenz wollten laut Ankündigung einen Raum schaffen, „in dem die Fotografie in ihren Gebrauchweisen thematisiert“ werden kann und damit „ein offenes Gespräch über das fotografische Bild und seinen Kontext“ ermöglichen. Dazu waren verschiedene bekannte und weniger bekannte Referenten und Referentinnen eingeladen, die zum Teil schon als Autoren für die „Cahiers“ in Erscheinung getreten waren. So referierte der Kurator des Frankfurter Kunstvereins Dr. Holger Kube Ventura über die Politik der Bilder, Prof. Klaus Honnef von der Deutschen Gesellschaft für Photographie verortete die Fotografie der Moderne zwischen nord- und südeuropäischen Kunsttraditionen und der in Belgien lehrende Kunstwissenschaftler Alexander Streitberger widmete sich dem Werk Victor Burgins. Interessanterweise waren, geplant oder nicht, einige der Eingeladenen, wie der Künstler Elmar Mauch, der sein Institut für künstlerische Bildforschung vorstellte, ehemalige Absolventen des Fachbereichs und zeigten anschaulich auf, in welche Richtung die beruflich Karriere nach einem Fotografiestudium an der FH Dortmund gehen kann.

Inhaltlich herausragend und das Thema exemplarisch auf den Punkt bringend war vor allem das Gespräch zwischen der Kuratorin Stefanie Grebe und dem Soziologen York Kautt. Unter dem etwas verklausulierten Titel „Alles ausser Fotos. Über das Fotografische in seinen Umgebungen“ diskutierten die beiden – tatsächlich ohne Fotos als Beispiele – den Kontext der Fotografie. York Kautt führte dabei zwei unterschiedliche – aus der Soziologie stammende – Sichtweisen auf den Begriff des Kontextes ein. So unterschied er zwischen dem Kontext als Akteuren, die mit konkreten Bildern umgehen, und dem Kontext als einem Wissensbestand und einer sozialen Struktur, die über eine situative Praktik von Akteuren hinausgeht. Stefanie Grebe versuchte sich an einer Beschreibung des Kontextes über präpositionale Bestimmungen mit Hilfe von um und vor. So differenzierte sie zwischen dem was UM das Bild herum passiert, dem was VOR der Aufnahme im zeitlichen Sinn geschieht, damit ein Bild entstehen kann und der Frage was VOR dem Bild als physischem Objekt passiert, also wer beispielsweise vor einem Bild als Betrachter steht. Die anschließende Diskussion fächerte das Feld dann weiter hinsichtlich konkreter fotografischer Gebrauchsweisen und ihrer Kontexte auf. So ging es beispielsweise um die Frage der Einordnung der World Press Photo Ausstellung an  deutschen Bahnhöfen und der Kontexte unter denen dieses Phänomen zu betrachten ist.

Das Themenfeld dieses Blogs wurde vor allem im Vortrag vom Berliner Künstler Daniel Herlett berührt. Er versuchte sich daran, Drohnenbilder in Beziehung zur Frage der Repräsentation zu setzen. Interessant war dabei vor allem die historische Herleitung der Luftaufklärung über Bilder aus der Kuba-Krise. Was vor allem deutlich wurde, ist die besondere Funktion, die Drohnenbilder haben. Sie dienen als Rohmaterial für eine, von Computern gesteuerte, auf Algorithmen basierende Analyse von Bildern. Die Ergebnisse dieser Analyse werden dann in einen politischen Prozess eingebunden, der darüber entscheidet was das Bild repräsentiert und in letzter Konsequenz zum „shoot and kill“ Befehl führen kann.

Begleitet wurde das Symposium von einer Ausstellung und zwei interessanten Präsentation zum Thema Magazin. So präsentierte die Cahiers-Redaktion die eigene Sammlung studentischer Hochschulmagazine. Hierunter waren einige Kleinode und tolle Gestaltungsprojekte zu finden. Darüber hinaus präsentierten Calin Kruse vom Magazin dienacht und Leon Kirchlechner vom Magazin der Greif ihren „Magazin-Salon“. Dahinter verbirgt sich eine interessante Sammlung deutscher und internationaler Fotografiemagazine. Deutlich wurde durch die beiden Präsentationen, wie vielschichtig der Markt von Fotografie- und Hochschulmagazinen als Special-Interest Publikationen mittlerweile ist und sich eine veritable Nische erarbeitet hat. In der Galerie des Fachbereichs wurde eine kleine Ausstellung mit Arbeiten die in der aktuellen Ausgabe der „Cahiers“ publiziert wurden gezeigt. Raumgreifend war hier vor allem die Arbeit „Catalogue“ von Julian Faulhaber, mit der er hinter die Kulissen des Modefotografiezirkus in Südafrika blickt.

