Montag, 4. Januar 2016

Fokus Palästina

Zurzeit ist in Paris ein spannendes Ausstellungsprojekt zu sehen: die Biennale für Fotografie aus der zeitgenössischen arabischen Welt. An acht Orten, darunter dem Institut du Monde Arabe sowie der Maison Européenne de la Photographie sind die Werke von 50 Fotografen ausgestellt. Einige der Arbeiten stammen von palästinensischen Fotografen oder haben Palästina zum Thema und werfen einen spannenden und unbekannten Blick auf die Region. Diese sollen hier kurz vorgestellt werden.

Der palästinensische Künstler Yazan Khalili beispielsweise zeigt im Institut du Monde Arabe seine Fotoserie „Paysage de l'Obscurité“. Es sind düstere Nachtaufnahmen von Landschaften, die im Dunkeln liegen. Auf einem Bild erstreckt sich dazu am Horizont eine erleuchtete Ebene, auf einem anderen eine hell erleuchtete Straße. Es ist der typische Blick von den Bergen der Westbank hinunter nach Israel zu den urbanen Zentren am Meer. Khalili nimmt hier über die Frage der Beleuchtung die Asymmetrie des israelisch-palästinensischen Konflikts auf Korn.

Amélie Debray - Spectatrices du stade Al-Bireh de Ramallah, Palestine, 2011 © Amélie Debray
Courtesy Galerie du Jour Agnès b, Paris
Dem Thema Fußball in Palästina widmet sich die französische Fotografin Amélie Debray. In einer umfangreichen fotografischen Recherche mit dem Titel „Surface de réparation“ zeigt sie die Fußballbegeisterung des palästinensischen Volkes, egal ob Kinder, Männer oder Frauen. Eine tolle Alltagsbeobachtung zeigt beispielsweise eine Gruppe junger Frauen im Stadium von Al-Bireh bei Ramallah. Freundlich lächelnd blickt eines der Mädchen forsch direkt in die Kamera. Debray hat ein wunderbares Porträt des Alltags in Palästina geschaffen, das sich angenehm aus dem Kanon fotografischer Reportagen über die Region abhebt.

Etwas ratlos lässt den kritischen Betrachter die Arbeit „Gaza: eau miracle“ von Massimo Berruti zurück. Sie ist Teil eines größeren fotografischen Projekts, das der italienische Fotograf für die französische Entwicklungshilfeagentur AFD erarbeitet hat. Die in der Maison Européenne de la Photographie gezeigte Arbeit versammelt Bilder aus dem Gazastreifen, die den Umgang mit der knappen Ressource Wasser und daraus entstehenden Problemen zeigen sollen. Über begleitende Texte ist sie in einen sehr politischen Diskurs eingebettet, der die Wasserknappheit als Folge der israelischen Besatzungspolitik darstellt. So weit so gut.

Leider fokussieren die kontrastreichen Schwarz-Weiß Bilder stark auf Kinder im Gazastreifen und zeigen den Küstenstreifen fast ausschließlich als einen miserablen Ort. Andere Themen die einem zu Wasser in den Sinn kommen. z.B. des unterschiedlichen Gebrauchs von Wasser in der Unter- oder Oberschicht, werden nicht aufgegriffen. Damit steht die Arbeit in einer Tradition von Arbeiten die von internationalen Organisationen finanziert werden und den Fokus ausschließlich auf die Misere richten und damit den Opferstatus der Palästinenser zementieren.

Daneben sind in der Ausstellung im Institut du Monde Arabe Bilder des palästinensischen Fotografen Steve Sabella zu sehen, der mittlerweile in Berlin lebt, sowie von Mohammed Abusal aus dem Gazastreifen. Sabella zeigt seine Serie „38 Days of Re-collection“. Mohammed Abusal dagegen zeigt in seiner Serie „Shambar“ Nachtaufnahmen aus dem Gazastreifen von Orten, die von Generatoren unterschiedlicher Stärke beleuchtet werden und verweist damit auf die Elektrizitätsprobleme im Gazastreifen.