Das Symposium war alles in allem eine runde Sache. Zu wünschen ist dass die Initiative fortgeführt wird und es sowohl eine Neuauflage des Magazins als auch des Symposiums gibt. Dann hoffentlich mit mehr und breiterem Publikum.


Das Magazin „Cahiers“ kann unter www.cahiers.de bestellt werden. Geplant ist, dort auch eine Auswahl von Videomitschnitten der Konferenz online zu stellen.

Donnerstag, 29. Mai 2014

Images as weapons of war

W. J. T. Mitchell is an American art historian at the University of Chicago and one of the most important scholars of visual culture and iconology. Among his most important books are "Cloning Terror: The War of Images, 9/11 to the Present" (2011) and "What do Pictures Want? The Lives and Loves of Images" (2005). For the online magazine Qantara I spoke to him about the relationship between images and war.

Felix Koltermann: I would like to start by looking at the concept of "image operations". Could you explain what this is?


W. J. T. Mitchell: "Image operations" mainly exist in the theatre of war and in medical imaging. Usually the purpose of medical imaging is to heal. The purpose of image operations in the theatre of war, on the other hand, is to inflict or cause damage and to use images as instruments of war and propaganda or to reveal crime. So what is at stake here in a general way is the instrumental use of images.


Read the whole interview online at Qantara


Mittwoch, 21. Mai 2014

Für eine zivile (Wieder-) Aneignung der Fotografie


In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Friedensforum wird ein Text von mir über das Verhältnis von Fotojournalismus, Krieg und ziviler Konfliktbearbeitung erscheinen. Er ist inspiriert von meiner langjährigen Arbeit an der Schnittstelle von Journalismus und Konfliktbearbeitung. Ziel ist Diskussion darüber anzuregen, inwieweit Fotografie einen zivilen Charakter haben kann oder haben sollte und möglicherweise eine (Wieder-) Aneignung nötig ist. Um das Thema breiter zu streuen wird der Text neben meinem Blog auch im Online-Magazin Rheinraum sowie auf der Webseite des deutschen Zweigs des Peace and Conflict Journalism Networks (PECOJON) veröffentlicht.

Liest man in einschlägigen medienwissenschaftlichen Publikationen Texte zum Verhältnis Fotografie und Krieg, so entsteht der Eindruck, als hätten der Kriegsdiskurs und die Logik des dichotomen Denkens auch das Bildmedium übernommen. So ist immer wieder von Bilderkriegen, dem War Porn und Bildern als Waffen die Rede. So hat scheinbar die Logik des Krieges den Fotojournalismus und die Fotografie übernommen. Notwendig ist eine zivile (Wieder-) Aneignung des Fotojournalismus und der Fotografie. Und dies nicht nur in der Praxis, sondern auch im Diskurs über diese Themen. Und hier besteht eine bedeutende Schnittstelle zwischen der zivilen Konfliktbearbeitung und dem Fotojournalismus. In beiden Feldern ist eine zunehmende Präsenz des Militärischen zu beobachten, eine Versicherheitlichung des Diskurses und der Praxis. Was in der zivilen Konfliktbearbeitung das Damoklesschwert der zivil-militärischen Zusammenarbeit ist, ist im Fotojournalismus die Praxis des Embeddment.

Gemeinsamkeiten gibt es auch auf der Ebene des Status der Akteure im Feld. Es reicht nicht aus, Konfliktarbeiter und Fotojournalisten verstärkt in Sicherheitstrainings zu schicken. Stattdessen muss ihre Schutzwürdigkeit und die Bedeutung der Aufrechterhaltung derselben innerhalb des internationalen humanitären Völkerrechts immer wieder eingefordert werden. Nicht Fotojournalisten und Konfliktarbeiter brechen humanitäres Völkerrecht, sondern die militärischen Konflikt-Akteure, in dem sie die beiden Gruppen zu legitimen militärischen Zielen machen. Nichts anderes bezweckt der Diskurs von Bilderkriegen. Wenn Bilder Waffen sind, dann werden Fotojournalisten automatisch zu legitimen Zielen des Krieges. Diese Logik gilt es zu durchbrechen. Nicht die Bilder an sich sind Waffen, sondern wenn überhaupt der missbräuchliche Gebrauch von Bildern. Dies kann in der extremsten Art die Form von Propaganda annehmen. Dabei handelt es sich jedoch meist um klassische Public Relation.

Für die zivile Konfliktbearbeitung können Fotojournalisten auch von daher Verbündete, als dass sie Bilder produzieren, an die die zivile Konfliktbearbeitung anknüpfen kann. Kriege und Konflikt sind für Fotojournalisten eine der wichtigsten Berichterstattungsgegenstände. Dabei ist ihre Arbeit natürlich von den standardisierten Nachrichtenwerten sowie Erwartungen ihrer Auftraggeber beeinflusst. Im Idealfall legen sie Menschenrechtsverletzungen offen und zeigen, wo Menschen Alternativen zur Gewalt anwenden. Darüber hinaus können Fotojournalisten auch die Aktivitäten bei Prozessen der Konflikttransformation beobachten und einem breiteren Publikum zugänglich machen[1]. An dies kann in der politischen Arbeit der zivilen Konfliktbearbeitung angeknüpft werden. Fotojournalisten können Partner sein, von denen eingefordert werden kann und muss, auch stärker Alternativen zu Gewalt in den Blick zu nehmen. Aus diesem Anspruch heraus und der Infragestellung klassischer Nachrichtenwerte sind Konzepte wie das der konfliktsensitiven Berichterstattung, welches auch unter dem Begriff Friedensjournalismus[2] fungiert, entstanden.
Dabei ist es jedoch wichtig, dass Fotojournalisten, wenn sie als Journalisten auftreten um Projekte zu dokumentieren, nicht in diese eingebunden und ausschließlich als Public Relation Werkzeug betrachtet werden. Denn die Unabhängigkeit der Fotojournalisten ist wichtig, um zu einer positiven und durchaus notwendig kritischen Begleitung der Projekte beitragen zu können. Wenn Fotojournalisten jedoch in Projekte eingebunden werden, verlieren sie ihren Status als Journalist und werden zu PR-Tools oder zu Konfliktarbeitern mit der Kamera. Auch wenn dies in keinster Weise verwerflich, muss hinsichtlich ihrer Rolle jedoch eine Unterscheidung gezogen werden. Abgrenzung und Klarheit hilft hier sowohl dem Fotojournalismus als auch der zivile Konfliktbearbeitung.

In dieser Hinsicht ist auch das neue Feld, das oft unter dem überaus schwammigen Begriff „Friedensjournalismus“ daherkommt und das ich hier als „Media and Peacebuilding“ betiteln möchte, kritisch zu betrachten. Kaum ein Projekt in einer Konfliktregion, kaum eine externe Intervention kommt heute noch ohne Medien-Anteil aus. Das Schlimme ist, dass hier die Grenzen zwischen Journalismus, Public-Relation und Konfliktarbeit mit Medien immer stärker verschwimmen. Auch hier sind Ehrlichkeit und konzeptionelle Klarheit von zentraler Bedeutung. ISAF Media Programme in Afghanistan sind eben nicht primäre journalistische Projekte, sondern integraler Bestandteil einer zivil-militärischen Strategie. Aus dieser gilt es wiederum, den Fotojournalismus wie die zivile Konfliktbearbeitung herauszulösen, um als Alternative zu Gewalt und militärischem Handeln bestehen zu können.