Eine interessante Reflektion in Bezug auf die Rolle der Fotografie im Verhältnis von Unterdrücker und Unterdrückten war in der Ausstellung in einem Statement des palästinensischen Künstlers Yazan Khalili zu lesen: „Der Fotoapparat des Unterdrückten ist die Fortsetzung seines Auges, während der Fotoapparat des Unterdrückers die Fortsetzung seines Geistes ist“.


Zur Biennale ist ein Katalog im Snoeck Verlag (ISBN 978-94-6161-262-5) erschienen. Die Webseite der Biennale stellt darüber hinaus alle beteiligten Künstler einzeln vor. Zur Arbeit von Amélie Debray über Fußball in Palästina ist im Verlag „Les presses du reel“ auch ein umfangreiches Buch erschienen.


Mittwoch, 30. Dezember 2015

Das Jahr im Bild bei der FR


Würde man den Abgesang des Fotojournalismus einleiten wollen, es gäbe sich wohl kaum eine bessere Gelegenheit, als die immer wiederkehrenden Zusammenstellungen von Jahresrückblicken in Bildern um Weihnachten und Silvester durch deutsche Tageszeitungen. Meist wahllos und ohne Wissen über Fotografie und das journalistische Bild werden dafür Agenturfotografien miteinander kombiniert. Am Beispiel „Das Jahr im Bild“ der Frankfurter Rundschau soll dies hier kurz aufgezeigt werden.


Der Jahresrückblick im Bild bei der Frankfurter Rundschau

Die Frankfurter Rundschau publizierte ihre Serie zwischen dem 21.12 und 24.12. in den Rubriken Politik, Wirtschaft und Sport. Aufgrund der besonderen Bedeutung des Themas Flucht im vergangenen Jahr, wurde extra die Rubrik Flüchtlinge dazugepackt. Die einzelnen Rückblicke wurden in der Mitte der Zeitung positioniert, was das Ausnutzen einer Doppelseite über die Falz hinweg ermöglichte. Die Bilder stammten allesamt von Agenturen, zur großen Mehrheit von der französischen Agentur AFP und der russischen Agentur rtr.

Schaut man sich die Übersicht an, so fallen mehrere Dinge auf. Zum einen bleibt unklar, was die Kriterien sind, nach denen die Bilder ausgewählt wurden. Die Vermutung liegt zwar nahe, dass es um die wichtigsten Ereignisse des Jahres geht. Aber da einige Ereignisse fehlen, kann dies nicht das zentrale Kriterium gewesen sein. Ebenso wenig kann die Prägnanz einzelner Bilder der Grund gewesen sein, da viele aus fotografischer Sicht mangelhaft sind. Es finden sich angeschnittene Personen oder nichtssagende Situationen.

Traurig an der Zusammenstellung ist, dass hier relativ viel Platz dem journalistischen Bild gewidmet wird, ohne dass dessen Qualitäten zum Tragen kommen können. Damit wird die Doppelseite zu einem gewissen Grad belanglos. Der viele Platz wird hier verschenkt. Was sich hier bemerkbar macht ist die Tendenz des Onlinejournalismus, Artikeln durch Bildergalerien Mehrwert zu verleihen. Auch dort sind es meistens wahllos kombinierte Bilder verschiedener Agenturen.

Was fehlt, ist Mut und eine Handschrift einer Bildredaktion, über eine besondere Bildauswahl oder die Konzentration auf bestimmte politische Aspekte oder eine oder mehrere Fotografen ein Statement zu setzen und dem qualitativ hochwertigen Fotojournalismus eine Chance zu geben. Vorbei sind die  Zeiten, als die FR in ihrem Magazin jede Woche neue Fotografen vorstellte, die Ute Noll als Bildredakteurin ausgewählt hatte. Da hatte die Fotografie eine Glanzstunde im Zeitungsjournalismus, die bis heute unerreicht ist.