Was bedeutet nun die zivile Aneignung von Bildern? An erster Stelle steht eine Dekonstruktion des Bildmediums. Bilder zeigen immer nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit. Aber Bilder zeigen eben auch etwas von Wirklichkeit und haben einen Authentizitätscharakter. Bilder sind als solches erst ein Mal Dokumente vergangener sozialer Situationen und als solche sind sie zu lesen. Angefertigt werden diese Dokumente von professionellen Fotojournalisten. Die Akteure der dokumentierten Situationen sind Zivilisten. Diejenigen, die gewalthaltige Konflikthandlungen ausführen, sind die militärischen Akteure. An dieser Stelle werden die Puristen unter den Lesern sicherlich aufschreien, Beispiele von voyeuristischen Fotojournalisten aufzählen, von Vietnam bis zum Irak, deren Anwesenheit in der Situation erst ein Ereignis schuf. Das mag an einigen Stellen auch richtig sein. Aber der Abzug an der Waffe wird nicht von den Fotojournalisten gedrückt, Krieg wird nicht in ihrem Namen geführt. Diese Verantwortung sollte ihnen nicht auferlegt werden.

Natürlich ist nicht wegzuargumentieren, dass mit dem fotografischen Akt auch durchaus eine gewalthaltige Form der Aneignung verbunden sein kann. Schon der Ausdruck des „Bilder schießens“ spricht diesbezüglich Bände. Und je nachdem wie sich ein Fotojournalist in eine soziale Situation begibt, kann dies natürlich ebenfalls Formen eines gewalthaltigen Auftretens mit einschließen. Beispielsweise dann, wenn ein Fotojournalist eingebettet in die Einheiten westlicher Truppen am Hindukusch an Hausdurchsuchungen beteiligt ist und als Teil der Truppe ungefragt Bilder der Menschen macht. Aber genau um dieses zu verhindern oder dem etwas entgegenzusetzen, gibt es fotografische Kodizes. Darüber hinaus spielt die Haltung des Fotojournalisten bezüglich seiner Arbeit eine zentrale Rolle[3]. Der fotografische Akt kann ein gewalthaltiger Akt sein, muss es aber nicht. Auch wenn sich soziale Gegensätze und Macht-Asymmetrien, vor allem zwischen Fotojournalisten aus dem globalen Norden und Menschen aus dem globalen Süden nicht völlig ausräumen lassen, so sind diese jedoch dekonstruierbar und können in eine soziale Situationen münden, in denen beide etwas mitnehmen und keine einseitige Form der Aneignung des Bildes des anderen stattfindet.

Aber zurück zum Dokumentcharakter eines Bildes. Ein Bild als Dokument zu lesen bedeutet auch, es nicht für Propaganda-Zwecke zu missbrauchen. Im Sinne von „Seht mal wie grausam die anderen sind“. Das sagt nicht ein Bild, das machen ein Kontext, eine Bildverwendung und die Form der Rezeption aus einem Bild. Die zivile Aneignung von Bildern bedeutet also vor allem auch einen konfliktsensitiven Gebrauch, ähnlich einer gewaltfreien, lösungsorientierten Kommunikation. Bilder können – und sollen auch – Emotionen auslösen. Aber wenn Bilder emotionalisierte Handlungen auslösen, wird es gefährlich. Deswegen ist Bildkompetenz - ebenso wie Konfliktkompetenz - auf Seiten der Bildnutzer mindestens ebenso gefragt wie eine klare Haltung bei den Produzenten. Somit zeigt sich hier eine weitere Schnittstelle zwischen dem Fotojournalismus und der zivilen Konfliktbearbeitung: beide brauchen spezifische Kompetenzen bei den Menschen. Und Bildkompetenz wie Konfliktkompetenz befruchten sich gegenseitig.

Die Aufdeckung gemeinsamer Interessen zwischen der  zivilen Konfliktbearbeitung und dem Fotojournalismus bedeutet jedoch nicht, dass sich das eine Feld mit dem anderen gemein machen sollte. Kritische Distanz und Begleitung sind auch hier von zentraler Bedeutung. Aber die hier dargestellten Fragestellungen sollten hinsichtlich des Auffindens von Synergien und gemeinsamer Interessenfelder vertieft werden. So ist die gegenseitige Affirmation beider Gruppen ihres Status als ziviler Akteure im Konflikt von zentraler Bedeutung und kann der Stimme beider Gruppen mehr Gewicht geben. Auch bei der notwendigen Abgrenzung des eigenen zivilen Handelns von militärischer Logik gibt es meiner Ansicht nach weitgehend Übereinstimmung. Inwieweit dies auch die Übernahme von Prinzipien gewaltfreien Handelns und eine pazifistische Grundhaltung für beide Akteure bedingt, ist hingegen noch zu diskutieren. Eine poetische und in die Zukunft weisende Klammer verbindet jedoch beide Felder: die Kreativität. Weder die zivile Konfliktbearbeitung auf der Suche nach alternativen Formen der Konflikttransformation und –lösung noch der Fotojournalismus beim Versuch, den Konfliktalltag visuell darzustellen, kommen ohne diese aus.


Diskutieren sie weiter zum Thema auf diesem Blog, auf Facebook oder auf Twitter. Wo sehen sie Schnittstellen zwischen dem Fotojournalismus und der zivilen Konfliktbearbeitung? Was kann ihrer Meinung nach das eine vom anderen Feld lernen? Welche positiven wie negativen Erfahrungen haben sie gemacht?




[1] Ein gutes Beispiel ist das von Petra Gerster herausgegebene Buch „Die Friedensmacher“, das im Rahmen des Projekts „Peace Counts“ entstanden ist.
[2] Weitere Informationen zu diesem Thema gibt es bei der Autorin Nadine Bilke unter www.friedensjournalismus.de und beim Peace and Conflict Journalism Network www.pecojon.de.
[3] Zum Thema Haltung siehe auch den Blogbeitrag des Autors unter http://fotografieundkonflikt.blogspot.de/2012/10/fotojournalismus-alles-eine-frage-der.html oder in der Ausgabe 2 der Zeitschrift Cahiers.

Montag, 12. Mai 2014

Das Buch zum Blog


Es ist soweit! Nach vielen Monaten der Textauswahl, des Redigierens und der Verfeinerung des Layouts ist das erste Buch zum Blog erschienen unter dem Titel "Fotografie und Konflikt - Texte und Essays".

Mit der fotografischen Dokumentation von Kriegen und Konflikten ist eine Vielzahl von Fragestellungen verbunden. Diese reichen von Fragen der Ethik, dem Verhalten in Krisenregionen, dem Umgang mit anderen Konfliktakteuren bis hin zu Problemen bei der Distribution und Publikation. Einige dieser Themenfelder zwischen Fotojournalismus, Dokumentarfotografie sowie Konflikt- und  Kriegsfotografie werden im Buch angesprochen.

Die im Buch versammelten Texte und Essays sind im Rahmen der Recherchen für meine Promotion zwischen den Jahren 2011 und 2014 entstanden. Einige davon sind unveröffentlicht, andere wurden bereits hier auf dem Blog veröffentlicht. Überarbeitet und redigiert erscheinen die Texte zum ersten Mal in Buchform.

Das Buch hat 76 Seiten im Paperback und kostet 5,90 Euro (ISBN: 978-3-7357-2397-0). Es ist über den normalen Buchhandel oder direkt über Books On Demand zu beziehen.



Freitag, 9. Mai 2014

Kriegsfotografen und Heldenmythen

Michael Kamber, US-amerikanischer Fotojournalist und Gewinner des World Press Photo Awards, hat den Irakkrieg für die New York Times in Bildern festgehalten. 2013 erschien sein Buch "Photojournalists on war – The untold stories from Iraq". Mit ihm sprach für Qantara der Friedens- und Konfliktforscher Felix Koltermann.


© Michael Kamber

 Was hat Sie dazu motiviert, ein Buch über Fotojournalisten im Irak zu verfassen?

Michael Kamber: Zwischen 2003 und 2012 war ich über acht Jahre lang immer wieder im Irak. Als ich dann wieder in die USA zurückkehrte, hatten die Menschen dort im Grunde genommen keine Vorstellung davon, was im Irak eigentlich genau passiert. Wir sind in einen Krieg gezogen, der Hunderttausenden von Menschen das Leben gekostet und ein Land zerstört hat – und niemand schien darüber Bescheid zu wissen. Die Menschen in den USA wussten zwar, dass es irgendwo im Irak wieder mal einen Bombenanschlag gegeben hatte, kannten aber keine Details und hatten auch keine Ahnung, wie eine Autobombe aussieht, weil solche Bilder zensiert wurden.

Hier ist der Link zum kompletten Interview auf Qantara