Dienstag, 29. Dezember 2015

Aktuelle Artikel aus dem Herbst


Hier finden sich kurze Teaser zu den Artikeln und Interviews, die von mir im November und Dezember im Neuen Deutschland, bei der Deutschen Welle und bei Qantara veröffentlicht wurden, inklusive der Verlinkungen zu den vollständigen Artikeln.


Der "Jerulin-Prozess"

Vor zwei Jahren verließ Guy Briller Jerusalem und zog nach Berlin. Ich habe mit ihm über seine umfangreiche künstlerische Tätigkeit in der Heiligen Stadt, seine neuen Erfahrungen in Berlin und über Fragen der Zugehörigkeit gesprochen.

FK: Guy Briller, Sie haben viele Jahre lang in Jerusalem gelebt, und mit Ihren Kunstprojekten eine tiefe Verbindung zu diesem Ort geschaffen. Warum ist die Stadt für Sie so interessant?
Guy Briller: Eins der Dinge, die mich bei meinen Beobachtungen über Jerusalem so inspiriert haben, war das Missverhältnis zwischen Versprechen und Wirklichkeit. Die Essenz des Wortes "Jerusalem" auf Hebräisch ist "Eins" oder "Einheit". Also ist das Versprechen der Stadt sehr groß. In gewissem Sinne ist hier der Monotheismus stärker und bedeutsamer präsent als anderswo auf der Welt. Es ist einer der Orte, die es uns ermöglichen nachzudenken, in denen ich mich als "ich selbst" sehen kann, als "Eins". Die Wurzel dessen liegt irgendwo im uralten Mythos des Judentums verborgen, und danach im Christentum und im Islam. Aber die Wirklichkeit ist fast genau das Gegenteil. Diese Gegensätzlichkeit hat mir ein enormes Aktionsfeld eröffnet – die Möglichkeit, Wege zu beschreiben, auf denen man das Offensichtliche durchbrechen und sehen kann, was sich dahinter verbirgt.

Das vollständige Interview wurde am 18.12. auf Qantara veröffentlicht.


Die unbeugsamen Frauen von Kabul

Das Berliner Willy-Brandt-Haus zeigt noch bis Mitte Januar die Ausstellung "Die Unbeugsamen - Vier Frauen in Kabul" der deutsch-afghanischen Fotografin Lela Ahamadzai. Für die Deutsche Welle habe ich mit Ihr über ihre schwierige Arbeit am Hindukusch gesprochen.

DW: Bilder aus Afghanistan in deutschen Medien zeigen meist Krieg und Gewalt. Welches Bild möchten sie mit ihrer Arbeit vermitteln?
Lela Ahmadzai: Ich fotografiere seit 2003 in Afghanistan. Ich zeige ungern blutige Szenen oder Bilder von Frauen mit Burka. Als Klischeebild wird das zwar immer wieder angefragt, aber ich vermeide, diese Erwartungen zu bedienen. Ich habe selbst den Krieg erlebt und weiß, dass nicht ständig Bomben und Raketen explodieren. Durch meine Langzeitdokumentationen kann ich ein anderes Bild zeigen und etwas über das Leben der Menschen erzählen.

Das vollständige Interview wurde am 30.11.2015 bei DW Online veröffentlicht.


Spuren des Vergangenen

Es ist eines der Themen mit der größten politischen Sprengkraft in Israel: die Auseinandersetzung mit dem ersten arabisch-israelischen Krieg aus palästinensischer Perspektive. Was für die Israelis bis heute als der heroische Unabhängigkeitskrieg firmiert, wird im palästinensischen Narrativ als »Naqba«, große Katastrophe, bezeichnet. Damit wird auf die Zerstörung Hunderter Dörfer und die Vertreibung Hunderttausender Palästinenser aus ihrer Heimat in den Jahren 1948 und 1949 Bezug genommen. Der US-amerikanische Fotograf Fazal Sheikh hat dies zum Thema seiner Arbeit gemacht und unter dem Titel »Erasure« dazu ein Fotobuch im Göttinger Steidl-Verlag veröffentlicht.

Der vollständige Artikel ist am 3.11.2015 im Neuen Deutschland erschienen.


Mittwoch, 23. Dezember 2015

Foto-Archive in Israel/Palästina


Der israelisch-palästinensische Konflikt spielt sich nicht nur im alltäglichen Leben der Menschen in der Region ab, sondern auch in der Auseinandersetzung zweier konkurrierender Meta-Narrative bzw. nationaler Erzählungen. Ein wichtiger Pfeiler dieser Narrative ist die kollektive Erinnerung. Eine zentrale Rolle in der kollektiven Erinnerung spielen historische Fotografien und vor allem deren gezielter Einsatz bzw. das gezielte Nutzen zur Untermauerung bestimmter politischer Positionen in der Erinnerung. In diesem Zusammenhang ist eine zentrale Frage, aus welchen Quellen sich die historischen Fotografien speisen und wer heute die Verfügungsgewalt über die Archive und damit die historischen Fotografien hat. 

Es gibt eine ganze Reihe von Archiven mit historischen Fotografien aus der Region, die auch im Internet zugänglich sind. Am besten sortiert und am umfangreichsten sind die Archive zionistischer Organisationen wie der World Zionist Organization (WIZO) oder des jüdischen Nationalfonds (JNF). Dies ist insofern nicht verwunderlich, als dass seit der Gründung dieser Organisationen Fotografen in deren Namen tätig waren, um die Umsetzung des zionistischen Projekts zu dokumentieren. Ein anderes wichtiges und ebenfalls sehr politisches Archiv ist die National Photo Collection, die vom Presseamt der israelischen Regierung, dem Government Press Office (GPO) in Jerusalem verwaltet wird. Neben den Fotografien der Pressefotografen der israelischen Regierungen finden sich hier die Nachlässe bedeutender israelischer Fotografen wie Zoltan Kluger.

Neben den Archiven der zionistischen Organisationen und des israelischen Staates existieren auch umfangreiche private Sammlungen, die ebenfalls online zugänglich sind. Die umfangreichste und bekannteste Sammlung, die vor allem kommerziell genutzt wird, ist unter dem Namen „The Photo House“ bekannt und vermarktet Bilder des Tel Aviver Fotostudios von Rudi Weissenstein. Seit Mitte der 1930er Jahre dokumentierte er das Leben in der Mittelmeermetropole und dem Jishuv. Verschiedene private Fotosammlungen sind auch über die israelische Nationalbibliothek zugänglich.

Weniger umfangreich und weniger gut sortiert sind Archive auf palästinensischer Seite. Dies hängt zum einen damit zusammen, dass die Fotografie historisch gesehen auf Seiten der Palästinenser eine weniger große Rolle spielte als im zionistischen Projekt und zum anderen damit, dass das Projekt der Errichtung eines palästinensischen Staates bis heute in den Kinderschuhen steckt. Am systematischsten wurde das Leben der Palästinenser von den Fotografen des Hilfswerks der Vereinten Nationen für palästinensische Flüchtlinge (UNRWA) dokumentiert. Seit wenigen Jahren wird deren Archiv systematisch digitalisiert. Einige Werke palästinensischer Fotografen finden sich auch im Archiv der Arab Image Foundation aus dem Libanon. Die in Ramallah ansässige gemeinnützige Organisation Al-Qattan Foundation plant im Rahmen des von zu errichtenden Kunstmuseums auch ein Archiv palästinensischer Fotografie aufzubauen.

Bis heute gibt es nur wenig Forschung über die Bedeutung fotografischer Archive in der kollektiven Erinnerung der Israelis und der Palästinenser sowie die politische Verwertung der Bilder zur Unterstützung des jeweiligen Narrativs. Unbestreitbar ist sicherlich, dass die Archive politisch gelesen werden müssen. In einem der wenigen Aufsätze zum Thema schreibt die israelische Kuratorin Rona Sela über die zionistischen Foto-Archive auf der Plattform Ibraaz: „These archives are not neutral and are connected to a national ideological system that loads them with meaning and a Zionist worldview“. Es besteht insofern ein großes Ungleichgewicht, als dass es auf Seiten der Palästinenser sehr viel weniger umfangreiche Fotografie-Archive gibt. Hier Bedarf es in Zukunft großer Anstrengungen diese aufzubauen.






Montag, 2. November 2015

Ereignis- und Medienrealität im Fotojournalismus


Vor kurzem las ich in Vorbereitung eines Seminars erneut einen Text des Kommunikationswissenschaftlers Hans-Matthias Kepplinger, der sich mit unterschiedlichen Formen von Ereignissen im Journalismus beschäftigt*. Seine Unterscheidung von Ereignis- und Berichtsebene sowie die Herleitung der drei Ereignisformen genuin, mediatisiert und inszeniert, nutze ich seit einiger Zeit in Seminaren und Workshops, die sich kritisch mit Fotojournalismus und massenmedialer Bildberichterstattung beschäftigen. An dieser Stelle möchte ich der Frage nachgehen, was es heißt, die drei Ereignisformen auf den Fotojournalismus zu übertragen und eine Diskussion darüber anregen.

Dabei steht im Vordergrund die Frage, was es für das fotografische Abbild eines Ereignisses bedeutet, ob das Ereignis selbst ein genuines, mediatisiertes oder inszeniertes Ereignis war. Denn verkürzt könnte man annehmen, dass eine Fotografie eines inszenierten Ereignisses damit auch eine inszenierte Fotografie ist, also nicht nur das Dargestellte sondern auch die Darstellung inszeniert sind. Genau das ist meiner Ansicht nach ein Trugschluß. Eine der zentralen Normen im Fotojournalismus ist die Authentizitätsnorm. Sie ergibt sich aus der Augenzeugenschaft des Fotojournalisten bzw. der Fotojournalistin und besagt, dass von Seiten des Fotojournalisten bzw. der Fotojournalistin kein Eingriff in die Bildsituation erlaubt ist. Darüber hinaus soll das Bild fotografisch so umgesetzt werden, dass ein natürlicher Bildeindruck entsteht. Gleichzeitig sind auch im Fotojournalismus inszenierte Fotografien erlaubt, beispielsweise bei einem Porträt, wo der Fotograf die Fotografierten dirigiert.

Was dies in der Praxis heißt, möchte ich an einem Beispiel vom Jahresbeginn  veranschaulichen. Dabei geht es zum einen um die Frage, was inszeniert ist, das Ereignis oder die Fotografie und zum anderen die Rolle der darin involvierten Akteure. Am Rande einer Solidaritätsdemonstration für Charlie Hebdo nach dem Terroranschlag auf die Redaktion, kamen Dutzende Staats- und Regierungschefs nach Paris. Am Rande der Demonstration gab es in einer Seitenstrasse einen Fototermin für die Presse, wo sich die Staatslenker in einer geschlossenen Reihe den Fotografen zeigten. Die Fotografen lichteten das Ereignis so ab, wie es die Presseabteilung geplant hatte**. Trotzdem allem handelt es sich in diesem Fall um ein genuines Nachrichtenbild eines inszenierten Ereignisses, da der Fotograf bzw. die Fotografin nicht in das Geschehen eingegriffen haben bzw. eingreifen konnten. Hier wird sehr schön auch die Unterscheidung zwischen Dargestelltem und Darstellung deutlich. Inszeniert war das Dargestellte, nicht die Darstellung***. Als inszenierte Fotografie wäre das Bild dann zu bezeichnen gewesen, wenn die Inszenierung der Situation vom Fotografen ausgegangen wäre, als manipulierte Fotografie, wenn der Fotografie den Bildinhalt digital verändert hätte.

Einige mögen diese Darlegungen möglicherweise als intellektuelle Spitzfindigkeiten abtun, oder darin analytische Spielchen sehen. Dem möchte ich jedoch vehement widersprechen. Meiner  Ansicht nach haben wir es zunehmend mit einem Glaubwürdigkeitsverlust der Medien unter anderem aufgrund pauschal geäußerter Manipulations- und Inszenierungsvorwürfen in Bezug auf den Fotojournalismus zu tun. Diese rutschen jedoch, da sie völlig unspezifisch geäußert werden, ins Beliebige ab. Wenn alles inszeniert und manipuliert ist, dann gibt es keine Wahrheit, dann gibt es keine Verantwortung der involvierten Akteure. Dies halte ich für fatal. Deswegen plädiere ich an dieser Stelle dafür, dieser Beliebigkeit eine detaillierte Analyse entgegenzustellen, die in der Lage ist, die medialen Konstruktionsprinzipien zu hinterfragen und nachvollziehbar zu machen. Das auseinander dividieren von Ereignis- und Medienrealität, von Dargestelltem und Darstellung und den damit verbundenen Implikationen halte ich für einen wichtigen Teil davon.

* Kepplinger, Hans Mathias (2001): Der Ereignisbegriff in der Publizistikwissenschaft, in: Publizistik 46 (2),  S. 117 - 139.
** Pressetermine und Fotoereignisse wie diese stellen einen elementaren Teil symbolischer Politik dar und finden sich auf Pressekonferenzen, Gipfeltreffen, etc.
*** Problematisch war dagegen die Verwendung der Bilder in vielen Medien. Hier wurde das Bild in vielen Fällen so in die Berichterstattung eingefügt und ungenau kontexualisiert, dass der Konsument annehmen konnte, die Staatslenker hätten tatsächlich die Demonstration angeführt. Dies ist ein gravierender Fehler, der jedoch nicht den Charakter des Nachrichtenbildes sondern dessen Verwendung betrifft.

Dienstag, 27. Oktober 2015

Aktuelle Rezensionen im Oktober


Hier finden sich kurze Teaser zu den Rezensionen, die von mir im Oktober im Neuen Deutschland und bei Qantara veröffentlicht wurden, inklusive der Verlinkungen zu den vollständigen Artikeln.


Prekäre Felder des Kapitalismus

Es ist ein Rundumschlag über aktuelle politische und soziale Themen, den sich Urs Stahel, Kurator des Fotofestivals Mannheim-Ludwigshafen-Heidelberg, für die sechste Ausgabe vorgenommen hat. In diesem Jahr steht die internationale Biennale unter dem Titel »7P - Prekäre Felder« und zeigt an sieben Orten in den drei beteiligten Städten unterschiedliche fotografische Positionen zu so vielschichtigen Themenkomplexen wie Migration, Gewalt, Urbanismus, Geld, Wissen, Kommunikation und Kontrolle. Im Vordergrund stehen dabei vor allem künstlerische fotografische Positionen von bekannten Namen wie Ai Weiwei, Thomas Hirschhorn, Trevor Paglen oder Jürgen Teller.

Der vollständige Artikel ist am 26.10.2015 im Neuen Deutschland erschienen.


Das Verbindende im Alltag

Eine dreispurige, frisch geteerte Autobahn: das Symbol gesellschaftlichen Fortschritts im Nachkriegsdeutschland. Aber keine Autos sind auf ihr zu sehen, sondern ein Junge, der einen Drachen steigen lässt, vor der Kulisse rauchender Schlote am Horizont. Das Bild zeigt die A 42, heute die wichtigste Ost-West-Achse des Ruhrgebiets, vor ihrer Fertigstellung im Jahr 1979. Blickwechsel nach West-Berlin im Jahr 1980 zum Tag der Streitkräfte: Eine Frau fasst prüfend an die Ketten eines riesigen Panzers. Es sind alltägliche Szenen wie diese, die im Vordergrund der Ausstellung »Landsleute 1977-1987« des Fotografen Rudi Meisel stehen, die zurzeit in der Galerie C/O Berlin zu sehen ist.

Der vollständige Artikel ist am 21.10.2015 im Neuen Deutschland erschienen.


Abseits des bereits Gesehenen

Während in den Massenmedien die Bilderschlachten mit und um den IS Schlagzeilen machen, bleibt die visuelle künstlerische Produktion aus der Region meist außen vor. Wer einen Eindruck von der Vielfalt künstlerischer Positionen in der arabischen Welt bekommen will, der ist dieses Jahr auf der internationalen Kunstbiennale in Venedig gut aufgehoben. Die alle zwei Jahre stattfindende Biennale d'Arte in Venedig gehört neben der Documenta in Kassel und der Biennale in Sao Paolo zu den größten internationalen  Festivals zeitgenössischer Kunst. Im Gegensatz zu anderen Festivals lebt Venedig von Länderpavillons: 89 Nationen sind dieses Jahr vertreten, so viele wie nie zuvor. Darunter sind auch einige Länder der arabischen Welt und des Nahen Ostens wie Ägypten, Armenien, Irak, Iran, Israel, Syrien und die Vereinigten Arabischen Emirate. Nur ein kleiner Teil dieser Pavillons befindet sich in den Giardini, dem zentralen Ausstellungsgelände. Für alle anderen muss der Besucher Zeit und Entdeckerwillen mitbringen und wird mit über die Stadt verteilten Kleinoden belohnt.

Der vollständige Artikel ist am 7.10.2015 bei Qantara erschienen.

Montag, 19. Oktober 2015

Den Umgang mit Bildern lernen


Nicht nur aufgrund der exponentiell gestiegenen Bedeutung von Bildern für die massenmediale sowie die private Kommunikation, nehmen die Berufe, in den professionell mit Bildern gearbeitet wird mehr zu. Damit stellt sich für Viele, die Interesse an diesem Berufsfeld haben die Frage, wie ein Einstieg gefunden werden kann und welche Optionen es gibt. Einen tollen Überblick zu diesem Thema bildet das Themen-Special „Learn&Study“ des Magazins PICTA.

Das Magazin PICTA mit dem Untertitel „Wissen für Bildprofis“ wird vom Bundesverband der professionellen Bildanbieter herausgegeben. Im aktuellen Themen Special finden sich ausführliche Artikel über einzelne Berufsfelder wie den „Fachangestellten für Medien- und Informationsdienste – Fachrichtung Bildagentur“ oder Weiterbildungsmöglichkeiten wie den Studiengang Bildwissenschaft an der Donau Universität Krens. Ergänzt wird dies durch kurze Erfahrungsberichten sowie Interviews mit Praktikern über deren Karrierewege, beispielsweise mit der freien Bildredakteurin Ute Noll.

Spannend ist ein Artikel darüber, wie an der Journalistenschule Ruhr Volontäre das bildredaktionelle Arbeiten lernen. Nadja Masri gibt dagegen einen Einblick in den Studiengang Bildredaktion an der Ostkreuzschule in Berlin. Deutlich wird, wie interdisziplinär und vielschichtig die Zugänge zur Arbeit mit Bildern sein können und das oft spezifische auch außerhalb der Ausbildung erworbene Kompetenzen mehr zählen als Studienabschlüsse.

Ein toller Service ist die umfangreiche Liste am Ende der Publikation mit einer Zusammenstellung der verschiedensten Ausbildungsmöglichkeiten im Bereich Bild in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Dankenswerterweise kann das Special als PDF gratis von der Webseite des Verbands heruntergeladen werden.